VG-Wort Pixel

Tierversuche für Kosmetik: Das Leiden geht weiter!

Tierversuche für Kosmetik: Weiße Maus auf Reagenzgläsern
© Billion Photos / Shutterstock
In Europa hat sich in Sachen Tierversuche schon viel getan – getestet wird aber nach wie vor. Und auf den boomenden Beauty-Märkten Asiens gelten sowieso völlig andere Regeln.

Kaninchen, denen Shampoo in die Augen geträufelt wird, kahle Ratten, die mit hoch dosierten Fruchtsäuren malträtiert werden: Bilder von Tierversuchen aus längst vergangenen Zeiten? Leider nicht. In der Tat hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten einiges verbessert. So sind in der Europäischen Union Tierversuche für Kosmetika seit 2004 verboten, seit 2009 gilt das auch für die verwendeten Rohstoffe. Und seit 2013 dürfen an Tieren getestete Beauty-Produkte in der EU nicht einmal mehr verkauft werden. Doch es gibt Lücken im System, die das Quälen für die Schönheit nach wie vor erlauben. 

Warum gibt es immer noch Tierversuche?

Wie kann das sein? Sabrina Engel, Fachreferentin bei der Tierrechtsorganisation Peta erklärt es so: "Die Verbote beziehen sich letztlich auf einen sehr geringen Teil rein kosmetischer Rohstoffe. Rund 90 Prozent aller Substanzen, die in Kosmetika enthalten sind, unterliegen aber der EU-Chemikalienrichtlinie REACH." Und die gestattet die Tests –wenn die Zutaten nicht allein in Beauty- Produkten, sondern auch in Arznei- und Reinigungsmitteln eingesetzt werden. 

Damit nicht genug: Auch für rein kosmetische Rohstoffe werden die Versuche gemacht – wenn etwa Arbeiter*innen bei der Herstellung von Kosmetika einem möglichen Risiko durch neue chemische Ingredienzien ausgesetzt sind oder Auswirkungen auf die Umwelt geprüft werden sollen. Kurz: Tierversuche mit Seren, Cremes, Haarkuren... sind verboten – für deren einzelne Bestandteile oft erlaubt. Durch die Tests wollen sich Firmen im Falle einer Klage gegen hohe Schadensersatzansprüche absichern. 

Die Rolle des Verbrauchers

"Aber", sagt Peta-Expertin Sabrina Engel: "Kein Unternehmen muss Inhaltsstoffe verwenden, die einen Tierversuch voraussetzen würden – allein in Deutschland sind Produkte von über 450 tierleidfreien Firmen auf dem Markt." Und die Tendenz steigt. Was nicht zuletzt an uns, den Verbraucherinnen und Verbrauchern liegt. Mit unseren Kaufentscheidungen üben wir schließlich auch Druck auf die Unternehmen aus. So wird die deutsche Peta-Liste tierversuchsfreier Firmen monatlich fast 25000 Mal aufgerufen, und die Fotos aus einem Labor bei Hamburg, in dem an Hunden, Affen, Katzen und Kaninchen getestet wurde, brachten das Thema nicht nur wieder in die öffentliche Debatte – die Entrüstung sorgte dafür, dass der Betrieb eingestellt wurde. 

Tierleidfreie Kosmetik erkennt man übrigens an drei Qualitätssiegeln: dem "Hasen mit schützender Hand" des Internationalen Herstellerverbands tiergeschützte Naturkosmetik, Kosmetik und Naturwaren (IHTN), dem internationalen "Leaping Bunny" von einem Netzwerk aus acht Tierschutzorganisationen sowie dem Peta-eigenen Label "Cruelty Free". 

Das EU-Parlament fordert ein weltweites Verbot. Bis 2023 soll es so weit sein.

Dass in Europa umgedacht wird, ist wichtig. Doch viele Firmen sind Global Player. Und laut US-Investment-Bank Morgan Stanley ist der "zukünftig größte Beauty-Markt" der Welt nicht hier, sondern in China. 2013 wurden dort rund 21 Milliarden Euro für Kosmetika ausgegeben, 2018 bereits 33 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass es immer mehr Brands dorthin zieht. Aber: China schreibt Tierversuche für fast jedes Beauty-Produkt vor, das aus dem Ausland importiert wird. Ausnahmen: Zahnpasta und Seife.

Eine Möglichkeit, diese Verordnung zu umgehen: sogenannte Non-Special-Use-Waren vor Ort herzustellen; dazu gehören Parfüms, Hautpflege, Shampoo und dekorative Kosmetik. Für Special-Use-Produkte wie Deos, Haarfarben oder Sonnenschutz dagegen sind Tierversuche vorgeschrieben – egal, wo sie produziert werden. Die machen die Firmen auch nicht selbst, sie bezahlen die chinesische Regierung dafür. 

Unternehmen ziehen Konsequenzen

Manche Unternehmen akzeptieren das. Andere wie der Naturkosmetikhersteller Logocos und die Kult-Beauty- Brand Urban Decay haben sich deshalb aus dem China-Geschäft zurückgezogen. Oder entscheiden sich, wie der Make-up-Multi Cosnova, zu dem Marken wie Ca­trice, Essence oder L.O.V gehören, von vorn­herein gegen Exporte ins Reich der Mitte. Und dann gibt es Firmen wie Fenty Beauty von Popstar Rihanna, Weleda, Charlotte Tilbury oder The Ordinary: Sie verkaufen ihre Produkte überhaupt nicht in chinesischen Geschäften, sondern über Online-Handelsplattformen wie Alibaba, Tmall oder JD.com. Die haben ihren Sitz außerhalb von Festland-China, etwa in der Freihandelszone Hongkong – und unterliegen damit seit 2015 nicht mehr dem Tierversuchsparagrafen. 

Doch auch im Einzelhandel tut sich etwas zum Wohl der Tiere, häufig von Firmen initiiert. Marken wie Dove und Herbal Essences haben mit der chinesischen Kosmetik-Zulassungs­behörde (CFDA), mit Fachleuten aus der Wissenschaft sowie Peta USA erreicht, dass einige Produkte ohne Tierversuche vertrieben werden können. Auch Haarpflege- Hersteller Paul Mitchell verkauft in China ein deutlich abgespecktes Sortiment, das ohne die Tests importiert werden darf. 

Neue tierleidfreie Verfahren

Außerdem hat Chinas Regierung im März 2019 zwei tierleidfreie Verfahren zugelassen. Getestet wird an im Reagenzglas oder in der Petrischale kultivierten Hornhautzellen von Kaninchen beziehungsweise rekonstruierter menschlicher Haut. Solch eine Testhaut stellt der L’Oréal-Konzern seit 2014 in seinem Episkin-Zentrum in Schanghai her und verkauft sie auch an andere Unternehmen sowie an die chinesischen Behörden. 

Ein besonders hoffnungsvolles Signal kommt aber wieder aus Europa: 2018 forderte das EU-Parlament ein weltweites Verbot von Tierversuchen für Kosmetika bis 2023. Da diese in 80 Prozent aller Länder erlaubt sind, möchte man die Vereinten Nationen mit ins Boot holen. Ein steiniger Weg – aber auch ein weiterer Schritt in eine etwas bessere Welt.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im „Hautpflege und Kosmetik-Forum“ der BRIGITTE-Community vorbei! 

Holt euch die BRIGITTE als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen. 

BRIGITTE 6/2020

Mehr zum Thema