Wimpernserum Risiken: Gefahren und Nebenwirkungen

Kritik an Wachstumsseren für die Wimpern gibt es schon seit Längerem – nun ist sogar von bleibenden Schäden die Rede.

Das kann richtig ins Auge gehen

Länger, dichter, dunkler: In Sachen Wimpern darf’s für viele gern etwas mehr sein. Schnelle Erfolge versprechen kosmetische Wachstumsseren: Einmal täglich wie Eyeliner auf den oberen Wimpernkranz gepinselt, sollen sie bereits innerhalb von vier bis sechs Wochen beachtlich nachhelfen. In den meisten Fällen stimmt das sogar – vor allem bei Produkten mit sogenannten Prostaglandin-Abkömmlingen oder -Derivaten, zu erkennen an der Silbe "-prost" im Namen. Das sind synthetische Nachbauten des Gewebshormons Prostaglandin, die auf den Körper einen ähnlichen Effekt wie das Original haben.

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Wimpernserum mit pharmazeutischen Inhaltsstoffen 

Zwar kommen Wirkstoffe wie Bimatoprost oder Latanoprost in verschreibungspflichtigen Augentropfen gegen den grünen Star (Glaukom) zum Einsatz, um den Augeninnendruck zu senken. Doch bei damit behandelten Patientinnen und Patienten entdeckte man, quasi als Nebenwirkung, auch ein Wimpern-Plus. Worauf genau sich das zurückführen lässt, weiß man nicht. Es wird aber vermutet, dass die Wachstumsphase verlängert wird, sodass sich mehr Härchen gleichzeitig in diesem Stadium befinden und dadurch länger, dunkler und dicker, manchmal leider auch störrischer nachkommen. Die Tatsache, dass sich da was tun kann, nahmen Kosmetik-Firmen vor rund zehn Jahren jedenfalls zum Anlass, Prostaglandin-Derivate mit Zungenbrechernamen wie Norbimatoprost (früher MDN), Bimatoprost, Tafluprost oder Cloprostenol-Isopropylester auch in frei verkäuflichen Wimpernseren einzusetzen.

Starke Nebenwirkungen und bleibende Effekte 

Dass die Booster Nebenwirkungen haben können, ist schon länger bekannt. So treten bei der Hälfte aller Anwenderinnen Hautreizungen, Rötungen, Juckreiz, Trockenheit und Brennen auf, eine Verschlechterung der Sehschärfe und/ oder Kontaktlinsenunverträglichkeit. All das verschwindet meist wieder, sobald man die Seren absetzt. Doch es zeigen sich auch bleibende Effekte. So kann sich bei bis zu zehn Prozent der Nutzerinnen die Iris dunkler färben, was bei blauen, grauen oder grünen Augen dann schon ziemlich auffällt.

Prostaglandin-Derivate haben in Kosmetika einfach nichts zu suchen.

Gravierender und alarmierender ist ein neu entdecktes Phänomen: Prostaglandin-Derivate scheinen das Unterhautfettgewebe rund ums Auge abzubauen, sodass es nach einiger Zeit hohl wirkt und sich am Unterlid dunkle Schatten wie nach einer durchzechten Nacht zeigen. Der Münchener Dermatologe Dr. Stefan Duve sieht in seiner Praxis immer häufiger Patientinnen, die nach längerem Gebrauch dieser Seren unter diesen Symptomen leiden. "Es gibt Studien, die davon sprechen, dass es bei fünf bis zehn Prozent aller Anwenderinnen zu dieser dauerhaften Fettgewebsverdünnung kommt", sagt der Mediziner. Die einzige Lösung für das Problem: regelmäßiges Unterspritzen mit Hyaluronsäure, um die eingesunkenen Partien wieder etwas aufzupolstern. Noch deutlicher äußert sich Duves Kollegin, Professor Dr. Christine Bayerl, Direktorin der Klinik für Dermatologie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden: "Prostaglandin-Derivate haben aufgrund ihrer Nebenwirkungen in Kosmetika einfach nichts zu suchen."

Kosmetikprodukt oder Medizin?

Deutsche Behörden warnen ebenfalls vor den Wachstumsbeschleunigern, manche schon seit Jahren. So kritisieren das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sowie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Einstufung von Wimpernseren mit Prostaglandin-Derivaten als Kosmetika und empfehlen, diese vom Markt zu nehmen. Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wiederum forderte 2017, dass die Booster als Funktionsarzneimittel anzusehen seien, die einer Zulassungspflicht unterliegen und in klinischen Studien getestet werden müssen. Besonders weil die Konzentration des Wirkstoffs in einigen der Seren sogar über der in verschreibungspflichtigen Augentropfen liegt. Kosmetikprodukt oder Medizin? Hier zu differenzieren, macht einen erheblichen Unterschied – bei Ersterem sind Angaben zur Wirkstoffmenge oder auch zu möglichen Risiken und Nebenwirkungen nicht verpflichtend, Tests an Proband*innen nicht vorgeschrieben.

Studienlage noch eingeschränkt

Bis jetzt kommt die Studienlage zu den Wachstumssubstanzen noch dünn daher. Weshalb beispielsweise Seren mit dem Wirkstoff Norbimatoprost in der Produktcheck-App "ToxFox" auch unter die Rubrik "Enthält keine hormonell wirksamen Stoffe" fallen. Dabei muss man allerdings Folgendes bedenken: Dass eine Zutat (noch) nicht umfassend und abschließend auf negative Effekte untersucht wurde, bedeutet nicht, dass sie ungefährlich ist. Chemikalien-Expertin Ulrike Kallee von der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation BUND, zu der die App gehört, formuliert es so: "Die bei ,ToxFox‘ bewerteten Schadstoffe sehen wir als besonders kritisch an – das ist aber kein Freibrief für alle anderen Kosmetikinhaltsstoffe." Kallee jedenfalls empfiehlt, grundsätzlich auf Prostaglandin-haltige Seren zu verzichten: "Es besteht Grund zur Annahme, dass sie die Gesundheit schädigen können."

In anderen Ländern sind die Stoffe verboten

Ein Verbot dieser Substanzen in Kosmetika konnte noch nicht durchgesetzt werden – weil ein Hersteller gegen die Forderung Widerspruch eingelegt hat, und das Verfahren bis heute vor einem Kölner Gericht läuft. Andere Länder sind da konsequenter. Die schwedische Arzneimittel-Zulassungsbehörde Swedish Medical Products Agency hat Wimpernseren mit Prostaglandin-Derivaten bereits im Herbst 2012 vom Markt verbannt. Sie warnte übrigens schon damals vor dem Verlust von Fettgewebe rund ums Auge. Die kanadische Gesundheitsbehörde verbietet laut ihrer "Cosmetic Ingredient Hotlist" seit 2015 Prostaglandine und deren Derivate als Inhaltsstoffe in Kosmetik. Und auch das australische Department of Health zog 2018 das Serum "LiLash" aus dem Verkehr, nachdem ungewöhnlich viele Anwenderinnen von geröteten, entzündeten Augen und dunklen Schatten berichteten.

Ein klarer Gesetzesverstoß

Doch selbst wer ein Produkt nutzt, das laut Zutatenliste keine Prostaglandinähnlichen Substanzen enthält, ist nicht automatisch auf der sicheren Seite. So hat das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA) im vergangenen Jahr 17 Produkte aus deutschen Internet-Shops untersucht. Nur sieben kamen ohne Beanstandung durch, bei fünfen war der Wirkstoff irreführend gekennzeichnet und bei weiteren fünf gar nicht erst auf der INCI-Liste aufgeführt. Ein klarer Gesetzesverstoß – der allerdings erst mal eine Klägerin oder einen Kläger finden muss. 

Tipp: Tuschen fürs Wachstum? Gibt’s auch. Statt auf hormonähnliche setzen die meisten auf stärkende Stoffe wie Biotin.

SICHERHEIT IM BLICK

Wer nichts riskieren will, sollte zu Booster-Seren oder -Tuschen von bekannten Firmen greifen, die mit weniger heiklen Inhaltsstoffen arbeiten und etwa wachstumsfördernde Peptide, haarstärkendes Biotin oder geschmeidig machendes Panthenol einsetzen. Oder du gibst dem guten alten Rizinusöl eine Chance. In Beauty-Foren schwören zahlreiche Anwenderinnen auf die Wachstumswirkung, andere führen den Eindruck aufs gepflegtere, glänzendere Aussehen der Härchen zurück. So oder so: Möglichen Gesundheitsschäden kann man mit dem Hausmittel aus dem Weg gehen.
 

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BRIGITTE 18/2019

Wer hier schreibt:

Silke Amthor
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