Wirkstoffe aus dem Meer: Die unterschätzte Anti-Aging-Waffe

Qualle kommen dir nicht ins Gesicht? Hat aber jede Menge Anti-Aging-Potenzial – genau wie einige Algen, Seegras, Korallen ... Ein Blick in die Schatzkammern der Ozeane

Die Ozeane stecken voller Geheimnisse. Ihre tiefsten Tiefen wurden erst wenige Male erreicht und sind uns fremder als die Mondoberfläche. Was da unten noch auf uns wartet, bringt die Wissenschaft zum Träumen: "Ich könnte mir vorstellen, dass im Meer die Antworten auf all unsere Fragen liegen", sagt etwa die Biologin Dr. Ulrike Schmid-Staiger, Leiterin Algentechnik beim Fraunhofer Institut in Stuttgart.

Künstliche Wimpern: Pinzette mit falschen Wimpern vor geschlossenem Auge

Grenzenlose Vielfalt: Bisher kennt man erst einen Bruchteil der Lebewesen, die unter der Wasseroberfläche zuhause sind

Die Artenvielfalt jedenfalls ist riesig. Man schätzt, dass in den Weltmeeren etwa 500.000 Lebensformen existieren, von denen bisher weniger als 100.000 bekannt sind. Algen, Quallen, Korallen, Schwämme, Bakterien ... Jede Woche werden etwa 35 neue Organismen entdeckt, von denen einige eben auch das Talent haben, uns gesünder und schöner zu machen. Doch sie speichern nicht nur gute Stoffe wie Mineralien, Proteine und Vitamine, sondern auch Gifte: Blei, Cadmium, Quecksilber, Arsen ... "Und inzwischen gibt es weltweit leider keine Probenentnahme von Meerwasser, die frei von Mikroplastik ist, Teilchen bis zu fünf Millimeter Größe", sagt Dr. Elke Fischer, Laborleiterin Physische Geografie an der Universität Hamburg. "Selbst in sehr großen Tiefen lagert sich Plastik auf dem Meeresboden an." Fischer erforscht die Materie seit 2011 und kann noch nicht überblicken, wie viel Plastik tatsächlich durch die Ozeane strömt: "Unsere Messmethoden stoßen bei einem Mikrometer an ihre Grenzen. Für Nanopartikel gibt es aktuell noch kein Analyseverfahren." Sind Algen und andere aus den Tiefen stammende Wirkstoffe dann überhaupt fit für den Cremetiegel?

Zum Schutz der Arten werden die Tiere und Pflanzen meist gezüchtet

Damit nur Gutes in Pflegeprodukten landet und natürlich auch zum Schutz der Pflanzen und Tiere werden die Zutaten nicht einfach aus den Ozeanen gefischt, sondern mit ausgeklügelten Kulturprogrammen gewonnen. So ist das Wasser in Aquakulturen speziell aufbereitet, frei von Schadstoffen und Mikroplastik. "Im Labor wird für jede Algenart die optimale Lebensbedingung aus Licht, Begasung, pH-Wert, Temperatur und Nährstoffen ermittelt", sagt Biologin Dr. Ulrike Schmid-Staiger. "Algen aus kontrollierter Zucht können sogar noch wirkungsreicher sein als die aus dem offenen Meer." Auf diese Art lassen sich alle Organismen kultivieren, selbst Korallen und Schwämme, für die man allerdings etwas mehr Geduld braucht, weil sie nur sehr langsam wachsen.

Das Wirkstoffwunder: Algen

Sie können winziger als ein Stecknadelkopf oder so lang wie ein Jumbojet sein. Was sie für die Hautforschung so interessant macht? Ein Kilogramm enthält Wirkstoffe aus bis zu 100 000 Liter Meerwasser, und so können Algen 1000 Mal mehr Jod, 100 Mal mehr Kalzium und zehn Mal mehr Magnesium und Kupfer speichern als Landpflanzen. Ihre Vitamine und Mineralstoffe schützen vor Umwelteinflüssen und bekämpfen freie Radikale; ihre Proteine versorgen die Hautzellen mit Energie, das Chlorophyll verbessert die Sauerstoffversorgung der Haut, ihre Zucker binden Feuchtigkeit. Es gibt über 500 000 Arten. Die vier großen Familien sind Grün-, Braun-, Rot- und Mikroalgen, viele von ihnen lassen sich in der Kosmetik einsetzen. Die Selbstheilungskräfte der robusten Rotalge "Chondus crispus" zum Beispiel haben es Caroline Nègre, Leiterin der Forschungsabteilung von Biotherm, angetan: "Sie schöpft ihre Kraft aus Vitaminen und Mineralien und schafft es immer wieder, sich zu regenerieren. Wir haben ihr Potenzial extrahiert, mit biotechnologisch gewonnenen Substanzen kombiniert und für die Haut nutzbar gemacht." Die Moleküle sind 10 000 Mal kleiner als eine Pore, weshalb der Extrakt besonders tief eindringen soll.

Die Braunalge "Wakame"

Bei der gezackten Braunalge "Wakame" werden die Sporen im Ozean gesammelt und wachsen dann meterlang im Labor oder in Freilandbecken – die Zucht läuft also ohne Meeresernte und Eingriff ins Ökosystem. Die hautstärkenden Extrakte, die zum Beispiel in den Tiegeln der Firma Phyris landen, kommen aus der Normandie. Zu den für die Kosmetik wertvollen Fundstücken gehören auch die roten Purpuralgen, die in hydrothermalen Quellen knapp 5000 Meter unter der Meeresoberfläche Temperaturen von bis zu 400 Grad trotzen. In Cremes für sensible Haut wirken ihre Überlebensenzyme wie ein natürlicher Hitzeschutz und schützen Lipide, Proteine und die DNA der Haut (z. B. "Couperose Expert Cream" von Dr. Grandel). Ganz andere Fähigkeiten hat die Trichteralge "Padina pavonica", eine fächerförmige Braunalge, die in fast allen Meeren vom Nordost-Atlantik bis zum Indischen Ozean lebt: Sie kann Kalzium aus dem Wasser filtern, sich daraus eine feste Schutzhülle bauen – und als Wirkstoff in einer Creme die Widerstandskraft der Hornschicht stärken (z. B. in "Prédermine Densifying Anti-Wrinkle Cream trockene Haut" von Darphin).

Die Laminaria-Alge

Einer anderen Braunalge widmet sich Dr. Inez Linke, die das marine Leben in der Ostsee erforscht und Rezepturen für die Naturkosmetik-Marke Oceanwell entwickelt: "Wir bauen die Laminaria-Alge auf unserer Bio-zertifizierten Farm in der Kieler Förde an und gewinnen die Wirkstoffe durch Fermentierung." Eine Vision der Kieler Meeresbiologin: "Bekannte Rohstoffe besser zu nutzen, statt ständig neue aus dem Meer zu fischen. Oft werden nur wenige Wirkstoffe einer Alge verwendet, der Rest wandert in den Müll. Es wäre wesentlich nachhaltiger, die Biomasse vollständig zu verwerten. Die Enzyme und die Zuckerarten zu extrahieren, bis nur die Zellwandbestandteile übrig bleiben, die dann immerhin noch zur Energiegewinnung taugen." Aktuell forscht Inez Linke gemeinsam mit der Universität Kiel an einem Sonnenschutz ohne physikalische und chemische Filter, die zum Teil eine echte Belastung für Meeresorganismen sind. "Die Basis bilden Algen, die bei intensiver Sonneneinwirkung Schutzstoffe produzieren und nur deshalb überleben. Dieses Prinzip wollen wir auf die Haut übertragen und einen vollkommen natürlichen Sonnenschutz entwickeln."

Der Wasserspender: Meeresspargel

Er ist ein entfernter Verwandter der Algen und lebt in flachen Küstengewässern, wo er bei Ebbe schon mal eine Zeit lang auf dem Trocknen sitzt. Seine Fähigkeit, viel Wasser zu binden, macht ihn resistent gegen Austrocknung – und interessant als Inhaltsstoff von Cremes für trockene Haut (z. B. von Biomaris)

Die Straffmacher: Quallen

Sie waren von Anfang an dabei: Seit etwa 670 Millionen Jahren schweben die Nesseltiere durch die Ozeane. Die etwa 2500 Arten bestehen zu 98 Prozent aus Wasser, das durch Kollagen zusammengehalten wird. "Quallen sind die Gewinner der Überfischung der Meere und Klimaveränderung", sagt Dr. Inez Linke. "Die einzigen Lebewesen, deren Populationsdichte zugenommen hat. Inzwischen gefährden sie das ökologische Gleichgewicht." Ihr Einsatz als Anti-Aging-Wirkstoff ist also eine Win-win-Situation für die Meere und die Schönheit: "Das Kollagen aus der pazifischen Wurzelmund-Qualle bildet auf der Haut ein hauchzartes Vlies, das den Feuchtigkeitsgehalt erhöht, strafft und Fältchen aufpolstert", erklärt Meeresbiologin Linke die Wirkung des weltweit ersten Naturkosmetikzertifizierten Kollagens aus dem Ozean (von Oceanwell).

Der Bodyguard: Seegras

Das Gewächs macht gerade eine sehr attraktive Karriere: vom Schattendasein als Dünger, Dämm- und Füllmaterial zum Wirkwunder im Cremetiegel. Die blühende Meerespflanze gedeiht das ganze Jahr, fast überall – von der Nordsee bis zum Südpazifik. Seegras ist reich an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, an Mineralien, den Vitaminen A und E. Sein Extrakt wirkt antibakteriell, feuchtigkeitsspendend und schützt vor freien Radikalen (z. B. in den Peeling-Pads "Daily Resurfacer" von Dermalogica).

Die Hoffnungsträger: Korallen

Im alten Ägypten sprach man ihnen magische Heilkräfte zu, in Neapel verschenken Abergläubige sie zu kleinen Hörnchen geformt gegen den bösen Blick – und in Russland wird die Koralle als Glücksbringer zur Hochzeit getragen. Sie selbst hat nicht so viel Glück: Die Erwärmung der Meere kann zum Absterben, der sogenannten Korallenbleiche führen. Chemikalien belasten die Riffe zusätzlich. Da verbietet es sich natürlich, die Nesseltiere für Kosmetik zu ernten. Selbst wenn ihre entzündungshemmenden Terpenoide der Haut noch so guttun. Doch am Straubinger Fraunhofer-Institut arbeitet man zurzeit an der Entschlüsselung der natürlichen Biosynthese – um sie in Zukunft umweltschonend herstellen zu können.

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BRIGITTE 15/2019

Wer hier schreibt:

Carolin Lockstein
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