Andrew Sean Greer: "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli"

Band 6 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Andrew Sean Greer erzählt in seinem Roman "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli" melancholisch und humorvoll zugleich von einer lebenslangen Liebe.

Das Buch

Ende des 19. Jahrhunderts wird in San Francisco ein Junge mit einer rätselhaften Krankheit geboren. Max’ Züge gleichen denen eines 70-Jährigen. Seine Entwicklung verläuft rückwärts. Das Drama seiner Existenz wird für ihn aber erst deutlich, als er sich mit 17 in die 14 Jahre alte Nachbarstochter Alice verliebt. Denn er ist äußerlich ein alter Mann. Alice hingegen fühlt sich zu Max’ bestem Freund Hughie hingezogen, dem Einzigen, der das Geheimnis kennt. Hughie aber liebt Max. Eine Dreiecksgeschichte, so seltsam wie das Rätsel um Max’ Geburt, nimmt ihren Lauf. Erst in der Mitte ihres Lebens, als sie sich äußerlich gleich sind, bekommen Max und Alice eine zweite Chance.

Melancholisch und humorvoll zugleich erzählt Andrew Sean Greer von einer lebenslangen Liebe, die zumeist aus Hoffen und Warten besteht.

Der Autor

Andrew Sean Greer wurde 1970 in Washington D. C. geboren. Er studierte kreatives Schreiben und lebte einige Jahre als erfolgloser TV-Autor in New York. Später zog er nach San Francisco und veröffentlichte 2000 seinen ersten Erzählungsband. "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli" wurde nach ihrem Erscheinen 2004 in 22 Ländern verkauft. Andrew Sean Greer lebt heute in San Francisco und New York. Zuletzt erschien sein Roman "Geschichte einer Ehe".

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Leseprobe "Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli"

25. April 1930 Jeder von uns ist die Liebe im Leben eines anderen. Das möchte ich schon einmal für den Fall festhalten, dass ich entdeckt werde und diese Seiten nicht zu Ende bringen kann, für den Fall, dass du vor Entsetzen über mein Bekenntnis und das Geschehene alles verbrennst, noch bevor ich dazu komme, dir von Mord und großer Liebe zu berichten. Ich könnte es dir nicht verdenken. Es spricht so vieles dagegen, dass je ein Mensch meine Geschichte hört. Und immerhin gilt es eine Leiche zu erklären. Eine dreimal geliebte Frau. Den Verrat an einem Freund. Und die lange Suche nach einem Jungen. Deshalb lass mich gleich mit dem Schluss beginnen und dir sagen, dass jeder von uns die Liebe im Leben eines anderen ist.

Ich sitze hier an einem herrlichen Apriltag. Um mich verwandelt sich alles; die Sonne zeichnet tiefe Schatten hinter die Kinder und Bäume und radiert sie, kaum dass eine Wolke aufzieht, wieder aus. Das Gras füllt sich mit Gold, dann zerfällt es zu nichts. Der ganze Schulhof wird mit Sonne bespritzt und besprengt, bis alles vor erhabener Schönheit leuchtet und es mir den Atem raubt, dem Schauspiel beizuwohnen. Niemand sonst achtet darauf. Die kleinen Mädchen sitzen im Kreis, ihre Kleider knistern vor Stärke und Heimlichkeiten, die Jungen sind entweder auf dem Baseball-Feld oder hängen kopfüber in den Bäumen. Am Himmel darüber erstaunt mich ein Flugzeug mit seinem Brausen und seinem braven Kreidestrich. Ein Flugzeug; das ist nicht mehr der Himmel, den ich einmal kannte.

Und ich sitze in einem Sandkasten, ein Mann von fast sechzig Jahren. Es ist frisch und der Sand fest, die kleineren Kinder können kaum graben, außerdem ist das jagende Licht zu verlockend und alle stürmen Schatten nach, also bin ich ungestört.

Wir wollen mit Abbitten beginnen: Für die lappigen Heftseiten, die du in Händen hältst, ein trauriges Reliquiar für meine Geschichte und nicht reißfest, aber Besseres konnte ich nicht erbeuten. Für den Diebstahl, sowohl der Hefte wie auch des herrlichen Füllfederhalters, mit dem ich schreibe, den ich so viele Monate auf dem Pult meiner Lehrerin bewundert habe und den ich einfach an mich bringen musste. Für den Sand zwischen den Seiten, der sich nicht vermeiden ließ. Sicher, es gibt schlimmere Vergehen, eine verlorene Familie, einen Verrat und die vielen Lügen, die mich hierher in diesen Sandkasten geführt haben, und ich bitte um Vergebung noch für ein Letztes: Meine kindliche Handschrift.



Wir alle hassen, was aus uns wird. Da bin ich nicht der Einzige; ich habe Frauen in Restaurants in die Spiegel starren sehen, wenn sich ihre Männer kurz mal entschuldigten, Frauen im Bann ihres Selbst, wenn sie dort jemand erblickten, den sie nicht wieder erkannten. Ich habe Kriegsheimkehrer in Schaufenster blinzeln sehen, während sie die Schädel unter ihrer Kopfhaut spürten. Sie hatten geglaubt, sie könnten dem Schlimmsten ihrer Jugend entrinnen und das Beste des Alters gewinnen, aber die Zeit fegte über sie hinweg und begrub ihre Hoffnungen im Sand. Meine Geschichte ist ganz anders, aber am Ende kommt sie aufs Gleiche hinaus.

Einer der Gründe dafür, dass ich hier im Sand sitze und hasse, was aus mir geworden ist, ist der Junge. Eine so lange Zeit, eine so lange Suche, die vielen Lügen, die ich Bürovorstehern und Pfarrern auftischen musste, um die Namen der Kinder in der Stadt und in den Vororten zu erfahren, das Erfinden alberner Decknamen, schließlich Tränen in einem Motelzimmer und die Frage, ob ich dich je finden würde. Du warst gut verborgen. Wie der junge Prinz im Märchen vor dem Oger versteckt wird: in einem hohlen Baumstamm, in einem Dornendickicht, an einem kargen Ort ohne Zauber. Kleiner, verborgener Sammy. Aber der Oger findet das Kind immer, nicht wahr? Denn da bist du.

Solltest du das hier lesen, lieber Sammy, dann verachte mich nicht. Ich bin ein armer alter Mann; ich wollte dir nie Böses. Behalte mich bitte nicht nur als Kinderschreck in Erinnerung, obwohl ich auch das gewesen bin. Ich habe nachts in deinem Zimmer gelegen und im Dunkeln deinen rauen Atem gehört. Ich habe dir ins Ohr gesäuselt, während du träumtest. Ich bin, was mein Vater mich immer genannt hat – eine Missgeburt, ein Monstrum –, und noch während ich diese Zeilen niederschreibe (verzeih), beobachte ich dich.

Du bist der, der mit seinen Freunden Baseball spielt, während das Licht in deinem goldenen Haar kommt und geht. Der Braungebrannte, unverkennbar der Anführer, dem die anderen Jungen grollen und den sie doch lieben; es ist gut zu erkennen, wie sehr sie dich lieben. Du stehst am Schlagmal, hebst aber die Hand, weil dich irgendwas stört: ein Jucken, vielleicht, denn jetzt fährst du dir am Nacken unwirsch ins Haar, und dann, nach diesem plötzlichen Koller, rufst du laut und bist wieder beim Spiel.

Ihr Jungen, ihr seid ohne jede Anstrengung ein Wunder. Du bemerkst mich nicht. Warum solltest du? Für dich bin ich nur der Freund im Sandkasten, der vor sich hinkritzelt. Wollen wir doch mal sehen: Ich winke dir. Da, siehst du, jetzt stützst du kurz den Schläger auf und winkst zurück, auf deinem sommersprossigen Gesicht ein keckes Grinsen, überheblich, aber völlig ahnungslos. Wie viele Jahre, wie viel Mühe es mich gekostet hat, hierher zu gelangen. Du weißt nichts, argwöhnst nichts. Wenn du mich ansiehst, siehst du einen Jungen wie dich selbst. Ein Junge, ja, das bin ich. Ich bin so viele Erklärungen schuldig, aber zuallererst glaub mir:

In diesem elenden Körper werde ich an Geist und Seele alt. Doch äußerlich werde ich jung. Es gibt keinen Namen für das, was ich bin. Ärzte begreifen es nicht; meine Zellen wuseln unter dem Mikroskop falsch herum, teilen sich und verdoppeln ihre Unwissenheit. Ich selbst aber sehe mich als uralten Fluch. Den gleichen, mit dem Hamlet Polonius bedachte, bevor er den Alten aufspießte, nämlich dass er "wie ein Krebs rückwärts" kriecht, immer rückwärts. Schließlich sehe ich, während ich dies schreibe, aus wie ein zwölfjähriger Junge. Mit fast sechzig habe ich Sand am Hosenboden und Dreck am Schirm meiner Mütze. Mein Lachen ist frisch wie ein Apfelbissen. Und doch hat man mich schon für einen Jüngling von zweiundzwanzig gehalten, mit Gewehr und Gasmaske. Davor für einen Mittdreißiger, der im Erdbeben seine Liebste suchte. Einen arbeitsamen Vierzigjährigen, einen ängstlichen Fünfzigjährigen und älter und älter, je näher wir meiner Geburt kommen.

"Alt werden kann jeder", sprach mein Vater gern aus dem Bukett seines Zigarrenqualms. Aber ich bin auf die Welt geplatzt wie vom anderen Ende des Lebens, und die Tage seither waren solche der physischen Umkehr, der schwindenden Krähenfüße, des Dunkelns des weißen und dann grauen Haars, der muskulöser werdenden Arme und sich rosig verjüngenden Haut, des Aufschießens und dann wieder Schrumpfens zu dem bartlosen, harmlosen Jungen, der dieses blasse Bekenntnis kritzelt.

Ein Mondkalb, ein Wechselbalg, so aus der Menschenart geschlagen, dass ich schon auf der Straße gestanden und jeden verliebten Mann gehasst habe, jede Witwe in Schwarz, jedes von einem ergebenen Hund hinter sich hergezerrte Kind.

Ginbeduselt habe ich geflucht und Wildfremde angespuckt, die mich für das Gegenteil dessen hielten, was ich im Innern war – für einen Erwachsenen das Kind, für einen Schuljungen den alten Mann, der ich jetzt bin. Ich habe gelernt, was Mitgefühl heißt, und bedauere die Leute ein wenig, weil ich besser als jeder andere weiß, was ihnen noch bevorsteht.

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