Anna Gavalda: "Zusammen ist man weniger allein"

Band 1 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Anna Gavalda wagt in "Zusammen ist man weniger allein" die Vision einer vorbehaltlosen Zuneigung: vier Menschen, die beschließen, füreinander da zu sein, aller Schwächen und Unterschiede zum Trotz.

Das Buch: Zusammen ist man weniger allein

Es ist eine ziemlich gebeutelte WG, die sich in der riesigen Pariser Altbauwohnung zusammengefunden hat: Philibert, dessen Familie das 300-Quadratmeter- Apartment gehört, weiß alles über die Geschichte Frankreichs, gerät aber ins Stottern, sobald ihn jemand anspricht. Franck ist Koch in einem Sternerestaurant, ansonsten aber ein ungehobelter Klotz mit verletzter Seele. Die dünne Camille jobbt in einer Putzkolonne, weil sie für die Malerei keine Kraft mehr hat. Was den dreien fehlt, ist das, wogegen sie sich am meis ten wehren: Liebe. Denn von Gefühlen will keiner mehr etwas wissen. Bis Paulette einzieht, Francks 83-jährige Groß mutter, die noch mehr vom Leben will als einen Platz im Altersheim. Zusammen beginnen sie einen vorsichtigen Neuanfang.

wagt in "Zusammen ist man weniger allein" die Vision einer vorbehaltlosen Zuneigung: vier Menschen, die beschließen, füreinander da zu sein, aller Schwächen und Unterschiede zum Trotz.

Die Autorin

Anna Gavalda wurde 1970 in der Nähe von Paris geboren. Sie wuchs auf dem Land auf und studierte später Literaturwissenschaften an der Sorbonne. Ihr Debüt "Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet" war der Überraschungserfolg des Jahres 1999. Inzwischen gehört sie zu Frankreichs erfolgreichsten Autorinnen. Anna Gavalda ist Mutter zweier Kinder und lebt in Melun, nahe Paris.

BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane" bestellen

Bestellen Sie die gesamte BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane" gleich hier in unserem Shop und sparen Sie über 40 Euro im Vergleich zum Einzelkauf.

Leseprobe "Zusammen ist man weniger allein"

Paulette Lestafier war nicht so verrückt, wie die Leute behaupteten. Natürlich wußte sie, wann welcher Tag war, sie hatte ja sonst nichts zu tun, als die Tage zu zählen, auf sie zu warten und wieder zu vergessen. Sie wußte sehr wohl, daß heute Mittwoch war. Außerdem war sie fertig! Hatte ihren Mantel übergezogen, ihren Korb gegriffen und ihre Rabattmärkchen zusammengesucht. Sie hatte sogar schon von weitem das Auto der Yvonne gehört. Aber dann stand die Katze vor der Tür, hatte Hunger, und als sie sich bückte, um ihr den Napf wieder hinzustellen, war sie gestürzt und mit dem Kopf auf der untersten Treppenstufe aufgeschlagen. Paulette Lestafier fiel öfter hin, aber das war ihr Geheimnis. Das durfte sie nicht erzählen, niemandem. "Niemandem, hörst du?" schärfte sie sich ein."Weder Yvonne noch dem Arzt und schon gar nicht deinem Jungen ..."

Sie mußte langsam wieder aufstehen, warten, bis die Gegenstände alle wieder normal aussahen, Jod auftragen und ihre verfluchten blauen Flecken abdecken. Die blauen Flecken der Paulette waren nie blau. Sie waren gelb, grün oder hellviolett und lange sichtbar. Viel zu lange. Mehrere Monate bisweilen. Es war schwer, sie zu verstecken. Die Leute fragten sie, warum sie immer wie im tiefsten Winter herumlief, warum sie Strümpfe trug und nie die Strickjacke auszog. Vor allem der Kleine ging ihr damit auf die Nerven:

"He, Omi? Was soll das? Zieh den Plunder aus, du gehst ja ein vor Hitze!" Nein, Paulette Lestafier war überhaupt nicht verrückt. Sie wußte, daß ihr die riesigen blauen Flecken, die nicht mehr weggingen, einmal viel Ärger bereiten würden.

Sie wußte, wie alte, unnütze Frauen wie sie endeten. Die die Quecke im Gemüsegarten wuchern ließen und sich an den Möbeln festhielten, um nicht zu fallen. Die Alten, die den Faden nicht mehr durch das Nadelöhr bekamen und nicht mehr wußten, wie man den Fernseher lauter stellt. Die alle Knöpfe der Fernbedienung ausprobierten und am Ende heulend vor Wut den Stecker zogen.

Winzige, bittere Tränen.

Mit dem Kopf in den Händen vor einem stummen Fernseher. Und dann? Nichts mehr? Keine Geräusche mehr in diesem Haus? Keine Stimmen? Nie mehr? Weil man angeblich die Farbe der Knöpfe vergessen hat? Dabei hat er dir farbige Etiketten aufgeklebt, der Kleine, er hat dir Etiketten aufgeklebt! Eins für die Programme, eins für die Lautstärke und eins für den Ausknopf! Komm schon, Paulette! Hör auf, so zu heulen, und sieh dir die Etiketten an!

Schimpft nicht mit mir, ihr. Sie sind schon lange nicht mehr da, die Etiketten. Sie haben sich fast sofort wieder gelöst. Seit Monaten suche ich den Knopf, weil ich nichts mehr höre, weil ich nur noch die Bilder sehe, die leise murmeln.

Jetzt schreit doch nicht so, ihr macht mich ja ganz taub.

"Paulette? Paulette, bist du da?" Yvonne fluchte. Sie fror, drückte ihren Schal fester an die Brust und fluchte nochmals. Sie mochte es nicht, wenn sie zu spät zum Supermarkt kamen. Ganz und gar nicht.

Seufzend kehrte sie zu ihrem Auto zurück, stellte den Motor ab und nahm ihre Mütze. Die Paulette war bestimmt hinten im Garten. Die Paulette war immer hinten im Garten. Saß auf der Bank neben den leeren Kaninchenställen. Stundenlang saß sie dort, von morgens bis abends womöglich, aufrecht, reglos, geduldig, die Hände auf den Knien, mit abwesendem Blick.

Die Paulette redete mit sich selbst, sprach mit den Toten und betete für die Lebenden. Sprach mit den Blumen, den Salatpflänzchen, den Meisen und ihrem Schatten. Die Paulette wurde senil und wußte nicht mehr, wann welcher Tag war. Heute war Mittwoch, und Mittwoch hieß Einkaufen. Yvonne, die sie seit mehr als zehn Jahren jede Woche abholte, hob das Schnappschloß des Seitentürchens an und stöhnte: "Was für ein Jammer ..."

Was für ein Jammer zu altern, was für ein Jammer, so allein zu sein, und was für ein Jammer, zu spät zum Supermarkt zu kommen und keine Einkaufswagen mehr neben der Kasse zu finden. Doch nein. Der Garten war leer.

Die Alte fing an, sich Sorgen zu machen. Sie ging ums Haus herum und hielt die Hände wie Scheuklappen an die Scheibe, um zu sehen, was es mit der Stille auf sich hatte.

"Allmächtiger!" stieß sie aus, als sie sah, daß ihre Freundin in der Küche auf dem Fliesenboden lag. Vor lauter Schreck bekreuzigte sich die gute Frau irgendwie, verwechselte den Sohn mit dem Heiligen Geist, fluchte noch ein bißchen und suchte im Geräteschuppen nach Werkzeug. Mit einer Hacke schlug sie die Scheibe ein, dann schwang sie sich unter enormer Anstrengung auf das Fensterbrett.

Mit Mühe gelangte sie durch den Raum, kniete nieder und hob den Kopf der alten Frau an, der in einer rosa Pfütze badete, in der sich Milch und Blut schon vermischt hatten. "He! Paulette! Bist du tot? Bist du jetzt tot?" Die Katze schleckte schnurrend den Boden ab und scherte sich kein bißchen um das Drama, den Anstand und die ringsum verstreuten Glasscherben.

Themen in diesem Artikel