Boris Vian: "Der Schaum der Tage"

Band 17 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Boris Vians Roman "Der Schaum der Tage" ist voller Poesie - für alle, die das Träumen nicht verlernen möchten.

Das Buch

Colin genießt das exzentrische Leben, die Partys, die Mädchen. Nichts geht ihm über die Liebe und die Musik von Duke Elling ton. Auf einer Feier, die eine Freundin zum Geburtstag ihres Pudels gibt, lernt er Chloé kennen. Sie verlieben sich Hals über Kopf und heiraten mit einem rauschenden Fest. Doch auf der Hochzeitsreise verspürt Chloé plötzlich einen Druck in der Brust. Wie sich heraus stellt, wächst ihr eine Seerose in der Lunge, und kein Arzt scheint diese rätselhafte Krankheit heilen zu können. Boris Vians Roman aus dem Jahr 1947 steckt voller Wortspiele und fantas tischer Ideen. Es gibt nachwachsende Schuhsohlen und Aale, die gern Ananaszahnpasta naschen. Doch darf man sich von dieser skurrilen Hülle nicht täuschen lassen: Sie birgt tiefe Fragen nach dem Sinn unseres Daseins und der Liebe.

Eine surreale Welt, in der Mäuse sprechen und Pianos Cocktails mixen können: herzzerreißend und voller Poesie – für alle, die das Träumen nicht verlernen möchten.

Der Autor

Boris Vian wurde 1920 in Ville d’Avray geboren. Er studierte Ingenieurwissenschaften und übte diesen Beruf bis 1947 aus. 1946 /47 erschienen seine ersten Romane, zu seinen Förderern gehörte Jean-Paul Sartre. Später arbeitete Vian außerdem als Jazztrompeter, Chansonnier, Schauspieler, Übersetzer und Leiter der Jazzplattenabteilung bei Philips. 1959 starb er in Paris.

BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane" bestellen

Bestellen Sie die gesamte BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane" gleich hier in unserem Shop und sparen Sie über 40 Euro im Vergleich zum Einzelkauf.

Leseprobe "Der Schaum der Tage"

Colin beendete seine Toilette. Nach dem Bad hatte er sich in ein riesiges, weiches Frottiertuch gewickelt, aus dem nur seine Beine und sein Oberkörper heraussahen. Er nahm den Zerstäuber von der Glasplatte und sprühte wohlriechendes Öl auf sein helles Haar. Sein Bernsteinkamm teilte die seidige Fülle in lange orangene Strähnen, so wie die Gabel des fröhlichen Landmanns Furchen in Aprikosenkonfitüre zieht. Colin legte den Kamm hin, griff zur Nagelschere und schnitt die Ränder seiner schlaffen Augenlider schräg, um seinen Blick mit Geheimnis zu umgeben. Er mußte die Lider häufig stutzen, denn sie wuchsen schnell wieder nach. Er knipste die kleine Lampe über dem Vergrößerungsspiegel an und hielt sein Gesicht dicht vor den Spiegel, um den Zustand seiner Haut zu prüfen.

Einige Pickel erhoben sich im Umkreis seiner Nasenflügel. Als sie im Vergrößerungsspiegel ihrer Häßlichkeit gewahr wurden, zogen sie sich behände unter die Haut zurück, und Colin schaltete befriedigt die Lampe aus. Er löste das Frottiertuch, das seine Lenden umhüllte, und rieb mit einem Zipfel des Tuches die letzten Spuren von Feuchtigkeit zwischen den Zehen fort. Im Spiegel konnte man sehen, wem er ähnelte: dem Blonden, der in Hollywood Canteen den Slim spielt. Sein Kopf war rund, seine Ohren klein, seine Nase gerade, und sein Teint schimmerte golden. Er lächelte oft wie ein kleines Kind, so daß sich auf die Dauer ein Grübchen in seinem Kinn gebildet hatte. Seine Beine waren lang, er war ziemlich groß, schlank und sehr liebenswürdig. Der Name Colin paßte einigermaßen zu ihm. Er sprach sanft mit Mädchen und fröhlich mit Männern. Er war fast immer bester Laune, die übrige Zeit schlief er.

Er ließ das Badewasser ab, indem er ein Loch in die Wanne machte. Der geneigte hellgelbe Fliesenboden des Badezimmers leitete das Wasser zu einem Abfluß, der genau über dem Schreibtisch des Mieters in der unteren Etage lag. Vor kurzem hatte dieser, ohne Colin davon in Kenntnis zu setzen, seinen Schreibtisch umgestellt. Jetzt lief das Wasser auf sein Speisebuffet.

Colin schlüpfte in seine Sandalen aus Haifischleder und zog seinen eleganten Hosenanzug an, tiefseegrüne Cordsamthosen und eine Jacke aus haselnußbraunem Wollsatin. Er hängte das Handtuch über die Stange, legte den Badeteppich auf den Wannenrand und bestreute ihn mit grobem Salz, um ihm das aufgesogene Wasser zu entziehen. Der Teppich begann zu sabbern und stieß Trauben von kleinen Seifenblasen hervor. Er verließ das Badezimmer und wandte sich zur Küche, um die letzten Vorbereitungen für das Abendessen zu überwachen. Wie jeden Montagabend kam Chick, der ganz in der Nähe wohnte, zum Essen.

Es war zwar erst Samstag, aber Colin verspürte Lust, Chick zu sehen und ihm das Menu vorzusetzen, das sein neuer Koch Nicolas mit Freude und Hingabe zusammengestellt hatte. Chick war Junggeselle wie Colin, genauso alt wie dieser, zweiundzwanzig Jahre, und er hatte die gleichen literarischen Vorlieben, aber weniger Geld. Colin besaß ein Vermögen, das ihm ein gutes Aus- kommen sicherte, ohne daß er für andere arbeitete. Chick hingegen mußte alle acht Tage seinen Onkel im Ministerium aufsuchen und das Geld von ihm leihen, denn was ihm seine Stellung als Ingenieur einbrachte, reichte nicht für einen Lebensstandard wie den der Arbeiter, deren Vorgesetzter er war. Und es ist schwierig, jemandem Anweisungen zu geben, der besser angezogen und besser ernährt ist als man selbst. Colin half ihm so gut er konnte, indem er ihn möglichst oft zum Essen einlud, aber Chicks Stolz zwang ihn, behutsam vorzugehen, um ihm nicht durch zu häufige Gefälligkeiten zu zeigen, daß er ihn unterstützen wollte.

Der Flur vor der Küche war hell, er hatte auf beiden Seiten Fenster, und auf beiden Seiten schien eine Sonne, denn Colin liebte das Licht. Überall glänzten sorgfältig blankgeputzte Messinghähne. Das Sonnenspiel auf den Hähnen brachte zauberhafte Effekte hervor, wenn die Strahlen mit hellem Klang auf die Wasserhähne prallten, vergnügten sich die Küchenmäuse damit, zu dieser Musik zu tanzen, und wenn die Sonnenfäden wie gelbes Quecksilber am Boden zerstoben, jagten die Mäuse hinter den kleinen Kugeln her. Colin streichelte im Vorbeigehen eine der Mäuse; sie hatte sehr lange schwarze Schnurrhaare, war grau und winzig und hatte ein wunderbar schimmerndes Fell. Der Koch fütterte die Mäuse reichlich, ließ sie aber nicht zu fett werden. Die Mäuse machten tagsüber keinerlei Lärm und spielten nur im Flur.

Colin stieß die emaillierte Küchentür auf. Nicolas, der Koch, beobachtete sein Armaturenbrett. Er saß vor einem ebenfalls emaillierten hellgelben Schaltpult, dessen Zifferblätter zu den ringsum aufgereihten Küchengeräten gehörten. Die Zeigernadel des elektrischen Backofens, auf Putenbraten eingestellt, zitterte zwischen "fast gar" und "gar". Bald war es Zeit, die Pute herauszuziehen. Nicolas drückte auf einen grünen Knopf, der den hochempfindlichen Taster auslöste; dieser drang glatt durch das Fleisch, und der Zeiger sprang auf "gar". Mit einer schnellen Handbewegung stellte Nicolas den Ofen ab und schaltete den Tellerwärmer ein.

"Wird sie gut?" fragte Colin. "Dessen können Monsieur gewiß sein!" versicherte Nicolas. »Die Pute hatte das richtige Gewicht." "Was gibt es als Vorspeise?" "Ach Gott«, sagte Nicolas, "diesmal habe ich nichts Neues erfunden. Ich habe mich damit begnügt, Gouffé zu plagiieren." "Sie hätten sich ein schlechteres Vorbild aussuchen können", bemerkte Colin. "Und welchen Teil seines Werkes ahmen Sie nach?" "Es handelt sich um Seite 638 seines Livre de Cuisine. Ich werde Monsieur den betreffenden Abschnitt vorlesen. "

Colin nahm auf einem schaumgummigepolsterten Hocker Platz, dessen glänzender Seidenbezug auf die Farbe der Wände abgestimmt war, und Nicolas begann mit den folgenden Worten:

"Man stellt eine warme Blätterteigpastete her, wie man sie für Vorgerichte verwendet. Man bereitet einen dicken Aal vor und schneidet ihn in Stücke von drei Zentimeter Länge. Die Aalstücke gibt man in eine Kasserolle und fügt Weißwein, Salz und Pfeffer, Zwiebelringe, Petersilienzweige, Thymian, Lorbeer sowie eine Messerspitze Knoblauch hinzu. – Ich konnte sie nicht so anspitzen, wie ich es gern getan hätte", sagte Nicolas, "der Schleifstein ist sehr abgenutzt." "Ich werde ihn auswechseln lassen", sagte Colin.

Nicolas fuhr fort:

"Das Ganze bringt man zum Kochen, nimmt dann den Aal heraus und legt ihn in eine Schmorpfanne. Man passiert die Brühe durch ein Seidensieb, fügt Stärkemehl hinzu und läßt die Soße abbinden, bis sie am Löffel hängen bleibt. Dann seiht man sie durch ein Tuch, gibt so viel über den Aal, daß er bedeckt ist, läßt ihn zwei Minuten kochen und richtet ihn in der Pastete an. Um die Pastete herum legt man geschnitzelte Champignons, als Verzierung kommt in die Mitte ein Sträußchen Karpfenmilchner. Dazu reicht man den zurückbehaltenen Teil der Soße." "Einverstanden«, sagte Colin, "ich glaube, Chick wird das gern essen."

"Ich habe nicht den Vorzug, Monsieur Chick zu kennen", bemerkte Nicolas, "aber wenn er die Pastete nicht mag, werde ich nächstes Mal etwas anderes kochen, und das wird mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ermöglichen, seine Neigungen und Abneigungen herauszufinden." "Tja! ...", sagte Colin, "ich verlasse Sie nun, Nicolas. Ich werde mich ums Tischdecken kümmern."

Themen in diesem Artikel