Daphne du Maurier: "Rebecca"

Band 19 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Der Klassiker "Rebecca" von Daphne du Maurier erzählt von einer zerstörerischen Liebe - spannend bis zum fulminanten Ende.

Das Buch

In Monte Carlo lernt eine junge, schüchterne Frau den kultivierten und älteren Witwer Maxim de Winter kennen. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen und schiebt seine Anfälle von Schwermut auf den Tod seiner Frau Rebecca, die bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen ist. Als er ihr binnen einer Woche einen Heiratsantrag macht, ist sie überrascht – aber überglücklich. Nach rauschenden Flitterwochen kehrt das Paar auf de Winters Herrensitz Manderley in Cornwall zurück. Während er sich wieder um die Verwaltung des Anwesens kümmert, scheint seine Liebe nachzulassen. Und die neue Mrs. de Winter muss feststellen, dass ihre Vorgängerin noch im ganzen Haus auf unheimliche Weise gegenwärtig ist. Der Verzweiflung nahe, kommt sie hinter das dunkle Geheimnis von Manderley – und das ihres Mannes. Daphne du Mauriers atmosphärisch dichter Roman ist ein Klassiker: Psychologisch gekonnt erzählt sie die Geschichte einer großen, zerstörerischen Liebe.

Ein dunkles Geheimnis, eine zerstörerische Liebe, spannend bis zum furiosen Ende. Ein Klassiker.

Die Autorin

Daphne du Maurier (1907 – 1989) veröffentlichte ihren ersten Roman mit 24 Jahren und gehört zu den populärsten Schriftstellerinnen weltweit. Ihr Roman "Rebecca" wurde, wie auch ihre Kurzgeschichte "Die Vögel", von Alfred Hitchcock kongenial verfilmt und erhielt 1940 einen Oscar als "bester Film". Für ihre Verdienste um die Literatur wurde sie 1969 von der englischen Königin geadelt.

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Leseprobe "Rebecca"

Gestern Nacht träumte ich, ich sei wieder in Manderley. Ich sah mich am eisernen Tor der Einfahrt stehen, und ich konnte zuerst nicht hineingelangen, denn der Weg war mir versperrt. Schloss und Kette hingen am Tor. Ich rief im Traum nach dem Pförtner und erhielt keine Antwort, und als ich dann durch die rostigen Gitterstäbe spähte, sah ich, dass das Pförtnerhäuschen unbewohnt war.

Kein Rauch stieg aus dem Kamin, und die kleinen Butzenfenster starrten verlassen. Dann aber besaß ich plötzlich wie alle Träumer übernatürliche Kräfte, und wie ein körperloses Wesen durchschritt ich das Hindernis. Vor mir wand sich die Auffahrt, wand und schlängelte sich wie von altersher, aber als ich weiterging, merkte ich, dass sich etwas verändert hatte; der Weg war nicht mehr der, den wir gekannt hatten; er war schmal und ungepflegt.

Zunächst verwirrte mich das, und ich verstand es nicht. Und erst als ich mit dem Kopf einem tief herabschwingenden Ast ausweichen musste, wurde mir klar, was geschehen war. Die Natur war wieder zu ihrem Recht gekommen; ohne Hast, in ihrer leisen, heimlichen Art hatte sie nach und nach mit langen klammernden Fingern auf den Weg übergegriffen. Der Wald, der auch früher schon eine drohende Gefahr gewesen war, hatte schließlich doch den Sieg behalten. Regellos, in finsterer Dichte drangen seine Bäume immer näher zur Weggrenze vor. Buchen neigten ihre grauweißen nackten Stämme gegeneinander, ihre Zweige in seltsamer Umarmung verschlungen, und bauten ein Gewölbe über meinem Haupt wie der Bogengang einer Kirche.

Die Anfahrt war ein schmales Band, ein dünner Faden im Vergleich zu früher, der Kiesbelag verschwunden, unter Gras und Moos erstickt. Die Bäume streckten niedrige Zweige aus, die den Schritt hemmten; ihre knotigen Wurzeln ragten wie Totenkrallen hervor. Hier und dort erkannte ich in diesem Urwald Büsche: Hortensien, deren blaue Köpfe eine Berühmtheit gewesen waren. Keine Hand hatte sie beschnitten, sie waren verwildert und ragten jetzt blütenlos zu Riesengröße empor, schwarz, hässlich wie das namenlose Unkraut neben ihnen.

Weiter, immer weiter, bald nach Osten, bald nach Westen, wand sich der kümmerliche Pfad, der einst unsere Auffahrt gewesen war. Manchmal dachte ich, jetzt sei er ganz verschwunden, aber er tauchte wieder auf, hinter einem gestürzten Baum vielleicht oder mühsam den Rand eines morastigen Grabens erkletternd, den die Winterregen ausgewaschen hatten. Ich hatte nicht gedacht, dass der Weg so lang sei. Die Meilen mussten sich vervielfacht haben, genau wie die Bäume es getan hatten, und dieser Pfad führte zu einem Labyrinth, in eine erstickte Wildnis, aber nicht zum Haus. Ich stand plötzlich davor; das hemmungslos nach allen Seiten wachsende Dickicht hatte die Sicht versperrt, und ich stand da, das Herz pochte mir in der Brust, und ich fühlte den Schmerz aufquellender Tränen in meinen Augen.

Da war Manderley, unser Manderley, schweigend, verschwiegen, wie es immer gewesen war; das graue Gestein schimmerte im Schein meines Traummondes, die hohen zweiteiligen Fenster spiegelten das Rasengrün, die Terrasse wider. Die Zeit konnte das vollkommene Ebenmaß jener Mauern nicht zerstören und nicht die Harmonie der Lage – ein Kleinod in einer offenen Hand. Die Terrasse fiel zu den Rasenflächen ab, und die Rasenflächen zogen sich zum Meer hin, und als ich mich umwandte, erkannte ich die silbrige Weite, gelassen unter dem Mond wie ein See, den Wind und Sturm nicht berühren. Keine Wellen würden dieses Traummeer je beunruhigen, keine Wolkenwand vom Westen vermochte die Klarheit dieses blassen Himmels zu verfinstern.

Ich wandte mich wieder zum Haus, und mochte es selbst auch unversehrt, unangetastet stehen, als hätten wir es gestern verlassen – ich sah, dass auch der Garten dem Gesetz des Urwalds gehorsam gewesen war. Von Dornensträuchern durchwachsen und verwirrt, ragten die Rhododendronbüsche hoch und hielten unnatürliche Hochzeit mit der Masse namenlosen Gestrüpps, das sich um ihre Wurzeln klammerte. Ein Fliederbaum hatte sich mit einer Blutbuche vereint, und um sie noch enger aneinander zu fesseln, hatte der boshafte Efeu, von jeher ein Feind der Anmut, seine Fangarme um das Paar geschlungen, um es nie wieder freizugeben. Der Efeu beherrschte diesen verlorenen Garten; die langen Ranken krochen über den Rasen vor, und bald würden sie auch vom Haus Besitz ergreifen. Nesseln wuchsen überall, der Vortrupp der feindlichen Scharen. Sie überschwemmten die Terrasse, sie lümmelten sich auf den Wegen herum, gemein und ohne Haltung lehnten sie sich sogar gegen die Fenster des Hauses. Sie taugten aber nicht viel zum Wachdienst, denn an vielen Stellen durchbrach die Rhabarberstaude bereits ihre Reihen, und mit zertretenen Köpfen und kraftlosen Stängeln lagen sie am Boden, wo Kaninchen sich einen Pfad gebahnt hatten. Ich verließ die Anfahrt und stieg auf die Terrasse; mir boten die Nesseln in meinem Traum kein Hindernis, ich schritt verzaubert, und nichts hielt mich auf.

Das Mondlicht kann der Einbildung merkwürdige Streiche spielen, auch der Einbildung eines Träumers. Wie ich da still, mit verhaltenem Atem stand, hätte ich schwören können, das Haus sei nicht bloß eine leere Schale, sondern belebt und beseelt, wie es früher gelebt hatte.

Die Fenster waren hell erleuchtet, die Vorhänge bauschten sich leise im Nachtwind, und dort, in der Bibliothek, stand gewiss noch die Tür halb offen, die wir zu schließen vergessen hatten, und mein Taschentuch lag auf dem Tisch neben der Vase mit den Herbstrosen. Alles in dem Zimmer musste noch beredt von unserer Anwesenheit sprechen: der kleine Bücherstoß aus der Bibliothek, als gelesen abgezeichnet, um wieder zurückgestellt zu werden; und die alten Nummern der Times; Aschenbecher mit zerdrückten Zigarettenstummeln; die zerknüllten Kissen in den Stühlen, die noch den Abdruck unserer Köpfe trugen; die verkohlte Glut unseres Holzfeuers, die schwelend den Morgen erwartete; und Jasper, unser lieber Jasper, mit seinen ausdrucksvollen Augen und seinen schweren hängenden Lefzen, lag bestimmt noch vor dem Kamin ausgestreckt und würde mit dem Schwanz auf den Boden trommeln wie stets, wenn er die Schritte seines Herrn vernahm.

Eine Wolke war ungesehen heraufgekommen und bedeckte den Mond für einen Augenblick. Mit ihm verlöschten die Fenster; das Traumbild war verflogen, und um die starrenden Mauern raunte nicht länger die Stimme der Vergangenheit.

Das Haus war ein Grabmal unserer Hoffnungen, und unsere Leiden lagen in den Ruinen begraben. Es gab keine Wiederauferstehung. Wenn ich bei Tag an Manderley dächte, würden die Gedanken nicht bitter sein.

Ich würde so daran zurückdenken, wie es hätte sein können, wäre ich ohne Furcht dort gewesen. Ich würde mich an den sommerlichen Rosengarten erinnern, an den Vogelsang in der Morgenfrühe; wie wir den Tee unter dem Kastanienbaum tranken und das Flüstern der See von unten über die Rasenflächen zu uns heraufdrang. Ich würde mich an den blühenden Flieder erinnern und an unser glückliches Tal. Diese Dinge waren dauernd, sie konnten nicht vergehen; diese Erinnerungen taten nicht weh.

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