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Henri-Pierre Roché: "Jules und Jim"


Band 11 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": "Jules und Jim" von Henri-Pierre Roché ist eine atemberaubende Amour fou, eine Tragikomödie über Liebe, Freiheit und Freundschaft.

Das Buch

Henri-Pierre Roché: "Jules und Jim"

Jules und Jim sind dickste Freunde. 1907 haben sie sich in Paris kennen gelernt, Jules ist Deutscher, Jim Franzose. Sie teilen ihre Liebe zur Kunst, zur Boheme und zu den Frauen, von denen viele durch ihr Leben gehen. Mal ist es eine Magda, mal eine Lucie, Odile, Annie, Gilberte ... Bis Kathe erscheint. Sie hat das Lächeln einer griechischen Göttin und offenbar auch deren Zauberkräfte. Jules verfällt ihr, Jim schließlich auch, und es beginnt eine Amour fou zu dritt. So könnte es weitergehen. Doch dann tauchen weitere Verehrer auf, die Kathes Gefallen finden. Das Schicksal nimmt seinen Lauf – und reißt zwei der drei Freunde in den Tod. Rochés Roman, durch die Verfi lmung François Truffauts berühmt geworden, ist ein tragikomisches Manifest der freien Liebe mit einer der wenigen wirklich modernen Frauenfiguren in der Literatur.

Eine atemberaubende Amour fou, eine Tragikomödie über Liebe, Freiheit und Freundschaft.

Der Autor

Henri-Pierre Roché wurde 1879 in Paris geboren. Er studierte politische Wissenschaften, wandte sich jedoch der Kunst zu. Er pflegte Freundschaften zu Picasso, Gertrude Stein, Marcel Duchamp. Während einer Deutschlandreise freundete er sich mit dem jüdischen Schriftsteller Franz Hessel an, dem er mit der Figur des Jules in seinem ersten Roman ein Denkmal setzte. Henri-Pierre Roché starb 1959.

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Leseprobe aus "Jules und Jim"

Henri-Pierre Roché: "Jules und Jim"

Es war um 1907.

Jules, klein, rundlich und fremd in Paris, hatte den großen und schlanken Jim, den er flüchtig kannte, gebeten, ihm Eintritt zum Ball der Vier Künste zu verschaffen, und Jim hatte ihm eine Karte besorgt und ihn zum Kostümverleih mitgenommen. Als Jules betulich in den Stoffen suchte und sich schließlich für ein einfaches Sklavenkostüm entschied, da regte sich zum erstenmal Jims Freundschaft zu Jules. Sie wuchs während des Balls, auf dem Jules nichts sagte, große Kulleraugen machte und voller Humor und Zärtlichkeit war.

Tags drauf hatten sie ihre erste richtige Unterhaltung. Jules hatte kein Mädchen in Paris und wünschte sich eins. Jim hatte mehrere. Er machte ihn mit einer jungen Musikstudentin bekannt. Die Begegnung ließ hoffen: Jules war eine Woche lang ein wenig verliebt, sie ebenfalls. Dann fand Jules sie zu durchgeistigt, und sie fand ihn ironisch und schüchtern.

Jules und Jim sahen sich Tag für Tag. Einer brachte dem anderen seine Sprache und seine Literatur bei, bis weit in die Nächte hinein. Sie zeigten sich ihre Gedichte und übersetzten sie gemeinsam. Sie plauderten und nahmen sich Zeit, und keiner von beiden hatte je einen so aufmerksamen Zuhörer gefunden. Freilich, die Stammgäste in den Bars dichteten ihnen bald einen speziellen Lebenswandel an, aber davon merkten sie nichts.

Jim führte Jules in die literarischen Cafés ein, wo Berühmtheiten verkehrten. Jules wurde wohlwollend aufgenommen, und Jim freute sich darüber. Jim hatte eine Freundin in einem dieser Cafés, ein ungeniertes kleines Frauenzimmer, das in den Hallen den Becher höher schwang als die Dichter – oft bis sechs Uhr in der Früh. Sie verteilte ihre kurze Gunst souverän. In jeder Situation wahrte sie eine Freiheit jenseits des Gesetzes und einen blitzschnellen Witz, der ins Schwarze traf. Zu dritt gingen sie aus. Sie brachte Jules, den sie nett, aber einen Versager fand, aus der Fassung. Er fand sie bemerkenswert, aber schrecklich. Darauf trieb sie für Jules eine phlegmatische Freundin auf, die Jules jedoch am Ende zu phlegmatisch fand.

Weiter konnte Jim für Jules nichts tun. Er ermunterte ihn, allein weiterzusuchen. Jules, vielleicht gehemmt durch sein noch schlechtes Französisch, erlebte alle Tage Niederlagen. Jim sagte zu Jules: "An der Sprache kann es nicht liegen." Und er erklärte ihm das Prinzipielle. "Ebensogut könnten Sie mir Ihre Schuhe oder Ihre Boxhandschuhe geben", sagte Jules, "es hilft nichts; sie sind zu groß für mich."

Jules nahm, ganz gegen Jims Rat, Beziehungen zu Professionellen auf, ohne dort Befriedigung zu finden. So widmeten sie sich wieder ganz ihren Übersetzungen und ihren Gesprächen.

Jim in München Währenddessen kam Jules’ Mutter, betagt, aber noch rüstig, aus Mitteleuropa angereist, um ihren Sohn in Paris zu besuchen. Sie examinierte seine Wäsche und achtete darauf, daß ihm kein Knopf fehlte. Sie führte Jules und Jim in die feinsten Restaurants aus, bestand aber auf Gehrock und Zylinder. Das kostete Jules beträchtliche Anstrengungen. – Sie reiste wieder ab.

Drei Monate später, an einem verregneten Abend, improvisierte Jules ein Abendessen in seinen zwei möblierten Zimmern. Jim fand, als er zufällig die Klappe des Fayenceofens öffnete, dort den teuren Zylinder von Jules: er war mit einer feinen Rußschicht überzogen. Zufrieden sagte Jules: "Da stört er mich nicht, und der Ruß konserviert ihn." Jim entgegnete: "Ich bin nicht Ihre Mutter, Jules."

Sie aßen meist in kleinen Bistros. Ihr Geld verschwendeten sie für Zigarren; einer suchte für den anderen die besten aus. Sie besuchten das Concert Mayol und die Gaîté Montparnasse, wo gerade die Colette auftrat. Jules erzählte Jim ausführlich von seinem Land und von den Mädchen seines Landes. Eine hatte er geliebt, Lucie, doch vergeblich um ihre Hand angehalten. Dann war er nach Paris gegangen. Nach sechs Monaten wollte er heimfahren, um sie wiederzusehen.

"Es gibt noch eine andere", sagte Jules: "Gertrud, sie führt ein freies Leben und hat ein hübsches Kind. Sie versteht mich und nimmt mich nicht zu ernst. Schau hier."

Jules zog aus seiner Brieftasche ein Foto von Gertrud: nackt ausgestreckt am Strand, umspült von einer kleinen Welle, der einjährige Sohn ebenfalls nackt zu Füßen seiner Mutter, zum Meer gewandt, wie Eros auf einer Festung.

"Und es gibt noch eine: Lina, die ich vielleicht lieben würde, wenn ich nicht Lucie liebte. Passen Sie auf, so sieht sie aus." Und er zeichnete mit schmalen weichen Strichen ein Gesicht auf den runden Marmortisch. Jim betrachtete dieses Gesicht, während sie sich weiter unterhielten. Dann sagte er zu Jules: "Ich fahre mit Ihnen." "Um sie kennenzulernen?" "Ja." "Bravo!" sagte Jules. Jim wollte den Tisch kaufen, aber der Wirt war nicht bereit, ihn abzugeben, es sei denn, alle zwölf auf einmal.

Die drei Schönen Um die Dinge in Gang zu bringen, traf Jules acht Tage vor Jim in München ein, wo er im Kreis der drei Frauen zwei Jahre verbracht hatte.

Er mietete für Jim zwei große Zimmer bei netten Leuten und annoncierte ihn seinen drei Freundinnen, einer jeden mit anderen Kommentaren, so daß sie sich gar nicht mehr zurechtfanden, als sie untereinander die Beschreibungen verglichen.

Nach Jims Ankunft stellte Jules ihn Lina vor, die die Geschichte mit dem Tisch kannte. Noch bevor man mit dem Teegebäck zu Ende war, einigte sich Lina, ein schönes aber maliziöses Kind, zu Jules’ Überraschung mit Jim über die folgenden Punkte:

a) Jim entsprach nur wenig der Beschreibung, die Jules Lina gegeben hatte. b) Lina hatte kaum Ähnlichkeit mit der Zeichnung auf dem runden Tisch. c) Beide fanden sich sympathisch, erklärten aber gleich, um Jules’ und ihre eigene Zeit nicht zu verschwenden, daß der zündende Funke nicht übergesprungen sei.

"Wie ich euch um die Klarheit und Schnelligkeit eurer Reaktionen beneide ...", sagte Jules. Was Lucie und Gertrud angeht, so stellte Jules sie beide Jim bei einem Abendessen vor, in einem der modernsten Restaurants der Stadt. Sie erschienen zusammen, ein starker Kontrast, und nahmen, nachdem sie ihre Abendmäntel abgelegt hatten, an einem Tisch aus lichtem Holz Platz, der mit einem weißen Tuch und seltsamen Gläsern gedeckt war.

Ein glückliches und furchtsames Lächeln huschte über Jules’ Lippen, als er allen dreien sagte, wie sehr er sie ins Herz geschlossen habe.


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