Jostein Gaarder: "Das Orangenmädchen"

Band 8 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Jostein Gaarders Roman "Das Orangenmädchen" ist eine wunderschöne Ode an das Leben, die an großen Gefühlen nicht spart.

Das Buch

Georg ist 15, sein Vater vor elf Jahren gestorben. Da bekommt Georg überraschend Post von ihm. Ein Brief, den sein Vater schrieb, als er bereits todkrank war, und der all die Jahre unentdeckt in einer alten Kinder karre steckte. Darin erzählt der Vater Georg von seiner ersten großen Liebe, die er als junger Medizinstudent in der Osloer Straßenbahn trifft: ein Mädchen mit Grübchenlächeln und einer riesigen Papiertüte voller Orangen. Doch am Ende der Fahrt weiß der überwältigte Student nicht mehr als das von ihr – und die Suche beginnt. Jostein Gaarder scheut die großen Gefühle nicht, um diese Geschichte zu erzählen. Und stellt uns allen die Frage, was uns lieber wäre: das Glück zu verlieren – oder es nie erfahren zu haben.

Ein zutiefst berührendes Buch, spielerisch und philosophisch zugleich. Eine Ode an das Leben – und einer der schönsten Abschiedsbriefe, die je geschrieben wurden.

Der Autor

Jostein Gaarder wurde 1952 in Oslo geboren. Er war Lehrer für Philosophie, Religion und Litera turwissenschaft, bevor er 1982 Schrift steller wurde. 1991 erschien sein eigentlich als Kinder buch gedachter Bestseller "Sofies Welt", der sich weltweit über zwölf Millionen Mal verkaufte. Jostein Gaarder lebt mit seiner Familie in Oslo.

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Leseprobe "Das Orangenmädchen"

Mein Vater ist vor elf Jahren gestorben. Damals war ich erst vier. Ich hatte nie damit gerechnet, je wieder von ihm zu hören, aber jetzt schreiben wir zusammen ein Buch. Das hier sind die allerersten Zeilen in diesem Buch, und die schreibe ich, aber mein Vater wird auch noch zum Zug kommen. Er hat schließlich das meiste zu erzählen. Ich weiß nicht, wie gut ich mich wirklich an meinen Vater erinnern kann. Vermutlich glaube ich nur, dass ich mich an ihn erinnere, weil ich mir alle Fotos von ihm so oft angesehen habe.

Nur bei einer Erinnerung bin ich mir ganz sicher; dass sie echt ist, meine ich. Es geht um etwas, das passiert ist, als wir einmal draußen auf der Terrasse saßen und uns die Sterne anschauten. Auf einem Foto sitzen mein Vater und ich auf dem alten Ledersofa im Wohnzimmer. Er scheint etwas Lustiges zu erzählen. Das Sofa haben wir noch immer, aber mein Vater sitzt nicht mehr dort.

Auf einem anderen Bild haben wir’s uns in dem grünen Schaukelstuhl auf der Glasveranda gemütlich gemacht. Das Bild hängt seit dem Tod meines Vaters hier. Ich sitze jetzt in dem grünen Schaukelstuhl. Ich versuche, nicht zu schaukeln, weil ich meine Gedanken in ein dickes Schreibheft schreiben will. Und später werde ich alles in den alten Computer meines Vaters eingeben. Auch über diesen Computer gibt es etwas zu erzählen, darauf komme ich noch zurück.

Es war immer schon seltsam, diese vielen alten Bilder zu haben. Sie gehören in eine andere Zeit. In meinem Zimmer liegt ein ganzes Album mit Bildern meines Vaters. Es kommt mir ein bisschen unheimlich vor, so viele Fotos von einem Menschen zu besitzen, der nicht mehr lebt. Wir haben meinen Vater auch auf Video. Ich bekomme fast schon eine Gänsehaut, wenn ich ihn sprechen höre. Mein Vater hatte so eine richtig laute Dröhnstimme. Vielleicht sollten Videos von Menschen, die es nicht mehr gibt, oder die nicht mehr unter uns weilen, wie meine Großmutter das ausdrückt, verboten werden. Es kommt mir nicht richtig vor, den Toten hinterherzuspionieren. Auf einigen Videos kann ich auch meine eigene Stimme hören. Sie klingt dünn und hoch. Und erinnert mich an ein Vogeljunges.

So war es damals: mein Vater war der Bass, ich lieferte den Diskant.

Auf einem Video sitze ich auf den Schultern meines Vaters und versuche, den Stern von der Weihnachtsbaumspitze zu zupfen. Ich bin zwar erst ein Jahr alt, aber fast hätte ich es trotzdem geschafft. Wenn Mama sich Videos von meinem Vater und mir anschaut, kommt es vor, dass sie sich im Sessel zurücksinken lässt und schallend lacht, obwohl sie doch damals hinter der Videokamera gestanden und gefilmt hat. Ich finde es nicht richtig, dass sie über Videos mit meinem Vater lacht. Ich glaube nicht, dass ihm diese Vorstellung gefallen hätte. Er hätte vielleicht gesagt, das sei gegen die Regeln.

Auf einem anderen Video sitzen mein Vater und ich vor unserem Ferienhaus auf Fjellstølen in der Ostersonne und jeder hat eine halbe Orange in der Hand. Ich versuche, aus meiner den Saft herauszusaugen, ohne sie zu schälen. Mein Vater denkt wohl an ganz andere Orangen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Gleich nach diesen Osterferien merkte mein Vater, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er war über ein halbes Jahr lang krank und hatte Angst, dass er bald sterben müsste. Ich glaube, er wusste, dass das passieren würde.

Mama hat mir oft erzählt, dass mein Vater besonders traurig war, weil er sterben musste, ehe er mich wirklich kennen gelernt hatte. Meine Oma sagt das auch, nur auf eine irgendwie mystische Weise.

Oma hatte immer schon eine komische Stimme, wenn sie mit mir über meinen Vater sprach. Das ist vielleicht kein Wunder. Meine Großeltern haben einen erwachsenen Sohn verloren. Was das für ein Gefühl ist, weiß ich nicht. Zum Glück haben sie auch noch einen Sohn, der lebt. Aber Oma lacht nie, wenn sie die alten Bilder meines Vaters ansieht. Sie sitzt ganz andächtig davor. Das sagt sie übrigens selber so.

Mein Vater hatte damals entschieden, dass man mit einem Jungen von dreieinhalb Jahren nicht wirklich sprechen könne. Heute begreife ich das, und wenn du dieses Buch liest, wirst du es auch bald verstehen. Ich habe ein Bild meines Vaters, auf dem er in einem Krankenhausbett liegt. Sein Gesicht ist sehr mager geworden. Ich sitze auf seinen Knien, und er hält meine Hände fest, damit ich nicht auf ihn falle. Er versucht mich anzulächeln. Das Bild ist nur wenige Wochen vor seinem Tod aufgenommen worden. Ich wünschte, ich hätte es nicht, aber wo ich es schon habe, kann ich es auch nicht wegwerfen. Ich kann nicht mal was dagegen machen, dass ich es immer wieder anschauen muss.

Heute bin ich fünfzehn, oder fünfzehn Jahre und drei Wochen, um ganz genau zu sein. Ich heiße Georg Røed und wohne im Humlevei in Oslo, zusammen mit meiner Mutter, mit Jørgen und mit Miriam. Jørgen ist mein neuer Vater, aber ich nenne ihn nur Jørgen. Miriam ist meine kleine Schwester. Sie ist erst anderthalb Jahre alt und damit wirklich zu klein, als dass man richtig mit ihr reden könnte.

Natürlich gibt es keine alten Bilder oder Videos, die Miriam mit meinem Vater zeigen. Miriams Vater ist Jørgen. Ich war das einzige Kind meines Vaters. Ganz am Ende dieses Buches werde ich ein paar echt interessante Sachen über Jørgen erzählen. Ich kann jetzt noch nichts darüber verraten, aber wer liest, wird sehen. Nach dem Tod meines Vaters kamen meine Großeltern zu uns und halfen Mama dabei, in seinen Sachen Ordnung zu schaffen. Aber etwas Wichtiges haben sie dabei nicht gefunden: etwas, das mein Vater geschrieben hatte, bevor sie ihn ins Krankenhaus brachten. Damals wusste niemand davon. Die Geschichte des "Orangenmädchens" ist erst am Montag dieser Woche aufgetaucht. Oma wollte etwas aus dem Geräteschuppen holen und fand sie im Polster der roten Kinderkarre, in der ich als kleiner Junge gesessen hatte.

Wie sie dort hingekommen ist, ist ein kleines Mysterium. Der reine Zufall kann es nicht gewesen sein, denn die Geschichte, die mein Vater schrieb, als ich dreieinhalb Jahre alt war, hat etwas mit der Karre zu tun. Das soll nicht heißen, dass es sich um eine typische Kinderkarrengeschichte handelt, so ist das wirklich nicht, aber mein Vater hat sie für mich geschrieben. Er schrieb die Geschichte des "Orangenmädchens", damit ich sie lesen könnte, wenn ich groß genug wäre, um sie zu verstehen. Er schrieb einen Brief in die Zukunft.

Wenn es wirklich mein Vater war, der die vielen Blätter, auf denen die Geschichte steht, in das Polster der alten Karre gesteckt hat, dann muss er davon überzeugt gewesen sein, dass Post immer ankommt. Ich habe mir überlegt, dass man sicherheitshalber alle alten Dinge sehr genau untersuchen sollte, ehe man sie auf den Flohmarkt bringt oder in einen Container wirft. Ich wage fast nicht mir vorzustellen, was man auf einer Müllhalde an alten Briefen und ähnlichen Sachen finden könnte. Eins habe ich mir in den letzten Tagen immer wieder überlegt. Ich finde, es müsste eine viel einfachere Methode geben, um einen Brief in die Zukunft zu schicken, als ihn ins Polster eines Kinderwagens zu schieben.

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