Patricia Highsmith: "Salz und sein Preis"

Band 12 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Patricia Highsmith schreibt in ihrem Roman "Salz und sein Preis" - Band 12 der BRIGITTE Liebesromane, über die Liebe unter unmöglichen Bedingungen.

Das Buch

New York, 1948. Therese, 19 Jahre alt, schmal und schüchtern, verlobt mit dem sehr bemühten, aber auch langweiligen Richard, hofft auf eine Chance als Bühnenbildnerin. Carol, groß und üppig blond, hat einen reichen Mann, eine kleine Tochter und hin und wieder Affären. Die Liebe trifft die Heldinnen mit aller Macht. Und ist zugleich umso größeren Gefahren ausgesetzt. Als die beiden Frauen beschließen, gemeinsam zu verreisen, folgt ihnen ein Detektiv, der Beweise ihrer verbotenen Liaison sammeln soll.

Mit ihrem 1952 unter Pseudonym veröffentlichten Roman rührte Patricia Highsmith an eines der größten gesellschaftlichen Tabuthemen ihrer Zeit, die lesbische Liebe.

Die Autorin

Patricia Highsmith wurde 1921 in Fort Worth / Texas geboren. Ihr Debütroman "Zwei Fremde im Zug" wurde 1951 von Alfred Hitchcock verfilmt und machte sie über Nacht als Krimi- Autorin berühmt. "Salz und sein Preis" erschien 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan. Erst mit der Neuausgabe 1984 unter dem Titel "Carol" gab sich Patricia Highsmith als Autorin zu erkennen. Sie starb 1995 im schwei ze rischen Locarno.

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Leseprobe "Salz und sein Preis"

Es war die Stoßzeit der Mittagspause in der Mitarbeiterkantine von Frankenberg’s. An keinem der langen Tische war ein Platz frei; immer mehr Neuankömmlinge reihten sich in die Warteschlange hinter der Holzsperre neben der Kasse ein. Zwischen den Tischen suchten Leute mit ihrem Essenstablett in den Händen nach einer Lücke, in die sie sich quetschen konnten, oder nach jemandem, der im Begriff war, seinen Platz zu räumen, doch vergebens. Das Tellerklirren, Stühlerücken, der Stimmenlärm, die schlurfenden Füße und das Krack-krack-krack der Drehkreuze in dem Raum mit seinen nackten Wänden klangen wie das Lärmen einer einzigen großen Maschine.

Therese aß nervös, die Broschüre "Willkommen bei Frankenberg’s" vor sich aufgeschlagen an eine Zuckerdose gelehnt. Die dicke Broschüre hatte sie letzte Woche an ihrem ersten Ausbildungstag ganz gelesen, doch sie hatte nichts anderes dabei, worauf sie sich konzentrieren konnte, um ihre Nervosität in der Kantine zu meistern. Wieder las sie von den Urlaubsvergünstigungen, den drei Wochen Urlaub, die Mitarbeitern gewährt wurden, wenn sie seit fünfzehn Jahren bei Frankenberg’s arbeiteten; sie aß das warme Tagesgericht – eine graue Scheibe Roastbeef mit einer Kugel Kartoffelbrei, von brauner Bratensauce bedeckt, einem Berg Erbsen und einem winzigen Pappschälchen mit Meerrettich.

Sie versuchte sich vorzustellen, seit fünfzehn Jahren im Kaufhaus Frankenberg’s zu arbeiten, und merkte, daß es ihr nicht gelang. "Fünfundzwanziger" erhielten vier Wochen Urlaub, verriet die Broschüre. Frankenberg’s stellte auch ein Ferienheim für Sommer- und Winterurlauber zur Verfügung. Eigentlich gehörte noch eine Kirche dazu, dachte Therese, und ein Krankenhaus, in dem man entbinden konnte. Das Kaufhaus war so gefängnisartig durchorganisiert, daß sie hin und wieder mit Erschrecken daran dachte, daß sie dazugehörte. Sie blätterte schnell um und sah auf einer Doppelseite die großen Buchstaben: "Sind Sie ein Frankenberger?"

Sie blickte durch den Raum zu den Fenstern und versuchte, an etwas anderes zu denken. An den wunderschönen schwarz und rot gemusterten Norwegerpullover, den sie bei Saks gesehen hatte und Richard zu Weihnachten schenken könnte, falls sie keine schönere Brieftasche fand als die Modelle, die für zwanzig Dollar angeboten wurden. Daran, daß sie nächsten Sonntag mit den Kellys nach West Point fahren und sich ein Hockeyspiel ansehen könnte. Das große quadratische Fenster an der gegenüberliegenden Wand sah aus wie ein Bild von – wie hieß er? Mondrian. Das kleine Fensterglasquadrat in der Ecke und darum herum weißer Himmel. Und kein Vogel, der hindurchflog. Was für ein Bühnenbild würde man für ein Stück entwerfen, das in einem Kaufhaus spielte?

Sie war wieder beim Ausgangspunkt. Aber bei dir ist es doch etwas anderes, Terry, hatte Richard zu ihr gesagt. Bei dir steht es doch ohnehin fest, daß du in ein paar Wochen draußen bist, und bei den anderen eben nicht. Richard sagte, nächsten Sommer könne, nein, würde sie in Frankreich sein. Richard wollte, daß sie mit ihm fuhr, und eigentlich gab es keinen Hinderungsgrund. Und Richards Freund Phil McElroy hatte ihm geschrieben, daß er ihr möglicherweise für den nächsten Monat eine Arbeit bei einer Theatertruppe verschaffen könne. Therese hatte Phil noch nicht kennengelernt, doch ihre Zuversicht, daß er ihr eine Stelle besorgen könne, war gering. Seit September hatte sie ganz New York abgesucht, regelrecht durchkämmt, ohne jedes Ergebnis. Wer sollte schon mitten im Winter eine Stelle für eine angehende Bühnenbildnerin haben, die kurz davor stand, ihre ersten Erfahrungen zu sammeln?

Ebenso unwirklich erschien es ihr, nächsten Sommer mit Richard in Europa zu sein, mit ihm in den Straßencafés zu sitzen, mit ihm Arles zu durchstreifen, die Orte aufzusuchen, die van Gogh gemalt hatte, mit Richard zusammen Städte auszusuchen, in denen sie sich eine Zeitlang aufhalten wollten, damit er malen konnte. Und in den letzten Tagen, seit sie in dem Kaufhaus arbeitete, war es ihr noch unwirklicher erschienen.

Sie wußte, was ihr an dem Kaufhaus nicht paßte. Es war etwas, was sie Richard nie erzählen würde. Es hatte damit zu tun, daß alles, was ihr noch nie gepaßt hatte, so lange sie zurückdenken konnte, durch das Kaufhaus verstärkt wurde. Die sinnlosen Verrichtungen, die zwecklosen Strafarbeiten, die sie daran zu hindern schienen, das zu tun, was sie tun wollte oder hätte tun können – in diesem Fall die komplizierte Handhabung der Geldtaschen, der Arbeitskleidungskontrolle und der Stechuhren, die letztlich verhinderte, daß die Angestellten ihre Tätigkeit so reibungslos wie möglich verrichteten, der Eindruck, daß jeder von ihnen mit niemand anderem in Verbindung stand und von allen anderen abgeschieden existierte und daß die Bedeutung, die Botschaft, die Liebe oder was auch immer jedes einzelnen Lebens keinen Ausdruck finden konnte.

Es erinnerte sie an Gespräche bei Essenseinladungen oder Cocktailpartys, wo die Worte der Leute über toten, unbeweglichen Gegenständen zu schweben schienen und nie eine Saite angeschlagen wurde. Und wenn einer versuchte, eine tönende Saite zu berühren, blickten ihn unverändert starre Mienen an, wurden so vollendet nichtssagende Bemerkungen gemacht, daß sie nicht einmal als Ausflucht erschienen. Und die Einsamkeit, verstärkt durch den Umstand, daß man in dem Laden Tag für Tag dieselben Gesichter sah und vereinzelt Gesichter, die man hätte ansprechen können, aber nie ansprach und nie ansprechen würde. Anders als das Gesicht im vorbeifahrenden Bus, das zu uns zu sprechen scheint, das für einen Augenblick aufblitzt und dann für immer verschwindet.

Jeden Morgen, wenn sie in der Schlange vor der Stechuhr im Untergeschoß wartete und ihre Augen unbewußt die Festangestellten von den Aushilfskräften sonderten, fragte sie sich, wie sie hier hatte landen können – sie hatte auf eine Annonce geantwortet, gewiß, aber das war keine Erklärung für ihr Los hier – und was sie als nächstes statt eines Bühnenbildauftrags erwarten mochte. Ihr Leben war eine Abfolge von Zickzackbewegungen. Sie war neunzehn und hatte Angst. "Sie müssen lernen, anderen Leuten zu vertrauen, Therese. Vergessen Sie das nicht", hatte Schwester Alicia sie oft ermahnt. Und oft, sehr oft, hatte Therese versucht, sich daran zu halten. "Schwester Alicia", flüsterte Therese leise; die lispelnden Silben hatten etwas Tröstliches.

Therese richtete sich wieder auf und ergriff ihre Gabel, weil der Junge, der die Teller abräumte, sich näherte. Sie konnte Schwester Alicias Gesicht vor sich sehen, knochig und gerötet wie rosiges Gestein im Sonnenlicht, und die gestärkte blaue Wölbung ihres Busens. Schwester Alicias große knochige Gestalt, die um eine Ecke im Flur kam, zwischen den weißen Emailletischen im Refektorium ging, Schwester Alicia an tausend verschiedenen Orten, und ihre kleinen blauen Augen fanden Therese stets unfehlbar, sahen sie als etwas Besonderes unter all den anderen Mädchen, das wußte Therese, obwohl die dünnen rosa Lippen immer die gleiche gerade Linie bildeten.

Sie sah, wie Schwester Alicia ihr die grünen Strickhandschuhe überreichte, in Seidenpapier eingewickelt, ohne zu lächeln, sondern sie ihr an ihrem achten Geburtstag beinahe wortlos und brüsk hinhielt. Schwester Alicia, die ihr mit dem gleichen zusammengepreßten Mund erklärte, daß sie ihre Arithmetikprüfung bestehen müsse. Wer sonst hätte sich dafür interessiert, ob sie ihre Arithmetikprüfung bestand?

Therese hatte die Handschuhe im Internat hinten in ihrem Zinnschubfach aufbewahrt, jahrelang, als Schwester Alicia längst nach Kalifornien gegangen war. Das weiße Seidenpapier war weich und faltenlos geworden wie altes Tuch, doch die Handschuhe hatte sie nie getragen. Und schließlich waren sie ihr zu klein geworden.

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