Philippe Djian: "Betty Blue"

Band 3 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane": Philippe Djian beschreibt in "Betty Blue" wortgewaltig, aufregend, entwaffnend und ehrlich über eine Generation voller Lebenshunger und geplatzter Träume.

Das Buch

Zorg und Betty lernen sich am Meer kennen. Die Gefühle überrollen sie wie eine gewaltige Bran dung. Kurz entschlossen zieht Betty bei Zorg ein. Und macht sich voller Schwung daran, sein Leben umzukrempeln und einen Verleger für seinen Roman zu fi nden. Zorg ist hingerissen. Doch als Betty schwanger wird und ihr Kind verliert, richtet sie ihre Wut gegen sich selbst. Nach dem Versuch, sich zu verstümmeln, fällt sie ins Koma. Und Zorg muss etwas tun, zu dem er niemals glaubte, fähig zu sein.

Der Autor

Philippe Djian wurde 1949 in Paris geboren. Er bereiste Europa, Nord- und Südamerika und hielt sich mit zahlreichen Gelegenheitsjobs über Wasser. Seinen ersten Roman verfasste er als Kassierer einer französischen Mautstelle. Sein viertes Buch "Betty Blue" avancierte 1985 zum französischen Kultroman. Philippe Djian lebt heute wieder in Paris.

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Leseprobe "Betty Blue"

Für den frühen Abend waren Gewitter angesagt, aber der Himmel blieb blau und der Wind hatte nachgelassen. Ich ging kurz in die Küche, um nachzugucken, ob im Topf auch nichts anpappte. Alles bestens. Ich ging raus auf die Terrasse, ein kühles Bier in der Hand, und hielt meinen Kopf eine Zeitlang in die pralle Sonne. Das tat gut, seit einer Woche knallte ich mich jeden Morgen in die Sonne und kniff fröhlich die Augen zusammen, seit einer Woche kannte ich Betty.

Ich dankte dem Himmel zum wiederholten Mal und langte mit leicht vergnügtem Grinsen nach meinem Liegestuhl. Ich machte es mir gemütlich. Wie einer, der Zeit hat und ein Bier in der Hand. In dieser ganzen Woche hatte ich, wenn’s hoch kam, so um die zwanzig Stunden geschlafen, und Betty noch weniger, vielleicht auch überhaupt nicht, was weiß ich, immer wieder mußte sie mich aufscheuchen, immer wieder hatte sie noch was Besseres vor. He, du wirst mich doch jetzt nicht allein lassen, sagte sie andauernd, he, was ist denn los mit dir, schlaf doch nicht ein. Und ich öffnete die Augen und lächelte. Eine rauchen, bumsen oder einfach quatschen, ich hatte es schwer, nicht aus dem Takt zu kommen.

Zum Glück brauchte ich mich tagsüber kaum anzustrengen. Wenn alles glatt lief, war ich gegen Mittag mit meiner Arbeit durch und hatte für den Rest des Tages Ruhe. Ich mußte bloß bis sieben Uhr in der Gegend bleiben und auftauchen, wenn man mich brauchte. Wenn es schön war, konnte man mich gewöhnlich in meinem Liegestuhl finden, da konnte ich stundenlang drin liegen bleiben. Mir schien es dann, als hätte ich die rechte Balance zwischen Leben und Tod gefunden, als hätte ich die einzig gescheite Beschäftigung überhaupt gefunden. Man braucht sich bloß die Mühe zu machen, fünf Minuten nachzudenken, dann begreift man, daß einem das Leben nichts Aufregendes bietet außer ein paar Dingen, die man nicht kaufen kann. Ich machte mein Bier auf und dachte an Betty.

– Ach du meine Güte! Hier sind Sie ... Ich suche Sie schon überall ...!

Ich öffnete die Augen. Vor mir stand die Frau aus Nummer drei, ein Blondchen von vierzig Kilo mit einer piepsigen Stimme. Ihre falschen Wimpern klimperten wie wild im Sonnenlicht.

– Was ist denn mit Ihnen los ...? fragte ich. – Mit mir nichts, meine Güte, aber mit diesem Ding da im Badezimmer, das läuft über! Kommen Sie, Sie müssen mir das schleunigst abstellen, ah, ich versteh das nicht, wie kann so was nur passieren ...!!

Mit einem Ruck richtete ich mich auf, ich fand das ganze alles andere als lustig. Man brauchte sich die Tante nur drei Sekunden lang anzusehen, dann merkte man schon, daß sie total bescheuert war. Ich wußte, sie würde mir auf die Eier gehen, und dann hing ihr auch noch der Morgenrock auf ihren dürren Schultern, ich war von vornherein k.o.

– Ich wollte gerade essen, sagte ich. Kann das nicht fünf Minuten warten, wollen Sie so nett sein ...? – Sie spinnen wohl ...!! Eine einzige Katastrophe ist das, überall nur Wasser. Los, kommen Sie mit, aber dalli ... – Erstmal, was ist Ihnen denn kaputtgegangen? Was läuft wo über ...?

Sie kicherte dämlich, stand in der Sonne, die Hände in den Taschen.

– Also ..., stieß sie hervor. Sie wissen ganz genau ... das ist dieses weiße Ding da, was überläuft. Meine Güte, überall dieses Papierzeug ...!!

Ich kippte einen Schluck Bier runter und schüttelte den Kopf.

– Sagen Sie mal, sagte ich, ist Ihnen eigentlich klar, daß ich gerade essen wollte? Können Sie nicht für ein Viertelstündchen die Augen zumachen, ist das so schwer ...? – Sind Sie verrückt? Ich mach nicht Spaß, ich rate Ihnen kommen Sie sofort mit ... – Ist ja schon gut, regen Sie sich nicht auf, sagte ich.

Ich stand auf und ging zurück in meine Bude, ich stellte erst mal die Flamme unter den Bohnen ab. Sie waren fast soweit. Dann schnappte ich mir meinen Werkzeugkasten und lief hinter der Verrückten her. Eine Stunde später war ich wieder zurück, pitschnaß von Kopf bis Fuß und halbtot vor Hunger. Ich hielt schnell ein Streichholz unter den Topf, bevor ich unter die Dusche sprang, und dann dachte ich nicht mehr an die gute Frau, ich spürte nur noch das Wasser, das mir über den Schädel floß, und der Geruch der Bohnen kroch mir in die Nase.

Die Sonne überflutete die Bude, es war schönes Wetter. Ich wußte, für den Rest des Tages waren nun die Scherereien vorbei, ich hatte noch nie zwei verstopfte Scheißhäuser an einem Nachmittag erlebt, die meiste Zeit passierte sowieso nichts, war es eher ruhig, die Hälfte der Bungalows stand leer.

Ich setzte mich vor meinen Teller und lächelte, denn es war klar, wie’s weitergehen würde. Essen, dann ab auf die Terrasse und bis zum Abend bloß noch warten, darauf warten, daß sie endlich eintraf und mit wackelnden Hüften zu mir kam, um sich auf meinen Schoß zu setzen. Ich nahm gerade den Deckel vom Topf, als sich die Tür sperrangelweit öffnete. Es war Betty. Lächelnd legte ich meine Gabel hin und stand auf.

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