Zeruya Shalev: "Mann und Frau"

Zeruya Shalevs Roman "Mann und Frau", Band 18 der BRIGITTE Buch-Edition "Die Liebesromane", erzählt eindringlich und kraftvoll von der dunklen Seite der Liebe.

Das Buch

Die Ehe von Udi und Na’ama gleicht einer psychologischen Vorhölle. Von ihrer Grundschulliebe ist wenig geblieben. Jeder Streit endet mit einer neurotischen Erkrankung Udis, mal ist er plötzlich gelähmt, mal psychosomatisch erblindet. Die Ärzte sind ratlos. Erst eine in Tibet ausgebildete Heilerin erkennt als tiefere Ursache einen Jahre zurückliegenden Unfall. Einen Unfall, den Udi verursacht hat, nachdem er erfuhr, dass seine Frau ihn beinahe mit einem Maler betrogen hätte. Die junge Medizinfrau verordnet einen umfassenden Heilungsprozess. Mit der Folge, dass Udi kurz darauf seine Familie verlässt, um zu ihr zu ziehen. Na’ama ist geschockt, beginnt aber bald darauf eine Affäre mit einem Architekten. Bis zur letzten Seite bleiben wir im Ungewissen, ob und wie das Paar wieder zusammenfindet.

Eindringlich, kraftvoll und atemlos erzählt Israels Ausnahmeschriftstellerin von der dunklen Seite der Liebe. Und von einem Paar, das nicht mit einander leben kann. Aber auch nicht ohneeinander.

Die Autorin

Zeruya Shalev wurde 1959 im Kibbutz Kinneret geboren. Sie studierte Bibelwissen schaften und arbeitete als Ver lagslektorin, bevor sie mit dem Roman "Liebesleben" international bekannt wurde. Heute gehört sie zu den wichtigsten literarischen Stimmen Israels, ihr vielfach ausgezeichnetes Werk wurde in 22 Sprachen übersetzt. Zeruya Shalev lebt in Jerusalem.

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Leseprobe "Mann und Frau"

Im ersten Augenblick des Tages, noch bevor ich weiß, ob es kalt oder warm ist, gut oder schlecht, sehe ich die Arava vor mir, die Wüste zwischen dem Toten Meer und Eilat, mit ihren blassen Staubsträuchern, krumm wie verlassene Zelte. Nicht daß ich in der letzten Zeit dort gewesen wäre, aber er war es, erst gestern abend ist er von dort zurückgekommen, und jetzt macht er ein schmales, sandfarbenes Auge auf und sagt, sogar im Schlafsack in der Arava habe ich besser geschlafen als hier, mit dir.

Sein Atem riecht wie ein alter Schuh, und ich drehe den Kopf zur anderen Seite, zu dem platten Gesicht des Weckers, der gerade anfängt zu rasseln, und er faucht, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst den Wecker in Nogas Zimmer stellen, und ich richte mich mit einem Ruck auf, Sonnenflecken tanzen mir vor den Augen, wieso denn, Udi, sie ist doch noch ein Kind, wir müssen sie wecken, nicht sie uns. Wieso bist du dir immer so sicher, daß du weißt, wie etwas gemacht werden soll, sagt er gereizt, wann verstehst du endlich, daß keiner immer alles wissen kann, und da ist auch schon ihre Stimme zu hören, zögernd, sie springt über die Hefte, die auf dem Teppich liegen, über die Bücherstapel, Papa?

Er beugt sich über mich, bringt wild den Wecker zum Schweigen, und ich flüstere zu seiner Schulter, sie ruft dich, Udi, steh auf, sie hat dich fast eine Woche lang nicht gesehen. In diesem Haus kann man noch nicht mal richtig ausschlafen, er reibt sich widerwillig die Augen, eine Zehnjährige, die man verhätschelt wie ein Baby, gut, daß du sie nicht noch wickelst, und schon taucht ihr Gesicht in unserer Tür auf, den Hals schräg gelegt, den Körper noch verborgen hinter der Wand. Ich habe keine Ahnung, was sie von unserem Gespräch mitbekommen hat, ihre hungrigen Augen verschlingen die Bewegung unserer Lippen und verdauen nichts, und jetzt wendet sie sich an ihn, von vornherein gequält, Papa, wir haben dich vermißt, und er schickt ihr ein verzerrtes Lächeln, wirklich? Und sie sagt, klar, fast eine Woche.

Für was braucht ihr mich überhaupt, er spitzt die Lippen, ohne mich geht es euch besser, und sie weicht zurück, die Augen zusammengekniffen, und ich steige aus dem Bett, Süße, er macht nur Spaß, geh und zieh dich an. Gereizt zerre ich den Rolladen hoch, das grelle Licht überfällt mit einem Schlag das Zimmer, als wäre ein starker himmlischer Scheinwerfer auf uns gerichtet, der unser Tun verfolgt. Na’ama, ich sterbe vor Durst, sagt er, bring mir ein Glas Wasser, und ich keife, ich habe keine Zeit, mich jetzt auch noch um dich zu kümmern, sonst kommt Noga noch zu spät und ich auch, und er versucht, sich aufzusetzen, und ich sehe ihn mit müden Bewegungen über das Bett tasten, die gebräunten Arme zitternd, das Gesicht rot vor Anstrengung und Gekränktsein, als er flüstert, Na’ama, ich kann nicht aufstehen.

Das hört sie sofort, gleich ist sie neben dem Bett, die Haarbürste in der einen Hand, und hält ihm die andere hin, komm, Papa, ich helf dir, sie versucht, ihn hochzuziehen, mit krummem Rücken und vorgewölbten Lippen, die feinen Nasenflügel gespannt, bis sie über ihm zusammenbricht, rot, hilflos, Mama, er kann wirklich nicht aufstehen. Was heißt das, sage ich erschrocken, tut dir etwas weh? Und er stottert, mir tut nichts weh, aber ich spüre meine Beine nicht, ich kann sie nicht bewegen, und seine Stimme wird zum erschrockenen Wimmern eines jungen Hundes, ich kann nicht.

Ich ziehe die Decke von ihm, seine langen, mit weichem Flaum bedeckten Beine liegen bewegungslos nebeneinander, die harten Muskeln gespannt wie Saiten. Schon immer war ich neidisch auf diese Beine, die nie müde werden und Touristen durch die Arava und die judäische Wüste und durch den unteren und oberen Galil führen, während ich immer zu Hause bleibe, weil mir das Gehen schwerfällt. Alles Ausreden, sagt er oft, und der Rucksack strahlt schon auf seinem Rücken wie ein glückliches Baby, du möchtest einfach ohne mich sein, und ich stehe dann verwirrt vor ihm, deute traurig auf meine ewig schmerzenden Plattfüße, die uns trennen.

Wo hast du kein Gefühl, ich streiche mit zitternden Fingern über seinen Oberschenkel, kneife in das feste Fleisch, fühlst du das? Und Noga, die immer übertreibt, fährt mit ihrer Haarbürste auf seinen Beinen hin und her und zieht rote Striemen in die Haut, spürst du das, Papa? Genug, hört auf, er platzt, ihr könnt einen ja komplett verrückt machen! Und sie drückt die Borsten ihrer Haar- bürste in ihre Handfläche, wir wollten doch nur prüfen, ob du was spürst, und ihm tut es schon leid, er sagt, ich spüre etwas Dumpfes, aber ich kann mich nicht bewegen, als wären meine Füße eingeschlafen und ich würde es nicht schaffen, sie aufzuwecken. Mit geschlossenen Augen tastet er nach der Decke, und ich breite sie mit langsamen Bewegungen über seinen Körper, nachdem ich sie vor ihm geschüttelt habe, wie meine Mutter es immer liebevoll tat, wenn ich krank war und sie mir mit dem Luftzug die Stirn kühlte. Seine dünnen Haare wehen auf und sinken wieder auf den Kopf zurück, mit der Decke, aber er stöhnt unter ihr wie geschlagen, was ist mit der Decke, sie ist so schwer, und ich sage, Udi, das ist deine ganz normale Decke, und er ächzt, sie erstickt mich, ich bekomme keine Luft.

Mama, es ist schon halb acht, jammert Noga aus der Küche, und ich habe noch nichts gegessen, und ich werde nervös, was willst du von mir, nimm dir selbst was, du bist kein Baby mehr, und sofort tut es mir leid und ich laufe zu ihr, kippe Cornflakes in eine Schüssel und hole Milch aus dem Kühlschrank, aber sie steht auf, die Lippen gekränkt verzogen, ich habe keinen Hunger, sie setzt den Ranzen auf und geht zur Tür, ich sehe ihr nach, etwas Seltsames blitzt mir zwischen den Schulterriemen entgegen, bunte Kinderbilder, Bärchen und Hasen hüpfen fröhlich auf und ab, als sie die Treppe hinuntergeht, und dann merke ich es plötzlich. Noga, du hast noch deinen Pyjama an, du hast vergessen, dich anzuziehen!

Sie kommt wieder herauf, mit gesenktem Blick, die Augen fast geschlossen, ich höre, wie der Ranzen auf den Boden fällt und die Bettfedern knarren. Ich laufe in ihr Zimmer und da liegt sie, auf den Bauch gedreht in ihrem Bett, Bärchen und Häschen zugedeckt, was machst du, schimpfe ich, es ist schon Viertel vor acht, und sie bricht in Tränen aus, ich will nicht in die Schule, ich fühle mich nicht wohl. Ihre Augen fixieren mich mit einem vorwurfsvollen Blick, sie sieht, wie sich mein Herz gegen sie verhärtet, wie mich der Rückstoß an die Wand preßt. Ein aggressives Weinen läßt jede einzelne ihrer Locken erzittern, und ich schreie, warum machst du es mir noch schwerer, ich halte es nicht aus mit dir, und sie schreit, und ich halte es nicht aus mit dir. Wütend springt sie auf, und ich habe das Gefühl, gleich reißt sie den Mund auf und beschimpft mich, aber sie knallt mir die Tür vor der Nase zu.

Ich mache ein paar langsame Schritte rückwärts, starre die eine zugeknallte Tür an und die andere, schweigende, Schritt für Schritt weiche ich zurück, bis ich mit dem Rücken an die Wohnungstür stoße, ich mache sie auf und gehe hinaus, unten auf der Treppe setze ich mich, im Nachthemd, auf eine kühle Stufe und betrachte den schönen Tag, der sich mit goldener Luft schmückt, ein leichter Wind führt einen Haufen Blätter spazieren, sammelt hinter sich die Reste bunter Blumen, Honigwolken schmeicheln sich sehnsüchtig ein.

Schon immer habe ich solche Tage gehaßt, bin durch sie hindurchspaziert wie ein unerwünschter Gast, denn an solch einem Tag tritt die Trauer noch stärker hervor, sie findet in diesem großen Glanz keinen Ort, an dem sie sich verstecken könnte, sie flieht wie ein erschrockenes Kaninchen vor dem plötzlichen Licht und prallt wieder und wieder gegen die glitzernden Wellen des Glücks.

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