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"Einfach Nina" Dieser Film thematisiert das eigentliche Problem von trans Kindern: die Eltern

"Einfach Nina" zeigt wie klar die Identität eines Kindes sein kann
"Einfach Nina" zeigt wie klar die Identität eines Kindes sein kann
© Cat / Adobe Stock
In "Einfach Nina" möchte ein 8-jähriges Kind es selbst sein – und es sind Erwachsene, die diesem Wunsch im Weg stehen.

Schon zu Beginn des Films "Einfach Nina" stellt sich das titelgebende Mädchen, das bis dato "Niklas" genannt und als Junge aufgezogen wurde, gegenüber ihrer Mutter und ihrem Bruder vor. Mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die ihre Eltern – allen voran ihren Vater – verunsichert. Das ganz deutliche Problem für Nina sind schlicht ihre Eltern. Ihre eigenen und die Eltern ihrer Mitschüler:innen. 

Nina möchte am liebsten sofort mit einem Kleid in die Schule, ihre Mutter Simone meldet sie für die Woche krank und hofft, dass die "Phase" bald vorbeigeht, dass Nina sich nur ausprobieren will und von dem "Spiel" bald gelangweilt sein wird. Nur mit Mühe lässt die Mutter sich überreden, mit ihrem Kind Kleider kaufen zu gehen, doch Verunsicherung, Frust und Wut überkommen sie, als man ihren "Sohn" im Laden als Tochter bezeichnet.

Der Vater Martin ist richtiggehend panisch, hat Angst davor, dass man seinem "Sohn" den "Penis abschneidet", jedes Wort der Psychiaterin, die die Familie besucht, prallt an ihm ab. Dass es um solcherlei Dinge vor Ninas Volljährigkeit nicht gehen würde, dass die Hormonbehandlungen rückgängig gemacht werden können, das hört der Vater nicht, sieht seine Tochter nicht, nur den Sohn, den er zu verlieren fürchtet.

"Findest du das komisch? Oder gruselig oder eklig?"

"Sie hätten dabei sein müssen", ermahnt ein Mitarbeiter des (im Film fiktiven, aber in Deutschland unter anderem als Bundesverband Trans* e.V. existierenden) Trans-Netzwerks den Vater nach einem Elternabend, den dieser lieber hinter einem Baum kauernd verbrachte, als für sein Kind einzustehen. Dann nämlich, als es den anderen Eltern in Ninas Schulklasse zu "seltsam" wurde mit Nina und ihrer Identität. 

Wieso darf Nina nicht sein, wer sie ist?

"Ist das komisch für dich, wenn Nina sich mit dir und den anderen Mädchen umzieht?", wird Ninas beste Freundin von deren Mutter gefragt. "Oder gruselig oder eklig?" Die Freundin erwidert: "Wieso? Wir ziehen uns doch schon immer voreinander um, ich helfe Nina auch, ihren Penis zu verstecken."

"Wieso?" Diese Frage zieht sich durch den ganzen Film. Wieso darf Nina kein Kleid tragen, wieso darf sie nicht Nina heißen, wieso darf sie nicht mehr mit ihrer besten Freundin spielen, wieso versteht ihr Bruder nicht, dass sie nicht Niklas heißt, wieso brauchen Erwachsene so viel Zeit, um sich an solche Dinge zu gewöhnen. Ja, wieso denn eigentlich?

Die Eltern sexualisieren ihre Kinder, doch für die Kinder selbst ist alles in Ordnung

Im Film erweisen sich vor allem die Mutter von Ninas bester Freundin und ihr Mann als engstirnig, verurteilend und überfordert mit der Situation. Gegenüber Simone gibt die Mutter zu, dass sie Ninas Identität nie als etwas anderes als "nur eine Phase" betrachtet hätte. Als Simone sie daraufhin mit Martin vergleicht, sieht die Mutter das als Tiefschlag – im Verlauf des Films zeigt sich allerdings, dass sich beide in punkto Akzeptanz nicht viel geben.

Kommt ein Kind trans- und queerfeindlich auf die Welt oder wird es dazu geformt?

Und die Kinder? Schließlich betonen die Eltern am Elternabend mehrfach, dass es hier um die Kinder gehe. Darum, sie zu schützen. Vor wem eigentlich? Und vor was? Tatsächlich zeigen sich die Mitschüler:innen anfangs auch leicht überfordert, als ihnen Nina als "irgendwie neue" Mitschülerin vorgestellt wird. "Aber das ist doch Niklas", flüstert es durch den Raum. Doch nach der ersten Unsicherheit wird ein Lied für Nina angestimmt und alles ist in Ordnung.

Eine spätere Begegnung mit älteren Kindern läuft allerdings anders ab und mag vielleicht so manchen besorgten Elternteil bestätigten. Doch sollten wir uns als Zuschauer:innen fragen, warum es überhaupt so weit kommt, dass Jugendliche ein trans Mädchen als "Schwuchtel" beschimpfen und ihr körperliche Gewalt androhen, die für so viele trans Menschen in Deutschland trauriger Alltag ist. Kommt ein Kind als trans- und queerfeindlicher Mensch auf die Welt oder wird er dazu geformt? Zumindest auf diese Frage gibt es eine einfache und eindeutige Antwort.

"Das kannst du doch gar nicht wissen, du bist nur ein Kind"

Es ist manchmal wirklich anstrengend, eine queere Person zu sein. Ich sehe viele Dinge anders als meine Mitmenschen, habe eine andere Perspektive auf Situationen und Gegebenheiten, die für viele als "selbstverständlich" oder "ungewöhnlich" beurteilt werden. Sehe ich Filme wie "Einfach Nina", möchte ich manche Figuren darin schütteln, wie ich auch manche Zuschauer:innen schütteln möchte, wenn sie an den für mich unmöglichsten Situationen lachen oder kommentieren.

Wann wurde dir das letzte Mal in deinem Leben abgesprochen, wer du bist?

Dabei bin ich selbst queer und cis. Es muss noch viel anstrengender sein, trans zu sein, vor allem als Kind. Nina wird ihre Identität im Laufe des Films mehr als einmal abgesprochen. Von ihrer Mutter, ihrem Vater, ihrem Bruder, dessen Freunden und auch von anderen Eltern. Wann wurde dir, liebe:r Leser:in, das letzte Mal in deinem Leben abgesprochen, wer du bist? Was für ein Gefühl muss es sein, ständig darüber diskutieren zu müssen, dass du bist, wer du bist? Ständig hören zu müssen: "Nein, das ist nicht so, das bist nicht du, das ist eine Phase, du bist ein Kind, was weißt du schon."

Wer hat Nina, als die anderen sie noch Niklas nannten, jemals gesagt: Warte ab, du kannst gar nicht wissen, ob du ein Junge bist, du bist nur ein Kind? Welcher Elternteil hinterfragt die Identität des eigenen Kindes, wenn es der Norm entspricht? Es scheint für alle klar, dass Kinder ihre Identität selbst einschätzen können, solange diese den Vorstellungen der Eltern und Gesellschaft entspricht. Bezweifelt wird sie erst, wenn Kinder "anecken", wenn es "schwierig" werden könnte. Aber wer macht es schwierig für unsere Kinder, wenn nicht wir selbst, wir Erwachsenen?

"Einfach Nina": Es braucht ein Kind, um manche Dinge in Worte zu fassen

Nach dem Abspann kommen die Macher:innen auf die Bühne. Geschichten von echten Menschen hätten als Inspiration für den Film gedient. Menschen wie die beste Freundin einer der drei Dehbuchautor:innen, die bereits mit vier Jahren wusste, dass sie ein Mädchen ist. Diese Menschen existieren. 

"Einfach Nina" mag kein filmisches Meisterwerk sein, dafür reichen die 90 Minuten nicht aus, um den langen Weg für alle Beteiligten zufriedenstellend zusammenzufassen. Doch er ist unbedingt sehenswert, gerade für die Mehrheitsgesellschaft, für die vieles beim Thema Trans noch so fremd erscheint. Manches Mal braucht es eben ein Kind, um in Worte zu fassen, was viele Erwachsene nicht greifen können.

Verwendete Quelle: filmfesthamburg.de

Brigitte

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