Auslandsadoption: Der Beginn eines jahrelangen Nervenkriegs

Aysha und Andreas können keine Kinder bekommen. Sie entscheiden sich für eine Auslandsadoption – der Beginn eines jahrelangen Nervenkriegs.

Der Beginn eines langen Weges

Als Aysha* Andreas kennenlernt, weiß sie gleich: Das wird der Vater meiner Kinder. Andreas ist ein Ur-Bayer, ein Fels in der Brandung, der Mann, der immer für alles eine Lösung hat. Wörtlich. Er arbeitet im technischen Kundendienst. Aysha ist Anlagenmechanikerin.

Nur das mit der Familie, das klappt nicht. Zumindest nicht auf natürlichem Weg, sagt der Arzt. Doch natürlich gibt es immer einen Weg für Aysha und Andreas. Der erste, den die beiden versuchen, ist eine künstliche Befruchtung. Ohne Erfolg. Und so wird anstelle eines Kindes eine neue Idee geboren: Wir adoptieren!

Ihre Chancen für eine Inlandsadoption tendieren gegen Null

Sie reichen ihre Gehaltsauszüge beim Amt ein. Sie machen Gesundheitstest. Sie machen Tests, die ihre grundsätzliche Eignung als Eltern feststellen sollen. Sie machen alle vorgeschriebenen Kurse. Und sie lassen ihre Wohnung inspizieren. Andere wären genervt. Aysha und Andreas sind begeistert, dass das Amt so gut aufpasst. Und natürlich bestehen sie alle Prüfungen. Nun ist es amtlich: Die beiden wären großartige Eltern!

Sie kommen auf die Adoptionsliste. Ganz ans Ende. Von denen weiter vorn erfahren sie, dass ihre Chancen gegen null gehen. In Deutschland gibt es eine lange Liste adoptionswilliger Eltern und eine sehr kurze adoptionsfähiger Kinder. Die meisten Eltern fallen irgendwann aus dem System, weil man ab 40 als zu alt gilt. Aysha bleibt noch ein Jahr.

Dann bekommen sie Lea – aus einem Waisenhaus in Marokko

Sie telefoniert mit ihrer Mutter. Die wohnt in Marokko. Nicht weit von einem Waisenhaus. Anders als Deutschland gibt es dort viele Kinder ohne Zuhause. Manche haben eine traumatische Geschichte hinter sich, andere werden gleich nach der Geburt abgegeben. Und alle haben ein Leben des Stigmas und der Chancenlosigkeit vor sich. "Soll ich da mal fragen?", sagt die Mutter, und Andreas findet: super Idee. Zum Glück hat Aysha die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie hofft, dass das die Dinge vereinfachen wird.

Den Tag, an dem sie Eltern werden, den werden sie nie vergessen. Das Waisenhaus ruft an. Eine Mutter hat ein Neugeborenes abgegeben. Sie schreien vor Glück. Nehmen sich Urlaub, fliegen los. Natürlich gibt es viel Papierkram. Und es ist ihnen wichtig, die Mutter des Mädchens kennenzulernen, von ihr zu erfahren, dass sie es wirklich nicht will. Sie haben gehört, dass manchmal die Not der leiblichen Eltern ausgenutzt wird, um Paaren aus dem Ausland zur Adoption zu verhelfen. Aber alles hat seine Richtigkeit: Am Ende ist es tatsächlich Ayshas und Andreas’ kleines Mädchen. Ihre Lea. Ihre Tochter. Das haben sie schriftlich.

Die Bürokratie legt der Familie unendlich viele Steine in den Weg

Zum Glück hat Ayshas Mutter genug Platz, dass sie die kleine Familie auch länger unterbringen kann. Aysha bleibt erst einmal mit ihrer Tochter in Marokko. Andreas fährt derweil zurück nach Bayern. Wie lange kann es schon dauern, bis sie alle zusammen zu Hause sein können? Das ist im Sommer 2010. Zur Jahreswende sind die Papiere fast vollständig. In Bayern gibt es jetzt ein Kinderzimmer, das auf Lea wartet.

Aber dann tritt Marokko dem "Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern", kurz KSÜ, bei, und Aysha und Andreas hören den Satz: "Nach KSÜ ist das Verfahren nicht korrekt." Das klingt undramatisch. Alle Papiere liegen ja schon vor. Nur: Es gilt ein anderer bürokratischer Ablauf, und das Abkommen ist für alle Seiten neu. Eigentlich weiß keiner so richtig Bescheid.

Die deutsche Seite schlägt vor, alles noch mal auf null zu stellen. Das hieße: Lea muss zurück ins Heim, bis alles geregelt ist – und das kann Jahre dauern. Aysha und Andreas weigern sich. Sie werden ihrer Tochter die Geborgenheit, die sie beide, die Großmutter und das neue Zuhause ihr geben, nicht wieder entziehen.

Aber auch Aysha muss irgendwann zurück nach Bayern. Sie hat einen Job, und das Amt verlangt eine regelmäßige und verantwortungsvolle Lebensführung von ihnen, um der Adoption zuzustimmen. Lea bleibt derweil erst einmal bei der Oma in Marokko. Für eine Woche im Monat fliegt Andreas zu Lea, für eine Woche Aysha. Andreas macht sich schließlich selbstständig, denn "so etwas macht ja kein Arbeitgeber mit". Und natürlich müssen sie bei all dem weiter Stabilität bewahren. Finanzielle und persönliche, denn davon hängt ab, ob sie Lea überhaupt behalten dürfen. Eine irre Zeit. Aber wie lange kann das schon gehen? Ein Jahr? Zwei, drei?

Der Kampf um Lea dauert acht Jahre  

Es werden acht. Acht Jahre, in denen sich Ämter nicht richtig abstimmen, in denen deutsche Beamte andere Auslegungen haben als ihre marokkanischen Kollegen. Acht Jahre pendeln. Acht Jahre Briefe an Bundestagsabgeordnete und Petitionen. Selbst der marokkanische Justizminister schaltet sich ein.

Das Schlimmste waren die Abschiede", sagt Aysha. "Jedes Mal hat die Kleine geweint und gefleht, dass wir sie mitnehmen. Manchmal hat sie tagelang nichts gegessen. Wie soll man so etwas einem kleinen Kind erklären?

Und dann kommt wieder ein Anruf, und alles geht ganz schnell. Warum es nun plötzlich eine Entscheidung der Behörden gibt? Aysha und Andreas wissen es nicht, sie trauen sich auch nicht wirklich nachzufragen, sondern wollen nur ihre Tochter möglichst rasch zu sich holen.

Für Lea ist der Neuanfang ein Abschied: von der Oma in Marokko, von der privaten Schule, auf die sie geht, damit der Anschluss in Deutschland einfacher wird, von einem Umfeld, das eigentlich nie Heimat sein sollte. Wieder Tränen. Wieder Verlust. Wieder Zweifel, ob es ein Wiedersehen geben wird. Dann endlich die Ankunft in einem Zuhause, das so lange auf sie gewartet hat. Ist das nun das Happy End? Happy schon. Und das ist ja die Hauptsache.

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Endlich für immer vereint! Oder?

Aysha, Andreas und Lea sind nun eine richtige Familie. Noch machen sich die Eltern Sorgen, dass die Kindheit in Unsicherheit Spuren hinterlassen hat, aber der Start in das gemeinsame Leben gelingt gut. "Lea ist der Chef", sagt Andreas und lacht.

Er ist schon wieder mit Ämtern in Kontakt. Diesmal geht es um Leas Einbürgerung. Die wird er parallel zur Adoption vorantreiben. Denn noch sind die beiden nur Pflegeeltern. Leas erstes Visum hatte nur drei Monate Laufzeit. Jetzt ist sie schon auf ihrem zweiten, das über ein Jahr geht. Danach käme eins über drei Jahre. Aber Andreas will endlich Sicherheit für sich und seine Familie. Wenn alles gut geht, ist Lea in einem Jahr Deutsche. Denselben Nachnamen wie ihre Eltern hat sie schon. Freunde auch. Und Nachbarn, die sie mögen. In der Schule kommt sie so gut mit, dass sie die Förderklasse mit Extra-Deutschunterricht im Herbst verlassen und in eine ganz normale dritte gehen kann.

Nur die Oma fehlt manchmal. Und die Freundinnen in Marokko. Die ersten deutschen Schulferien verbringt Lea deswegen da, wo sie früher gewohnt hat: bei der Oma. Mama ist dabei. Papa nur am Telefon. Und als sie den gefragt hat, wann sie endlich wieder nach Hause kann, weil’s langsam langweilig wird, da hat Andreas fest und erleichtert ausgeatmet.

Adoption: Wie ein Kind neue Eltern bekommt

Adopotionen sind an hohe Auflagen gebunden. Adoptieren können Paare und Einzelpersonen – das Mindestalter liegt bei 25 Jahren, nach oben gibt es offiziell keine Grenze, aber die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter empfiehlt einen Altersunterschied zwischen Adoptiveltern und Kind von nicht mehr als 40 Jahren.

An Adoptionen aus dem Ausland muss zwingend eine in Deutschland zugelassene Vermittlungsagentur beteiligt sein. Organisieren die Eltern eine Adoption auf eigene Faust und ohne Agentur im Ausland, muss diese nachträglich in Deutschland vom Jugendamt anerkannt werden, was mit Risiken verbunden sein kann. Die Bundes zentralstelle für Auslandsadoptionen rät deshalb davon ab (weitere Infos auf www.bundesjustizamt.de). 

* Namen von der Redaktion geändert

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BRIGITTE 21/2019

Wer hier schreibt:

Hannah S. Fricke
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