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Max + Jakob von Beste Vaterfreuden "Noch immer zählt Geld mehr als Kinder - wieso?!"

Max und Jakob vom Podcast "Beste Vaterfreuden"
Max und Jakob vom Podcast "Beste Vaterfreuden"
© Eye Candy Berlin
Zwei Väter, drei Kinder und die Frage: Wie wollen wir heute leben? Im Interview mit Max und Jakob vom Podcast "Beste Vaterfreuden" sprechen wir offen und ehrlich über miese Politik, richtige Werte und die quälende Angst omnipräsenter Helikoptereltern.

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Was denkt ihr: Wo haben es Väter schwerer als Mütter?

Max: Väter haben es schwerer, wenn es darum geht, eine ganz innige Beziehung aufzubauen, die ist sehr viel selbstverständlich bei Müttern und Kindern. Dieses Urvertrauen aufzubauen ist für uns schwieriger. Das ist bei der Mutter-Kind-Beziehung anders angelegt durch die Schwangerschaft. Dafür braucht es nicht nur qualitative Zeit, sondern auch quantitative Zeit. Die Zeit zwischen Vater und Kind muss selbstverständlich werden, auch wenn man nicht immer etwas Besonderes unternimmt. 

Jakob: Auch das Gefühl, das bei Müttern automatisch entsteht, weil sie das Kind im Bauch tragen. Diese Verbindung ist automatisch da. Das muss bei Vätern erst entstehen. Für mich war das Kind, als es im Bauch war, einfach skurril. Mir wurde erst richtig bewusst, dass ich Vater bin, als das Kind auf der Welt war. Die Verantwortung und der Druck, das muss sich auch erst mal lösen und selbstverständlich werden.

Wie hoch ist euer Stresslevel coronabedingt im Moment?

Max: Unser Stresslevel ist noch im grünen Bereich. Ich wohne in einem Haus mit großem Garten und einer Spielstraße. Für meine Tochter war es die beste Zeit: Mama und Papa waren Zuhause. Sein eigener Luxus wird einem dann erst bewusst. Es muss so ein Horror sein in der Stadt zu leben, besonders als die Spielplätze noch geschlossen waren. Viel raus gehen, viel in die Natur gehen. Langweilige Spaziergänge machen, auch mit den Kindern. Sie müssen ja nicht stundenlang sein. Nur um dem Druck, der durch die Wohnung entstehen kann, zu entfliehen. 

Habt ihr Geheimtipps, wie man die Zeit auch als Paar gut übersteht?

Max: Ich glaube tatsächlich raus aus den Ballungsräumen und rein in die Natur, wenn es geht. Wenn man draußen im Wald war und dann mit der Familie nach Hause kommt, sind alle ganz anders aufgeladen. In der Natur haben alle Platz sich auszutoben.

Jakob: Sich gegenseitig auch Zeit geben in einer Partnerschaft. Getrennt Zeit verbringen, auch wenn es nur eine Serie gucken ist, und sich gegenseitig gut unterstützen.  Auch wenn es nur zwei Stunden in der Woche sind. Man hat dann schon das Gefühl, dass der Partner oder Ex-Partner das Beste für einen will. Kinder abschieben zu den Großeltern oder Freunden und dabei auch nicht zu wählerisch sein. 

"Faire Care-Arbeit ist ein Wunsch, keine Realität"

Faire Aufteilung von Care-Arbeit innerhalb einer Familie: Ist das ein Mythos oder nah an der Realität?

Jakob: Innerlich gewollt ja, praktisch gelebt nein. Wir haben ein Modell, in dem wir versuchen, die Woche fair in drei Tage/vier Tage aufteilen. Wir haben geguckt, ob es andere Bereiche gibt, wo ich sie entlasten kann. Entweder finanzieller Natur oder z.B.  bei den Freizeitaktivitäten meiner Ex-Freundin. Es ist wichtig, dass jede Familie individuell schaut, was sie braucht. Ein Prinzip auf alle anzuwenden funktioniert nicht. 

Ein Freund von mir wartet darauf, dass er eine reiche Frau findet, die ihn heiratet. Dass er endlich seinem Sauerteig-Brot nachgehen kann. Er ist den ganzen Tag am Backen und Kochen. Er meinte, dass er sich auf den Tag freut, an dem er nicht mehr arbeiten muss, sondern Hausmann sein kann. Womit fühlt sich die Frau wohl, womit der Mann?

Feinste Vatertagslektüre  Wie wird man ein guter Vater? Und wie behält man die Nerven? Die beiden erfolgreichen Podcaster liefern mit ihrem neuen Buch die nackte und sehr lustige Wahrheit übers Vatersein. "Vatermilch" von Max und Jakob (erschienen bei Penguin Randomhouse), ca. 10 Euro
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© PR

Max: Wir versuchen schon, dass wir die Care-Aufgaben aufteilen. Natürlich macht sie unter der Woche mehr, aber besonders in den Nachmittags- und Abendstunden oder wenn es um die Kinderbeschäftigung am Wochenende geht, bin ich definitiv im Vordergrund. Wenn meine Kinder meine Frau zum Spielen auffordern, interveniere ich und sage: "Hey, wollen wir nicht lieber spielen?". Weil ich genau weiß, dass meine Partnerin unter der Woche mehr macht. 

Jakob: Ich hole meine Tochter oft am Wochenende zu mir, um wirklich Zeit für sie zu haben. Ich verstehe nicht, dass manche Väter nur alle zwei Wochen einen Tag mit ihrem Kind verbringen. Das würde mir persönlich nicht reichen. Ich hab eine ganze Weile lang meinen Vater nur alle drei Monate gesehen. Das war so, als müsste ich immer wieder eine neue Beziehung aufzubauen. Ich habe mich auch gefragt, wie er seine Zeit überbrückt hat. Wenn man es gewohnt war, mit seiner Familie zu sein, ist die Zeit ohne wahrscheinlich sehr einsam.

Mehr denn je wird in der aktuellen Situation deutlich, wie wenig zuverlässige Unterstützung Familien vom Staat erhalten, wie fragil das System ist. Wo müsste eurer Meinung nach als Erstes und am massivsten nachgebessert werden?

Jakob: Ich habe nie verstanden, wieso Menschen, die auf unser Geld aufpassen, mehr Geld bekommen als die, die auf unsere Kinder aufpassen. Das ist eine generelle Priorisierung die sich durch alle Lebensbereiche durchzieht. 

Eine Studie besagt: Soziale und monetäre Armut in der Jugend nicht zu begleichen ist teurer, als später im Erwachsenenleben die gesundheitlichen Folgen zu bezahlen. Ich denke, dass die Prozesse zu kurz gedacht werden, höchstens eine Legislaturperiode oder zwei. Aber ein Kind wächst, wenn man den Bildungsweg dazuzählt, 26 bis 28 Jahre lang auf. Da müsste viel langfristiger gedacht werden.

Max: Ich bin selbst Erzieher, ich würde definitiv das Gehalt der Erzieher erhöhen, damit sich die Arbeitsbereitschaft verbessert. Aber nicht nur in der Kita muss angepackt werden, sondern man sollte auch Möglichkeiten schaffen, dass Väter oder Mütter entscheiden können, wie lange sie ihr Kind selbst betreuen möchten. Damit Kinder vielleicht auch nur zwei oder drei Stunden am Tag in die Kita gehen.

Aktuell bekommt man ein Jahr Elterngeld und wird danach sofort wieder auf Geld verdienen und Steuern zahlen getrimmt.

Dafür schaffen wir Modelle, dass die Kinder möglichst viel weggeschoben werden, also mindestens halbe oder ganze Tage. Manche Kinder gehen gerne in die Kita, andere gar nicht. Es muss doch möglich sein, hier individuell einen Lebensentwurf zu planen. 

Jakob: Speziell alleinerziehende Mütter und Väter sollten finanziell besser aufgefangen werden. Uns sind die Hände gebunden, wenn wir ein Kind betreuen und zeitgleich arbeiten gehen müssen. Diese Pauschallösung "Dann geht dein Kind halt ab 8 Uhr morgens in die Kita" finde ich unmöglich. Wenn ich diesen Satz schön höre, krieg ich schlechte Laune. Es müsste genau andersrum sein. Und prinzipiell sollte noch mehr auf die Ernährung geachtet werden, da können auch wir in Deutschland noch einiges besser machen.

Welche drei Eigenschaften oder Erkenntnisse  möchtet ihr euren Kindern unbedingt vermitteln 

Max: Wie wichtig ihr Bauchgefühl ist. Man sollte selbstbewusst auf die eigene Intuition vertrauen und mutig handeln, selbst wenn Gegenwind kommt. Umwege zu gehen, auch mal Fehler zu machen, ist keine Schande, das tun wir alle. Die wichtigste Reise des Lebens ist immer mehr zu sich selbst zu kommen.

Und sich nicht von den Gefühlen anderer abhängig zu machen. Den eigenen Selbstwert zu erkennen und sich abgrenzen zu können. Gemocht werden ist nicht das A und O. Ich möchte, dass meine Kinder ihre eigenen Bedürfnisse  in den Vordergrund zu stellen und trotzdem lernen, Kompromisse einzugehen. Meine Tochter hat in ihrem Freundeskreis immer wieder kleinere Kämpfe, wer das Sagen hat. Ich bin stolz, dass sie nicht um von allen gemocht zu werden klein beigibt. In sich selbst zu ruhen ist eine Tugend, die schwer zu vermitteln ist, aber das würde ich gerne schaffen. 

Jakob: Das denke ich auch. Geliebt zu werden für das, was man ist, und nicht für das, was man tut. Ich wollte immer die nächste, größte bessere Version von mir selbst werden, um die Aufmerksamkeit von meinem Vater zu bekommen und der Liebe meines Vaters würdig zu sein. Und das möchte ich meiner Tochter nicht vermitteln.

Ich will ihr einfach das Gefühl geben: Wir beide verbringen Zeit miteinander und nur das ist wichtig. Letztens saß sie zwei Stunden lang auf meinem Schoß und hatte keine Lust zu spielen. Da haben wir einfach nur zusammen gechillt und die Umwelt beobachtet. Es war wunderbar. 

Ein Satz, der mir sehr inspiriert hat lautet: "Wann konntest du dich als Kind im Beisein deiner Eltern entspannen?" Es ist wichtig, dass das Kind nicht irgendeine Performance liefern muss. Das überträgt sich aufs Leben, dieser ewige Drang, nach etwas streben zu müssen. Die meisten Probleme entstehen durch die Abwesenheit eines gesunden Selbstwertgefühls. 

Glaubt ihr, dass es heute für Kinder schwieriger ist, aufzuwachsen und einfach nur Kind zu sein? 

Jakob: Ich glaube es braucht eine andere Aufmerksamkeit der Eltern sich selber und den Kindern gegenüber. Wir haben so viele Einflüsse von draußen, ganz oft medialer Natur. Viele Eltern sorgen sich, dass ihre Kinder in den Kofferraum gepackt und entführt werden, wen sie nicht 24/7 um sie kreisen und aufpassen. 

Bei uns hieß es früher noch: "Hey du gehst jetzt mal raus und kommst dann um 19:00 wieder". Ich habe früher mit meinen Freunden bei einem Bauern am Fluss gecampt. Wenn man das heute sagen würde, dass man als Neun- oder Zehnjähriger alleine im Wald schlafen durfte, fantasieren sich die Leute oft direkt ein Horrorszenario zusammen.

Jakob: Ich glaube es ist zweigespalten. Die ersten fünf Jahre ist es subjektiv eine schönere Kindheit. Auch wenn wir uns beschweren über die Kita-Situation: Die Betreuung ist besser und intensiver, sowohl durch Erzieher, als auch z.B. durch die Väter, die heute viel präsenter sind.

Aber dann gibt es meiner Meinung nach einen Bruch: Spätestens mit dem Eintritt in die Schule und mit den Handys und sozialen Netzwerken kommt ein ganz neues Feld dazu. Hier ist unsere Message "Du bist gut so, wie du bist" extrem wichtig. Richtige Werte, echte Freundschaften, nicht einfach nur möglichst viele Follower.   In dieser Altersklasse von sechs bis zwölf Jahren ist es schwieriger und härter geworden. Auch für Eltern übrigens. Wo zieht man Grenzen, wann schafft man ein Smartphone an? Da hab ich für mich auch noch keine endgültige Entscheidung getroffen. 


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