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Ist die Einleitung mit Cytotec wirklich gefährlich für Mutter und Baby?

Ist die Einleitung mit Cytotec wirklich gefährlich für Mutter und Baby?
© Natalia Deriabina/shutterstock
Unsere Autorin hat vor acht Jahren einen einwöchigen Einleitungsmarathon hinter sich gebracht. Nun steht das tausendfach zur Einleitung verwendete Medikament Cytotec, das auch bei ihr verwendet wurde, unter massiver Kritik. Zu Recht?
von Miriam Kühnel

Es ist jetzt bereits acht Jahre her, dass die Geburt meiner ersten Tochter eingeleitet wurde. Wie bei zahllosen Frauen weltweit zunächst mit einer kleinen Tablette, besser gesagt mit einem Bruchteil einer Tablette. Ich kann mich noch deutlich an das mulmige Gefühl erinnern, das mich beschlich, als die Ärzte mit einem langen Informationsschreiben zu mir kamen und mir mitteilten, das Medikament sei zu diesem Zweck nicht zugelassen. Ich müsse unterschreiben, dass ich mit der sogenannten "Off-label"-Nutzung des eigentlichen Magenmedikaments einverstanden sei. Trotz fehlender Zulassung, so versicherte man mir, sei der verwendete Wirkstoff Misoprostol die wohl frauenfreundlichste Substanz auf dem Markt. Sowohl zur Einleitung als auch für frühe Schwangerschaftsabbrüche. Eine merkwürdige Mischung. Doch ich unterschrieb, kurz danach setzten die ersten Wehen ein. 

Cytotec kann Wehensturm auslösen

In der Süddeutschen Zeitung wird heute von Wehenstürmen, Gebärmutterrupturen und sogar Todesfällen berichtet, die durch die Verwendung des Medikaments zur Einleitung verursacht worden sein könnten. Das macht das mulmige Gefühl von vor acht Jahren plötzlich noch einmal sehr plastisch. Doch Dr. Lütje, Chefarzt der Gynäkologie des Hamburger Amalie Sieveking-Krankenhaus, mahnt zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit dem Thema. Er gilt als einer der interventionsärmsten Geburtshelfer des Landes und plädiert schon lange für einen sorgsameren Umgang mit dem Thema Einleitung. Doch das Problem sei nicht das Medikament oder der "Off-label"-Gebrauch, sondern die leider oft vorgenommene Überdosierung. "Cytotec ist eine wundervolle Substanz, ohne die wir in der Geburtshilfe oft viel invasiver agieren müssten. Es gibt leider kein vergleichbares Produkt mit Zulassung zur Einleitung." Eine nebenwirkungsfreie Form der Einleitung oder Geburtsintervention gebe es nicht, fügt er hinzu. "Meiner Meinung nach wird allerdings insgesamt viel zu oft und sorglos eingeleitet."

Soll ich Cytotec als Einleitungsmethode ablehnen?

Die Frage, die mich vor acht Jahren beschäftigt hat und die jetzt noch viel brisanter scheint: Was bedeuten die aufkommenden Zweifel an der Sicherheit des Medikaments für werdende Mütter? Ist es verantwortungslos, die Tablette zur Einleitung einzunehmen? "In der Geburtshilfe sollte man immer sehr genau abwägen, wieviel Intervention überhaupt notwendig ist", sagt Dr. Lütje. "Aber wenn sie notwendig ist, kann ich nur sagen: Die Alternativen zu Cytotec sind sicher nicht risikoärmer. Mögliche Wehenstürme sind ein allgemeines Risiko bei Einleitungen. Und vaginal verabreichte Prostaglandine bergen zum Beispiel gerade nach einem Blasensprung zusätzlich ein erhöhtes Infektionsrisiko. Ich sage es mal ganz deutlich: Wenn es in der Geburtshilfe einen allgemeinen Konsens gibt, dann mit wenigen Ausnahmen wohl am ehesten zum Medikament Cytotec."

Warum das Medikament trotz Konsens nicht zugelassen ist in der Gynäkologie

Trotzdem bleibt die Frage: Warum sind der Wehentropf, das Einleitungsgel und einige andere Einleitungssubstanzen zugelassen und Cytotec nicht? Warum wurde es vom deutschen Markt genommen und zu gynäkologischen Zwecken sogar kontraindiziert? Auf dem Einwilligungsbogen der Asklepios Kliniken in Hamburg wird Schwangeren folgende Erklärung geboten: "Man vermutet, dass diese Entscheidung, u.a. auf den Einfluss der Abtreibungsgegner in den USA zurückzuführen ist. Ein weiterer Grund mögen wirtschaftliche Interessen des Herstellers sein, der auch deutlich teurere Medikamente zur Geburtseinleitung anbietet." Fakt ist jedenfalls: Die Nebenwirkungen von Cytotec, die in den Medien dieser Tage angeprangert werden, finden sich so oder ähnlich in allen Beipackzetteln zugelassener Einleitungsmedikamente. Außerdem gibt es sogar ein zugelassenes Vaginalgel mit dem gleichen Wirkstoff Misoprostol. 

Jede Frau, jedes Kind, jede Geburt ist einzigartig

Die Geburt meiner Tochter endete nach acht Tagen Einleitung in einem Kaiserschnitt. Mir wurden zunächst die Tabletten gegeben, dann ein Gel am Muttermund aufgetragen, zu guter Letzt ein Wehentropf angeschlossen. Und ich muss sagen, dass die ersten Tage mit Cytotec tatsächlich mit Abstand die angenehmsten waren. Heftige Wehen kamen erst beim zugelassenen Wehentropf auf mich zu. Das Legen des Gels habe ich als unglaublich unangenehm in Erinnerung. Das ist aber nur meine ganz individuelle Wahrnehmung. Ich glaube, dass Geburtshelfer und werdende Mütter im Geburtsprozess sehr viel sprechen müssen und Vertrauen eine große Rolle spielt. Niemand sollte etwas unterschreiben müssen, was ihm ein schlechtes Gefühl gibt. Aber Panik sollten wir uns auch nicht machen lassen durch die teilweise haarsträubend beängstigende Berichterstattung. Meine persönliche Meinung zum Thema Cytotec: Ärztliche Intervention bei der Geburt ist nie besonders schön, aber manchmal muss eine Frau eben tun, was eine Frau tun muss und denen vertrauen, die schon viele tausende Geburten begleitet haben. Und Vertrauen beginnt schon mit der sorgfältigen Wahl des Krankenhauses, in dem man entbindet.


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