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Die K-Frage Was es heute bedeutet, Mutter zu werden

Mutter werden - ja oder nein?
Die Journalistin Johanna Dürrholz (32) ist der Frage nachgegangen, welche Konsequenzen das Kinderkriegen hat.   
© Alyssa Meister
Verlieren Frauen mehr, als sie gewinnen, wenn sie ein Kind bekommen? Johanna Dürrholz hat in ihrem Buch "Die K-Frage" untersucht, was es bedeutet, Mutter zu werden. Ein Interview.

BRIGITTE.de: In Ihrem Buch suchen Sie eine Antwort auf die Frage, ob Sie ein Kind möchten oder nicht. Ist die Entscheidung so schwierig, dass man ein ganzes Buch dafür braucht?

Johanna Dürrholz: Ich glaube, auch 20 Bücher würden nicht ausreichen! Das Thema Mutterschaft ist heute ein komplexes Thema, bei dem viele gesellschaftliche und individuelle Komponenten zusammenspielen. Die Entscheidungsfindung ist auch deshalb so schwierig, weil Frauen das Gefühl haben, dass sie durch ein Kind mehr verlieren als gewinnen könnten - und dass sie ihr altes Leben aufgeben müssen.

Das ist aber nichts Neues, dass sich das Leben mit der Geburt eines Kindes ändert.

Nein, aber früher gab es nicht den Anspruch auf Gleichberechtigung. Die Rollenverteilung war klar: Mutter Zuhause, Vater im Job. Doch auch heute noch sind Kinder nicht gut mit der Arbeitswelt vereinbar. Darunter leiden übrigens nicht nur die Frauen. Viele Männer wollen eine aktive Vaterschaft und würden gerne mehr Elternzeit nehmen, haben aber Angst vor Abstrafung durch den Arbeitgeber. 

Früher gab es nicht den Anspruch auf Gleichberechtigung

Vereinbarkeit ist eine Lüge, schreiben Sie. Müssen Frauen sich immer noch zwischen Kind und Karriere entscheiden? 

Man kann beides haben, aber dann braucht man Geld, um die Betreuung der Kinder zu finanzieren. Wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten, macht das mit Kind drei Vollzeitjobs für zwei Personen, und das ist einer zu viel. Deshalb gehen viele Frauen in Teilzeit und übernehmen einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit. Die Folgen wie Karriereknick oder Altersarmut sind bekannt. 

Sie fragen sich nicht nur, ob Sie Kinder wollen, sondern ob Sie welche bekommen müssen. Wie groß ist der Druck, Mutter zu werden?

Es gibt einen Druck von innen und außen. Ich mache mir Druck, weil die biologische Uhr tickt. Aber es gibt auch den gesellschaftlichen Druck. Frauen definieren sich immer noch stark über das Bild der Mutter, wenn es darum geht, die Anforderungen von Weiblichkeit zu erfüllen, da ist Deutschland ziemlich rückständig. Kinderlose Frauen werden nach wie vor stigmatisiert - genau wie in Vollzeit arbeitende Frauen, die immer noch gern als Rabenmütter bezeichnet werden.

Hat sich da gar nichts bewegt?

Doch, da hat sich ganz viel getan. Es gibt inzwischen alle möglichen Formen der Elternschaft, wie Co-Parenting oder Regenbogenfamilien. Ich beobachte aber auch eine gewisse Retraditionalisierung. Wenn ich mir zum Beispiel manche Mami-Bloggerinnen anschaue, die suggerieren, dass das Muttersein allein sie erfüllt. Allerdings verdienen sie mit dem Mama-Content auch Geld, das wird gern vergessen. Und es gibt natürlich auch ganz tolle Familien-Influencerinnen. 

Andere Frauen begeben sich in den "Gebärstreik", um den Planeten zu schonen. Kommt der Klimawandel erschwerend hinzu, wenn es um die Kinderfrage geht?

Der Klimawandel, die Digitalisierung und jetzt auch die Corona-Krise zeigen, wie zerbrechlich alles ist. Das schürt Zukunftsängste. Ich finde, es ist berechtigt, sich zu überlegen, ob man ein Kind bekommen will, wenn man überhaupt nicht abschätzen kann, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird. 

Man konnte noch nie in die Zukunft blicken.

Das stimmt, aber die Welt hat sich auch noch nie so rasant verändert wie in den letzten 20 Jahren. Trotzdem: Für mich wäre es eine Form des Aufgebens, wenn ich deshalb auf Kinder verzichten würde. Es gibt noch so viele andere Fragen, die man berücksichtigen sollte: Wer will ich in 20, 30 Jahren sein? Will ich Familie, oder ist mir mein Freundeskreis wichtiger? Was bedeutet mir mein Job, habe ich den geeigneten Partner? Es geht natürlich ohne, aber alleine ist es schwieriger. 

Ihr Buch endet mit dem Satz: "Leben passiert." Heißt das, Sie treffen keine Entscheidung und lassen lieber alles auf sich zukommen?

Sieht so aus, als hätte ich meine Entscheidung erstmal vertagt. Ich bin 32, da geht das gerade noch. Aber ich habe versucht, die Ungerechtigkeiten zu erforschen und Denkanstöße in alle Richtungen zu geben. Ich wollte herausfinden, was man sich alles vergegenwärtigen sollte, bevor man sich für oder gegen ein Kind entscheidet. Vor allem sollten Paare miteinander sprechen: Wer geht wie lange in Elternzeit? Wie teilen wir alles auf? Welche Kitas gibt es in der Nähe? Man sollte auch einen Finanzplan machen. Ich glaube, der Schlüssel ist, miteinander zu reden - auch wenn das alles sehr bürokratisch klingt für so eine romantische Sache wie das Kinderkriegen.  

Die K-Frage: Was es heute bedeutet, Mutter zu werden
© Dudenverlag

 "Die K-Frage: Was es heute bedeutet, (k)ein Kind zu wollen" von Johanna Dürrholz (Dudenverlag, 18 Euro)

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