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Nach Helikopter Was "Curling-Eltern" sind – und was sie angeblich falsch machen

Mutter schreibt Hausaufgaben für ihren Sohn
© Hero Images/Hero Images / Adobe Stock
Fürsorgliche Eltern werden mit vielen Etiketten belegt: Helikopter war gestern, jetzt gibt es die Curling-, Rasenmäher- und Schneepflug-Eltern. Die Kritik an diesen Erziehungsstilen mag berechtigt sein, greift aber zu kurz. Was es stattdessen braucht.

Von Helikopter-Eltern haben alle schon ausgiebig gehört, seit einiger Zeit gibt es die Weiterentwicklung und ein neues Etikett: Curling-Eltern. Es ist eine Metapher für Eltern, die ihren Kindern alle Hindernisse aus dem Weg wischen, so wie Curling-Spieler:innen das tun.

Im Gegensatz zu Helikopter-Eltern kreisen sie nicht nur im Hintergrund um ihre Kinder, sie greifen aktiv in deren Leben ein, um ihnen einen reibungslosen Weg in die Zukunft zu ebnen. Sie machen beispielsweise die Hausaufgaben ihrer Kinder, damit diesen keine schulischen Nachteile entstehen.

Dieses Prinzip des Gefahren-aus-dem-Weg-Räumens wird noch gesteigert bei den sogenannten Rasenmäher-Eltern und den Schneepflug-Eltern. Diese beiden Kategorien gehen jeweils noch extremer als die Curling-Eltern vor, um ihrem Nachwuchs den Weg in die Zukunft zu ebnen.

Eltern machen alles falsch

Die Methaphern sprechen für sich. Helikopter, Rasenmäher, Schneepflug? What the ****? Verständlich, dass die so bezeichneten Eltern sich angegriffen fühlen. Versuchen sie nicht einfach wie alle anderen Eltern, ihr Bestes zu geben? Auf ihre eigene unperfekte Art?

Die Autorin und Erziehungsexpertin Nora Imlau bringt diese Eltern-Etiketten-Sucht in einem Instagram-Video für den "Tagesspiegel“ auf den Punkt: "Das sind oft süffisante Beschreibungen, die suggerieren, dass Eltern immer irgendwie etwas falsch machen. Ich sehe eine Elterngeneration heute, die sich unglaublich Mühe gibt, liebevoll und zugewandt mit ihren Kindern umzugehen, alle Bedürfnisse gut unter einen Hut zu bringen – und damit einen wirklich guten Job macht."

Imlau ist vierfache Mutter und Befürworterin der bedürfnisorientierten Erziehung, die eine liebevolle Beziehung zum Kind anstrebt und dabei eine Balance der Bedürfnisse aller Familienmitglieder sucht. 

"Das Klischee ist, dass Rasenmäher-Eltern über ihre Kinder hinwegmähen, Helikopter-Eltern permanent über ihren Kindern kreisen und sie keine eigenen Wege gehen lassen und Curling-Eltern jede Schwierigkeit aus dem Weg wischen, bevor sie dem Kind begegnen könnte", so Imlau. "Das sind alles wenig hilfreiche Zuschreibungen, die das legitime Bemühen der Eltern, eine Balance zwischen Schützen und Schubsen zu finden, ins Lächerliche ziehen", sagt Imlau.

Unselbstständige Kinder

Damit benennt sie zwei wichtige Punkte. Zum einen: Eltern geben sich heute mehr Mühe als früher, eine kindzentrierte Erziehung zu leben. Zum anderen: Die neue Balance zwischen Bindung und Autonomie zu finden, ist gar nicht so leicht. Das Bemühen verdient Anerkennung anstatt Schelte. Trotzdem kann Kritik berechtigt sein.

"Helikopter-Elternschaft scheint eine extreme Manifestation umfassenderer Veränderungen im Verständnis der Eltern darüber zu sein, wie sie ihre Rollen am besten erfüllen sollten", heißt es in der Studie "Intensivierung der Elternschaft in Deutschland". In den letzten Jahrzehnten sei der Wandel weg von autoritär-hierarchischen Familienstrukturen hin zu einem kindzentrierten Erziehungsverhalten gut dokumentiert.

Das berge Chancen, aber auch Risiken. Als eine zentrale Herausforderung wird die Gefahr benannt, in eine überfürsorgliche, überwachende Nähe abzurutschen.

"Wenn die elterliche Beteiligung nicht an die wachsenden Kompetenzen und Bedürfnisse der Kinder nach Autonomie angepasst wird, können die Eigenständigkeit und die Entwicklung der Eigenverantwortung der Kinder leiden", heißt es in der Studie. Das könne Kinder davon abhalten, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und sie daran hindern, persönliche Verantwortung und Kompetenz zu entwickeln. "Es gibt beispielsweise Hinweise darauf, dass Kinder, die in der frühen Kindheit eine stark kontrollierende Erziehung erfahren, während der Präadoleszenz weniger Fähigkeit zur Selbstregulierung zeigen", so die Studie.

Eigenen Erziehungsstil hinterfragen

Deshalb kann es wichtig sein, dass Eltern sich und ihren Erziehungsstil hinterfragen – womöglich aufgrund eines plakativen Labels, das sie aufgedrückt bekommen. Ob Helikopter-, Curling- oder Schneepflug-Eltern – alle versuchen bestmöglich, für ihre Kinder da zu sein. Wenn die Balance nicht ideal ist, können solche rabiaten Metaphern dann die Funktion eines "Winks mit dem Zaunpfahl" haben. Aber Kritiker:innen machen es sich damit auch leicht.

Hilfreicher als der anklagende Finger wäre ein konstruktiver Dialog. Denn geschuldet sind Phänomene wie Curling-Eltern auch den gesellschaftlichen Erwartungen: "Viele Eltern verspüren einen gesellschaftlichen Druck, dem Ideal aufopfernder Eltern zu entsprechen", heißt es in dem Gutachten "Eltern sein in Deutschland". "Dies erschwert auch die nötige Balance zwischen Kontrolle und Autonomieförderung der Kinder."

Fehlende Vorbilder – lernen wir dazu

Anders gesagt: Wir können alle noch dazulernen. Jeder Elternteil, der versucht, zugewandt und unterstützend für die Kinder dazusein, verdient Anerkennung. Oder etwa nicht? Denn die meisten haben keinerlei Vorbilder für die Art Erziehung, die sie heute versuchen, zu leben. Und wenn die Balance zu sehr in die übergriffig-überbehütende Richtung kippt, braucht es keinen anklagenden Zeigefinder – sondern eine helfende Hand. Also Entwicklungsanreize statt Schelte. Wer sich angegriffen fühlt, neigt nämlich eher zu aggressiver Verteidigung als zu Selbstreflexion. 

Brigitte

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