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Care-Arbeit Milliarden-Business ohne Lohn - ist das gerecht?

Sorgearbeit: Frau arbeitet und kümmert sich um Baby
© Goncharov_Artem / Shutterstock
Dass Frauen wesentlich mehr Sorgearbeit leisten als Männer, ist kein Geheimnis – das macht es allerdings nicht weniger erschütternd. Frauen übernehmen den Haushalt, die Kinderbetreuung und der sogenannte Gender Care Gap wird eher größer als kleiner. Das ist ein Problem. 

Den Geschirrspüler ein- und ausräumen, Wäsche waschen, die Kinder versorgen, kochen und putzen, ein älteres Familienmitglied pflegen: All diese unbezahlten Tätigkeiten werden unter dem Begriff Care-Arbeit zusammengefasst und überwiegend von Frauen verrichtet. Und das, obwohl immer weniger Frauen sich mit der reinen "Hausfrauenrolle" identifizieren können oder wollen.

Denn auch erwerbstätige Frauen leisten deutlich mehr Care-Arbeit als ihre männlichen Partner. Care- oder Sorgearbeit ist ein zentraler Faktor für die vorherrschende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Durch die Coronapandemie kommt die ohnehin unzureichende Geschlechtergerechtigkeit zusätzlich ins Wanken.

Care-Arbeit: Das leisten Frauen wirklich

So ein bisschen Haushalt ist doch schnell erledigt. Von wegen! Weltweit leisten Frauen und Mädchen über 12 Milliarden Stunden Hausarbeit, Fürsorge und Pflege, wie die Hilfsorganisation Oxfam errechnet. Global wird drei Viertel der Sorgearbeit von Frauen geschultert.

Der sogenannte Gender Care Gap beziffert die Lücke in der Zeitverwendung von Frauen und Männern für unbezahlte Sorgearbeit. Im Jahr 2019 lag der Gender Care Gap laut des Zweiten Gleichstellungsberichts der Bundesregierung in Deutschland bei 52,4 Prozent. Heißt: Frauen verwendeten im Durchschnitt täglich 52,4 Prozent mehr Zeit für Care-Arbeit als Männer. Während Männer pro Tag durchschnittlich 2,46 Stunden unbezahlte Sorgearbeit leisteten, waren es bei Frauen 4,13 Stunden. 

Unsichtbare Arbeit ist auch Arbeit

Traditionell ist Sorgearbeit Frauensache. Die Frauen blieben daheim, um Familien- und Hausarbeit zu machen, während die Männer arbeiten gingen. Die zweite Frauenbewegung in den späten 1960er-Jahren hat sich dafür eingesetzt, dass Frauen ebenfalls berufstätig und unabhängig werden. Das ist zwar gelungen, doch in puncto Sorgearbeit scheint der Ausbruch aus der tradierten Geschlechterrolle nicht klappen zu wollen. Ja, viele Frauen sind berufstätig, doch sie haben mit der Doppelbelastung zu kämpfen. Denn wenn sie Feierabend haben, wartet die Care-Arbeit - die auch kein Wochenende kennt - auf sie.

Care-Arbeit ist Arbeit. Doch im Allgemeinen gilt noch immer Erwerbsarbeit als die "richtige Arbeit" und hat einen Stellenwert eingenommen, der unbezahlter Sorgearbeit nicht zugestanden wird. Dabei ist unbestritten, dass eine menschliche Gesellschaft ohne Care-Arbeit nicht funktionieren würde. Jeder Mensch ist etwa ein Drittel seines Lebens von anderen abhängig: als Kind, bei Krankheit oder im Alter. Sorgearbeit ist zudem an wirtschaftliches Wachstum gekoppelt: Würden keine Kinder mehr geboren und aufgezogen werden, gäbe es in Zukunft keine Arbeitskräfte mehr. Trotz ihrer dringenden Notwendigkeit wird der Wert von Care-Arbeit gesellschaftlich nicht anerkannt – Care-Arbeit bleibt unsichtbar.

Wir müssen den Teufelskreis durchbrechen

Die vielen Stunden, die Frauen für unbezahlte Arbeit verwenden, fehlen wiederum bei der verfügbaren Zeit in ihrem bezahlten Job. In heterosexuellen Paarhaushalten mit Kindern ist es meist die Frau, ob gewünscht oder nicht, die in Teilzeit arbeitet, während der Mann in Vollzeit bleibt. Warum?

Häufig liegt es daran, dass der Mann mehr verdient als die Frau: Der Gender Pay Gap bedingt also den Gender Care Gap. Doch dadurch, dass Frauen oft aus familiären Gründen in das Teilzeitmodell wechseln, sind sie finanziell schlechter abgesichert: Ihnen steht eine geringere Rente und Altersvorsorge bevor. Hier klafft noch eine Lücke auf: der Gender Pension Gap. Eine Ungleichheit zwischen Männern und Frauen resultiert aus einer anderen, die wiederum eine andere schafft – ein nicht enden wollender Teufelskreis.

Elternzeit ist Muttersache

Auch Elternzeit wird wesentlich häufiger von Müttern als Vätern genommen. Seit der Einführung des Elterngeldes im Jahr 2007 ist der Anteil der Männer, die Elternzeit nehmen, zwar gestiegen, allerdings bleibt es ein kleiner Teil. Hinzu kommt, dass Männer meist nur zwei Monate Elternzeit nehmen. Laut des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW)seien Väter aus finanziellen Gründen zurückhaltend, was Elternzeit angeht. Außerdem befürchten sie negative beruflichen Konsequenzen. Ein berechtigter Einwand: Dass Teilzeit ein Karrierekiller sein kann, haben sehr wahrscheinlich viele Frauen schon am eigenen Leib gespürt.

Teil des Problems ist, dass in diversen Betrieben oder Branchen oftmals die Nase gerümpft wird, wenn ein Vater eine längere (oder überhaupt) Elternzeit nehmen möchte. Es ist eben nicht "normal". Womit wir wieder bei den tradierten Geschlechterrollen wären.

Doch ein Blick nach Schweden zeigt, dass dies durchaus funktionieren kann. Immerhin gehört die Elternzeit-Regelung Schwedens zu den fortschrittlichsten der Welt: Beiden Elternteilen werden 480 Tage (16 Monate) bezahlte Elternzeit mit rund 80 Prozent ihres Gehalts gewährt. Diese Zeit muss zwischen den Eltern aufgeteilt werden und ist gültig, bis ihr Kind das achte Lebensjahr erreicht. Die meisten schwedischen Väter nehmen eine Elternzeit von drei bis neun Monaten. Vielleicht sollte Deutschland sich nicht nur in Sachen Inneneinrichtung an dem skandinavischen Land orientieren.

Corona: Sorgearbeit + Homeschooling

Die Care-Arbeit wurde durch die Coronapandemie nicht weniger. Im Gegenteil, durch Kita- und Schulschließungen nimmt die Sorgearbeit enorm zu. Um Kinderbetreuung und Homeschooling kümmern sich vor allem die Mütter, die im Homeoffice rotieren. Eine Analyse von UN Women hat ergeben, dass Frauen vor der Coronakrise weltweit bereits sechs Stunden mehr Care-Arbeit pro Woche geleistet haben als Männer – inzwischen sind es acht Stunden.

Laut einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC wirke sich diese Entwicklung negativ auf die Gleichberechtigung in der Arbeitswelt aus. "Unsere Analyse belegt, dass die Auswirkungen der Pandemie und der damit einhergehenden Maßnahmen wie Schul- und Kitaschließungen Frauen besonders empfindlich treffen und die hart erkämpften Errungenschaften bei der Förderung von Frauen in der Arbeitswelt zunichte zu machen drohen", erklärt PwC-Expertin Petra Raspels. Denn es sähen sich deutlich mehr Frauen als Männer gezwungen, in diesen Zeiten beruflich zurückzustecken.

Retraditionalisierung in der Pandemie

Bereits zu Beginn der Pandemie prophezeite Soziologin Jutta Allmendinger, dass Frauen eine "entsetzliche Retraditionalisierung" erfahren werden und in Bezug auf die Gleichstellung von Männern und Frauen "drei Jahrzehnte verlieren werden." Sie bleibt bei der These und beobachtet, dass Männer nach den Lockdowns ihre Arbeitszeit schneller wieder erhöht haben als Frauen. Insgesamt habe sich die Schere zwischen Müttern und Väter weiter geöffnet. Ihr zufolge werde die Pandemie die bestehende Ungleichheit bezüglich Sorgearbeit oder Teilzeitquote weiter festigen. Dabei spiele auch das Homeoffice eine Rolle, da es Frauen in alte Rollenmuster zurückdränge. Nach dem Motto: Mama ist ja da.

In ihrem Buch "Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen" schlägt Allmendinger die 32-Stunden-Woche als Lösung vor, damit Männer und Frauen die Aufgaben gerecht verteilen können: "Der aus meiner Sicht bessere Weg besteht darin, dass Männer ihre Erwerbsarbeit reduzieren und damit endlich einen aktiven Schritt auf die Frauen zu machen. Ziel ist eine etwa 32-Stunden-Woche für alle, berechnet als Schnitt über den gesamten Lebensverlauf, mit Phasen niedrigerer oder höherer Arbeitszeit."

Eins ist sicher: Es ist an der Zeit, den Teufelskreis zu durchbrechen. Frauen sollten sich nicht zwischen Familie und Beruf entscheiden oder an Doppelbelastung zerbrechen müssen. Dafür bedarf es auch politischen Maßnahmen wie bedingungsloses Grundeinkommen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, eine bessere Elternzeit-Regelung – kurz: Geschlechtergerechtigkeit. Das scheint noch utopisch. Ebenso utopisch wie der Spruch "Zeit ist Geld", denn damit dürfte sich wohl kaum eine Frau, die Care-Arbeit leistet, identifizieren können.

Verwendete Quellen: oxfam.de, spiegel.de, diw.de, zeit.de, "Im Schatten der Profite", businessinsider.de, deutschlandfunk.de, sueddeutsche.de, pwc.de, bmfsfj.de,  "Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen", de.statista.com

Brigitte

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