Späte Erkenntnis: "Ich war eine schlechte Mutter"

"Ich war eine schlechte Mutter": Die Erkenntnis kam, als es zu spät war und die Söhne bereits
 aus dem Haus. Marianne Ksionek hat lange gebraucht, um ihre Fehler zu erkennen und mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden.

Es fühlt sich an, als habe ich mein Kind verloren, das tut schrecklich weh.

Die 69-jährige Rentnerin aus der Nähe von Trier spricht von ihrem jüngeren Sohn Thomas*. Sie hat kaum noch Kontakt zu ihm. Er schreibt ihr zu Weihnachten eine Mail, treffen möchte er sie nicht. Sie hat seine Entscheidung akzeptiert, sie versteht ihn. "Es ist sein Umgang mit der Vergangenheit", sagt sie. Und fügt hinzu: "Es ist meine Schuld. Ich war eine schlechte Mutter. Ich habe mich nicht gut um ihn und seinen Bruder gekümmert. Und ich habe sie nicht beschützt vor meinem Mann, der so hart zu ihnen war."

Sie redet langsam, etwas bedrückt wirkt sie, aber auch gefasst. Sie hat sich viele Jahre lang
 gefragt, warum sie so war, wie sie war "so schwach und blind". Es ist ihr nicht leichtgefallen, darauf Antworten zu finden und sich von den Schuldgefühlen zu lösen. Ganz befreit hat sie sich davon immer noch nicht, aber sie hat etwas Klarheit und Abstand gewonnen. Und sie hat gelernt, mit dem Schmerz zu leben.

Mutter und Hausfrau - weil der Ehemann es so wollte

Marianne Ksionek hat jung geheiratet,
 mit 21, ihre erste große Liebe - die beiden hatten sich als 14-Jährige kennengelernt. Sie bekamen zwei Söhne, Olaf * wurde 1970 geboren, Thomas fünf Jahre später. Eigentlich war alles gut. Aber sie empfand den Familienalltag als bedrückend und frustrierend. Die Beziehung kühlte ab, ihr Mann konzentrierte sich mehr und mehr auf seinen Beruf. Und sie war nur Hausfrau und Mutter - eine klare Rollenverteilung, weil er es so wollte.

Aber irgendwann hatte sie genug. Es waren die 70er-Jahre, Aufbruch lag in der Luft, und es gab ein neues Scheidungsrecht, das die Schuldfrage nicht mehr stellte. Viele ihrer Freundinnen trennten sich damals, träumten von Freiheit jenseits des öden Ehealltags, verführerische Möglichkeiten taten sich auf. "Das war irgendwie schick", sagt sie.

Bei der Scheidung dachte keiner an die Kinder 

1977 ließen sich Marianne Ksionek und ihr Mann scheiden. Über die Folgen für die Kinder hat sie nicht nachgedacht, so wie sie vieles entschied, ohne lang abzuwägen.

Die gelernte Drogistin arbeitete als Verkäuferin, Vollzeit, aber das fand sie nicht schlimm. Sie war so froh, dass sie nicht mehr nur Hausfrau war, dass sie nicht bemerkte, wie schwer sich ihre kleinen Söhne damit taten, dass ihre Mutter tagsüber nicht mehr für sie da war, wenn sie ihre Fürsorge brauchten. Olaf und Thomas mussten plötzlich ganztags in den Hort gehen, verbrachten die Tage bei den Großeltern oder blieben alleine zu Hause, der Kontakt zu ihrem Vater brach fast vollständig ab.

Die neue Liebe machte alles noch schlimmer

Schon bald mussten sie sich auch noch an einen neuen Mann an der Seite ihrer Mutter gewöhnen. Marianne Ksionek verliebte sich im Jahr nach der Scheidung und zog wenig später mit den Söhnen zu ihrer neuen Liebe. 

Helmut Dierk* war fast zehn Jahre älter, sehr charmant, klug und belesen, er gab ihr viel Bestätigung. Und er wusste genau, was er wollte. Das gefiel ihr. Aber es gab schon früh erste Anzeichen, dass er dominant und cholerisch war. Das steigerte sich im Laufe der Zeit, er wurde sofort laut, wenn etwas nicht nach seinem Willen lief, er beschimpfte und schlug ihre Söhne, wenn sie nicht pünktlich, ruhig und brav waren. Wenn sie ihm sagte, dass er damit aufhören soll, gelobte er Besserung, und sie glaubte ihm nur zu gern. Und heiratete ihn sogar wenig später.

Ich war furchtbar naiv. Ich wollte nicht wahrhaben, wie sehr er meine Kinder und mich unterdrückte

Helmut Dierk wurde unerträglich, dennoch: Sie verdrängte und verharmloste die vielen strengen Regeln, die er aufstellte, sein Schimpfen und seine Brutalität. Weil eine Ohrfeige damals nichts Ungewöhnliches war. Weil er doch auch so liebevoll sein konnte. Weil sie sich nicht noch mal trennen wollte. Und weil sie so viel arbeitete, dass ihr gar keine Zeit zum Hinterfragen blieb.

Helmut Dierk hatte ein paar Jahre zuvor Konkurs gemacht. Alles, was er danach verdiente, wurde gepfändet. Sie war diejenige, die als Verkäuferin das Leben für ihn und die Kinder finanzierte. Da ihr Gehalt kaum ausreichte, hatte sie unter ihrem Namen ein Buchantiquariat aufgemacht, in dem ihr Mann arbeiten konnte. Für Angestellte fehlte das Geld, also half sie selbst nach Feierabend mit, kümmerte sich um Rechnungen und die Buchhaltung.

Auch ihre Söhne mussten mit anpacken. Wenn andere Kinder spielten, standen sie im Geschäft und sortierten Bücher. Marianne Ksionek hatte jetzt überhaupt keine Zeit mehr für ihre Kinder. Wenn sie nach Hause kam, war sie so erledigt, dass sie nur noch ihre Pflicht erfüllen konnte - Tisch decken, Essen hinstellen, Wäsche waschen. Arbeit und Geldsorgen bestimmten das Leben, ständig waren Gerichtsvollzieher im Haus, sie und ihr Mann stritten sich oft. 

Unser Leben war arm und anstrengend

 "Ich war davon so erschöpft und müde, dass ich auf die Bedürfnisse meiner Kinder überhaupt nicht mehr eingehen konnte", sagt Marianne Ksionek. Erst als ihre Söhne ausgezogen waren und sich kaum mehr bei ihr meldeten, erwachte sie langsam aus diesem Leben, in dem sie nur noch blind funktionierte. Das war Mitte der 90er-Jahre, sie war Ende 40.

Eine heftige Fructose-Allergie machte ihr in dieser Zeit zu schaffen, ihr Mann hatte Affären, die Kinder waren weg, sie fühlte sich ungeliebt und allein, dachte viel nach, auch über ihre eigene Kindheit.

Sie machte als Mutter die gleichen Fehler wie ihre Eltern

"Mir wurde langsam klar, wie viel Angst ich als junger Mensch hatte, wie vielen Zwängen ich unterworfen war." Ihre Mutter war chronisch krank gewesen - offene Tuberkulose, Herzmuskelentzündung, Nierenschwäche, Allergien. Die ersten fünf Jahre nach der Geburt von Marianne Ksionek verbrachte sie die meiste Zeit in Sanatorien, die kleine Marianne wuchs bei ihrer Oma auf.

Nach deren Tod kam die Mutter nach Hause. Fortan wurde Marianne zu vielen Ärzten mitgenommen, die ihr einbläuten, dass sie ihre Mutter schonen müsse und keinen Dreck machen dürfe. Jeden Nachmittag gab es Schweigestunden, da durfte die Mutter nicht sprechen, wegen ihrer Lunge und dem Herzen, und auch Marianne hatte still zu sein. Wenn sie nicht gehorchte, wurde sie geschlagen.

Eine Kindheit ohne Spaß und Liebe

Ein Kind, das kein Kind sein darf und regelmäßigen Misshandlungen ausgesetzt ist, lernt, dass es sich fügen und funktionieren muss, egal wie es sich fühlt. Marianne Ksionek hat gelernt, ihre Gefühle abzuschalten, um das Leben zu ertragen. Und hat ihren Kindern angetan, was ihr selbst angetan wurde.

Das zu begreifen war ein schmerzhafter Lernprozess. Immer deutlicher verstand sie, warum sich ihre Söhne von ihr abgewendet hatten. Weil sie in einer ähnlich freudlosen Atmosphäre aufgewachsen waren wie sie selbst. Weil sie wie kleine Erwachsene behandelt wurden, viel zu hart und streng. Weil sie diese Erinnerungen und die Menschen, die damit zu tun hatten, nicht mehr an sich ranlassen wollten. 

Die Clown-Ausbildung war ihre Rettung

In den nächsten Jahren löste sich ihr altes Leben Stück für Stück auf. Ihr Mann trennte sich von ihr, sie gab das Buchantiquariat auf, sie erlitt zwei Bandscheibenvorfälle, verlor ihren Job als Verkäuferin und rutschte 2002 in das "Tal der Tränen", so nennt sie es.

Monatelang konnte sie nichts tun, außer zu weinen. Sie weinte, weil sie kein glückliches Kind hatte sein dürfen und ihren Söhnen keine gute Kindheit ermöglicht hatte. Weil sie die Fehler ihrer Eltern wiederholt hatte und sich so schuldig fühlte. Sie weinte alles raus, so sehr, dass es sie manchmal schüttelte.

Irgendwann in dieser Zeit las sie von einer Ausbildung zum Clown. Die Vorstellung, wieder lachen zu lernen, weckte in ihr eine tiefe Sehnsucht. Ihre Ausbildung zum Clown begann sie Anfang 2004. "Das war meine Rettung", sagt Marianne Ksionek lebhaft. 

Dabei muss man intensiv an sich selbst arbeiten, sich von falschen Denkmustern und Blockaden befreien, um zum wahren Ich vorzudringen

 Sie hat in dieser Zeit viel über sich und ihre Vergangenheit gelernt. Hat sich lösen können von der Trauer und den Selbstvorwürfen. Hat etwas Frieden geschlossen mit den Fehlern ihrer Eltern und den eigenen.

"Meine Kinder wurden in den Strudel meines Lebens reingerissen, das war hart für sie. Aber jeder Mensch hat die Aufgabe, sich von seiner Kindheit irgendwann zu befreien. Man kann nicht für immer den Eltern die Schuld geben." Sie wirkt jetzt wieder sehr gefasst, wenn sie das sagt.

Die Erkenntnis ist da - leider zu spät

Dennoch: Abgehakt ist das Thema für sie noch nicht. Mehrmals hat sie versucht, mit den Söhnen über ihre Fehler zu sprechen. Sie haben sich ihre Erklärungen und Entschuldigungen angehört, aber abgeblockt. "Lass gut sein, das ist vorbei", sagen sie beide. Vielleicht, denkt die Mutter, verdrängen sie das, was geschehen ist. "So wie ich es jahrelang gemacht habe: Ertragen durch Abschalten."

Marianne Ksionek würde ihre Söhne gern einmal wiedersehen, doch der Ältere lebt mit seiner Familie in Amerika. Und Thomas hat ihr zu Weihnachten geschrieben, dass er sie zwar lieb habe, aber nicht treffen möchte. "Ich muss das so hinnehmen", sagt sie. "Zwischen uns ist alles gesagt, er weiß, dass es mir sehr leidtut."

Hat sie noch Hoffnung, dass sie sich wieder annähern? Sie weiß es nicht. "Irgendwann vielleicht. Warten wir mal zehn Jahre." Sie versucht zu lächeln, doch die Traurigkeit in ihren Augen, die geht nicht ganz.


Ein Artikel aus BRIGITTE Wir - dem Magazin für die dritte Lebenshälfte

Brigitte WIR 03/2018

Wer hier schreibt:

Claudia Minner

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