"Es war ein Fehler, Mutter zu werden"

Manche Frauen bedauern zutiefst, Kinder bekommen zu haben. In dem Buch "Regretting Motherhood - Wenn Mütter bereuen" sprechen sie darüber. Eine Leseprobe.

Kinder gehören zu einem guten Leben dazu. Wirklich?

Auch heute noch stehen Frauen unter Druck, Kinder zu bekommen. Angeblich gehören Kinder zu einem erfüllten Leben und zum Frausein dazu. Frauen, die sich gegen Babys entschieden, verpassten Großartiges und würden spätestens im Alter einsam und traurig sein, wird uns vermittelt. Die Botschaft lautet: Du wirst es bereuen, wenn du keine Kinder bekommst. Wirklich?

Es gibt auch Frauen, die es bereuen, Mutter geworden zu sein. Doch Reue im Angesicht des eigenen Kindes ist ein sehr mächtiges Tabu. Deshalb verschweigen die meisten ihre negativen Gefühle – aus Scham und aus Angst, für monströs gehalten zu werden.

Schwester Nelle mit dem kleinen Pelle im Kinder-Hospiz Sternenbrücke

"Es ist Versklavung, es ist Schinderei"

Die israelische Soziologin Orna Donath hat diesen Müttern im vergangenen Jahr erstmalig eine Stimme gegeben. Für ihre Studie „Regretting Motherhood“ (Mutterschaft bereuen) hat sie 23 Frauen, die sie über Elternforen kontaktierte, zu ihren Gefühlen interviewt.

Die Frage an alle lautete: „Wenn Sie mit dem heutigen Wissen die Zeit zurückdrehen könnten, würden Sie noch einmal Mutter werden?“ Alle antworteten mit einem klaren Nein. Sie stellten aber klar, dass sie nicht ihre Kinder hassten, sondern ihr Leben als Mutter. Carmel etwa sagte: "Es ist Versklavung, es ist Schinderei."

Die Aufregung in den Medien war groß. Unter dem Schlagwort #regrettingmotherhood entbrannte eine hitzige Debatte im Internet.

Jetzt ist Orna Donaths Buch „Regretting Motherhood: Wenn Mütter bereuen“ (Knaus, 16,99 Euro) erschienen, in dem die befragten Frauen zu Wort kommen. Hier lest ihr Auszüge aus dem Kapitel "Wann begreifen Mütter, dass sie Reue empfinden?"

Wann begreifen Mütter, dass sie Reue empfinden?

"[...] Manche Frauen gelangten erst Jahre nach der Geburt ihrer Kinder zu dieser Einsicht, andere wurden sich schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Niederkunft dessen bewusst. Teilweise verspürten sie also schon Reue, noch bevor sie ihre Kinder auf die Welt gebracht und deren Persönlichkeiten und die Anforderungen der Erziehung kennengelernt hatten.

Odelya (ein Kind zwischen 1 und 5):

Odelya: »Schon während der Schwangerschaft verspürte ich Reue. Ich begriff, dass das, was geschehen würde – die Geburt dieses Lebewesens –, nicht das war, was ... Ich würde mich nicht mit ihm verbunden fühlen, ich würde praktisch nicht da sein ... Und ich sah ein, dass es ein Fehler war, ja ... dass es überflüssig war, für mich einfach nur überflüssig. Ich hätte lieber darauf verzichtet.«

Ich: »Erinnern Sie sich, was dieses Gefühl schon vor der Geburt bei Ihnen auslöste?«

Odelya: »Mir wurde einfach klar, dass es keine Rolle spielte, ob er weinte und ob ich wütend werden würde oder nicht, ob ich es tolerieren sollte oder nicht – sondern es bedeutete einfach, dass ich mein Leben aufgeben würde. Es bedeutet, dass man zu viel aufgeben muss, soweit es mich betrifft.«

[...]

Sophia (zwei Kinder zwischen 1 und 5):

»Nach der Geburt spürte ich, dass ich einen sehr, sehr großen Fehler gemacht hatte. Ich war richtig besessen von dem Gedanken, damit meine ich, dass er mir ständig durch den Kopf ging: ›Du hast einen Fehler gemacht, jetzt musst du dafür büßen. Du hast einen Fehler gemacht, jetzt musst du dafür büßen.‹ Aber warum hatte ich den Fehler gemacht? Warum hab ich das nur getan? War denn vorher wirklich alles so schlecht gewesen?«

Tirtza (zwei Kinder zwischen 30 und 40, Großmutter):

Ich: »Können Sie sich daran erinnern, wann Sie fühlten und /oder begriffen, dass Sie es bereuten, Mutter zu werden?«

Tirtza: »Ich glaube, das spürte ich schon in den ersten Wochen nach der Geburt. Ich sagte mir damals, dass es eine Katastrophe war. Eine Katastrophe. Mir wurde sofort klar, dass das nicht mein Ding ist. Und nicht nur das, sondern dass es der Albtraum meines Lebens ist.«

Carmel (ein Kind zwischen 15 und 20):

Carmel: »Ich geriet schon an dem Tag in Panik, als ich mit ihm im Arm aus der Klinik kam. Da wurde mir nämlich klar, was ich getan hatte. Und das intensivierte sich im Lauf der Jahre. [...] Ich erinnere mich, an dem Tag, als ich mit ihm von der Klinik nach Hause kam – und ich hatte keine postpartale Depression oder sonst etwas Klinisches – und die Wohnung betrat, hatte ich eine Angstattacke – bis heute die einzige, die ich jemals gehabt habe. Ich weiß noch, dass ich ihn eine ganze Woche lang nur einfach wieder in die Klinik zurückbringen wollte. Ich erfand etwas ... versuchte mir einzureden, dass er krank war, dass er sofort wieder in die Klinik musste. Das passierte schon damals. Ich dachte, es sei nur die typische Anfängerpanik, aber das Gefühl ist geblieben.«

Ich: »Was ist Ihnen in diesem Moment klar geworden?«

Carmel: »Dass es unumkehrbar ist [langes Schweigen]. Schauen Sie, das ist Versklavung. Es ist Versklavung, es ist Schinderei.«

[...]

Während sich viele Mütter in der ersten Zeit nach der Geburt unterschiedlichen Herausforderungen gegenübersehen, die nach und nach weniger werden können, wenn sich die Situation zum Besseren entwickelt, beschreibt die Reue eine emotionale Haltung gegenüber der Mutterschaft, die sich im Lauf der Zeit nicht ändert und auch nicht verbessert.

Da es außer dem Versprechen der Gesellschaft auf ein befriedigendes Ende irgendwann keine Denkansätze gibt, die diese Gefühle zur Mutterschaft erklären könnten, suchen viele Mütter selbst nach Antworten, um wieder festen Boden unter den Füßen zu bekommen. So zweifeln manche etwa die eigene Zurechnungsfähigkeit an, wie etwa Sky, oder behaupten, dass alle Eltern sich sozusagen kollektiv verschworen hätten zu schweigen.

Dass sie Reue empfinden, mag ihnen erst zu einem späteren Zeitpunkt bewusst werden, aber eine innere Unruhe stellt sich oftmals schon ein paar Monate nach der Geburt ein. In anderen Fällen entwickelt sich die Reue erst mit den Jahren, und manchmal erst nach der zweiten oder dritten Geburt:

Rose (zwei Kinder, eins zwischen 5 und 10 und eins zwischen 10 und 15):

Ich: »Erinnern Sie sich an den ›Moment‹, in dem Ihnen klar wurde, was Sie empfanden?«

Rose: »Das war erst nach dem zweiten Kind. Nach der ersten Geburt begriff ich, dass unsere Paarbeziehung nie mehr so sein würde wie früher, dass ich mich von diesem Tag an nicht nur um mich selbst, sondern auch um einen weiteren Menschen kümmern müsste. Ich begriff, dass sich mein Leben für immer verändert hatte. Erst nach der zweiten Geburt begriff ich endgültig, dass das nichts für mich ist. Lassen Sie mich das erklären: Nach der ersten Geburt glaubte ich, dass mit mir etwas nicht stimmte, dass ich noch nicht wirklich bereit war, dass ich eine Therapie brauchte. Und deshalb ging ich in die Therapie und setzte mich mit ein paar schmerzhaften Orten in mir auseinander, aber die eigentliche Ursache des Problems verfehlte ich – nämlich die Tatsache, dass es meine Elternschaft ist, mit der ich kämpfe. Ich dachte, mit der zweiten Geburt würde das vielleicht wieder ins Lot kommen, weil ich doch jetzt erwachsen geworden war und mich einer Therapie unterzogen hatte, und die Leute in meiner Umgebung und vor allem mein Mann waren sehr verständnisvoll und unterstützten mich – dass ich es jetzt ganz anders anpacken würde und so. Aber ich hatte nicht begriffen, dass das Problem nicht bei mir lag, sondern in der Entscheidung, Mutter zu werden.«

Sky (drei Kinder, zwei zwischen 15 und 20 und eins zwischen 20 und 25):

»Alles, was ich Ihnen hier erzähle, diese Erkenntnisse, warum ich das damals tat – das kann ich erst heute so gut erklären. Ich begann erst, das alles zu begreifen, als ich 35 oder 40 und in Therapie war. Bis dahin war ich wie ein kleines Kind, das kein eigenes Bewusstsein hat, nichts. Ich fühlte es, ich fühlte mich unwohl. Ich war nervös und gestresst, aber ich verstand nicht, woher das kam, und sagte immer, okay, mit mir muss was nicht stimmen, aber ich sagte mir nicht ... das ist es. Das ist die Situation. Ich begann erst, es zu begreifen, nachdem ich mit der Therapie begonnen hatte. [...] Die Wahrheit ist, dass ich in all den Jahren in der Therapie wirklich hoffte, dass sich in mir etwas verändern würde, dass ich in der Lage sein würde, mit den Kids eine Beziehung aufzubauen und zu spüren, dass sie wirklich ein Teil von mir sind, dass es so natürlich sein würde, wie es eigentlich doch sein sollte. Damit ich endlich Spaß mit meinen Kindern haben würde, dass sie mir fehlen würden, dass ich sie bei mir sehen wollte, dass ich ihnen etwas geben könnte ... mich selbst, auf eine möglichst natürliche Weise. [...] Ich glaube, eines hatte ich schon nach weniger als einem Jahr in der Therapie begriffen ... dass es ein tragischer Fehler meinerseits gewesen war. Erst dann. [...] Auch in der Therapie war es für mich sehr schwer. Am Anfang fiel es mir sehr schwer, das zuzugeben. Verstehen Sie, auch am Anfang der Therapie versuchte ich ständig, mich selbst zu schützen.«

Die Soziologin Orna Donath (39) lehrt unter anderem an der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be'er Scheva

Die Berichte von Sky und Rose zeigen, dass jede der Frauen sich bemüht hat, die Erwartungen an sich als Mutter und ihre konkreten Erfahrungen zusammenzubringen. Beide unternahmen verschiedene Anstrengungen, um die Diskrepanz zwischen ihren tatsächlichen Empfindungen und dem, was sie eigentlich empfinden sollten, wie ihnen klar war, zu verringern und Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Rose zum Beispiel bekam ein zweites Kind, weil sie sich davon eine Verbesserung, Umkehr und Berichtigung ihrer Situation erhoffte. Andere Mütter wie Sky begaben sich in psychologische Behandlung, um zu erkunden, was »bei ihnen nicht stimmte«. Für sie war die Krise nicht notwendigerweise eine Entwicklungskrise, über die sie »im Lauf der Zeit hinauswachsen« würden, sondern eine Krise, die sich aus ihrer Unfähigkeit ergab, sich einzugestehen, dass es ein Fehler gewesen war, Mutter zu werden. Das Eingeständnis von Gefühlen, für die es weder die richtigen Worte noch den richtigen Ort gab."

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