Abtreibung: Warum ich mein fünftes Kind nicht bekommen habe

Die Entscheidung für eine Abtreibung macht sich keine Frau leicht. Anna Ribeau, Mutter von vier Kindern, über ihren Entschluss, das fünfte nicht zu bekommen.

Ich rief in den unterschiedlichsten Situationen - sei es beim Essen oder mitten im Gespräch – vor meinem Mann das Wort "Baby" aus. Unwillkürlich, ohne Zusammenhang zum Gesprächsinhalt. Es purzelte einfach so aus meinem Mund. Wie von allein.

Was sollte ich damit anfangen? Zum Kinderkriegen gehören drei: Mann, Frau und Kind. Ich war der Überzeugung, dass der Wille eines ungeborenen Kindes schwerer wiegen würde als mein eigener. Er war schließlich darauf angewiesen, dass ich mich ihm öffnete. Er konnte so stark an meine Tür klopfen, wie er wollte. Einlass bekam er nur, wenn auch ich ein Kind wollte.

Damals überrumpelte ich meinen Mann: "Lass uns doch einmal die Tür einen Spalt breit offen lassen. Wir schlafen jetzt, zu diesem völlig willkürlichen Zeitpunkt meines Zyklus, einmal unverhütet miteinander." Ich war neugierig.

Kurz darauf fuhr ich mit Freundinnen ans Meer. Am Strand fand ich einen Stein, geformt wie ein Embryo. Als ich zurückkam, fuhr ich zum Frauenarzt. Verblüfft murmelte der mehr zu sich als zu mir: "Sie sind ein bisschen schwanger." Da meine Regel noch nicht ausgeblieben war, war der Hormonwert im Blut so gering, dass der Arzt ihn nicht als verlässliches Ergebnis sah. Ein handelsüblicher Schwangerschaftstest hätte zu diesem Zeitpunkt noch kein positives Ergebnis angezeigt.

Ich hatte mich schon für eine Sterilisation entschieden

Viele Jahre und vier Kinder später steckten mein Mann und ich in einer Krise. Sie brachte einiges auf den Tisch. Unangenehmes kam zu Tage. Es ging auch um Sexualität. Ich traf in diesem Zusammenhang die Entscheidung, mich sterilisieren zu lassen. Ich hatte darüber vorher nie nachgedacht, unsere Art der Verhütung nie hinterfragt. Plötzlich wollte ich für mich eigenständig eine Lösung, mich auf mein Frausein konzentrieren. Das leidige Thema Verhütung wäre damit vom Tisch. Das brachte vielleicht mehr Leichtigkeit mit sich.

Ich war 37 und es war für uns beide schon lange klar, dass wir keine weiteren Kinder wollen. War es da nicht Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen? Ich holte also bei einer Frauenärztin Informationen ein. Kurz darauf stellte ich fest, dass ich schwanger war. Es traf mich wie ein Schlag. Wie konnte das ausgerechnet jetzt passieren? Wir hatten doch jahrelang erfolgreich verhütet.

Ich war wütend. Sauer. Traurig. Enttäuscht. Aufgewühlt. Alles zugleich. Ich fühlte mich hintergangen. Als ich meinem Mann davon erzählte, war er sprachlos. Er nahm mich in den Arm und wir schwiegen gemeinsam. Auch für ihn zerbrach eine gewohnte Welt und wollte sich nicht wieder neu zusammensetzen. Ich wollte mich doch gerade sterilisieren lassen

Nach vier Schwangerschaften alles nochmal von vorne?

Jetzt sollte ich noch mal als Mutter von vorn anfangen. Babywagen im Park herumfahren. Stillen. Windeln wechseln. Ich war doch so erleichtert, dass alle aus dem Gröbsten raus waren. Ich ging eh schon auf dem Zahnfleisch. All die Anforderungen als berufstätige Mutter in der Weiterbildung mit dem Ziel, den eigenen Weg auszubauen. Aber was hatte ich zuvor nicht schon alles nebeneinander gewuppt. Ich war doch stark. Das würde ich doch auch wieder stemmen können.

Ein fünftes Kind als Nachzügler. Jemand hat die letzte Chance genutzt und ist durch die Tür gehuscht, bevor sie ganz verriegelt wurde. Ich war verletzt. Ich hatte genug von der inneren Haltung der heiligen Maria mit dem Kind auf dem Arm, die ich lange genug eingenommen hatte.

Wer nimmt mich eigentlich mal auf den Arm? Ich möchte mich selbst auf den Arm nehmen. Ich bin jetzt dran und zwar hier und jetzt. Ich will und kann nicht immer allem gerecht werden und alles schultern, nur um am Ende selbst dabei auf der Strecke zu bleiben.

Der Grad zwischen Abtreibung und Tötung ist schmal

Am gleichen Tag, an dem ich von meiner Schwangerschaft erfuhr und mich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Thema Abtreibung konfrontierte, wurde eine Ärztin zu Bußgeld verklagt, weil sie auf ihrer Homepage über Schwangerschaftsabbrüche informiert hatte. An eben diesem Tag suchte ich gerade selbst im Internet nach Rat. Was ich fand war ein tagesaktuelles Gerichtsurteil, das mir das Ausmaß der Tat, die ich vielleicht begehen würde, noch krasser vor Augen führte. Ich fühlte mich elendig.

Ich hatte Schritte genau zu befolgen (Beratungsschein, Beratungsgespräch, Zeitrahmen einhalten etc.), damit die Tat nicht als Straftat verfolgt würde. Ich war jetzt schwanger, und ein Teil in mir fand sich trotz der Zweifel eigentlich schon mit diesem Zustand als unumkehrbar ab. Wie sollte ich auch jemanden brutal aus meinem Leib wieder rausreißen können? Aber war es nicht auch eine Frechheit, so einfach durch die Tür zu huschen?

Wenn man als Mutter auf eine Fehlgeburt hofft

Als ich durch den Stadtpark ging, stieg in mir beim Anblick von Müttern mit Kinderwagen die Wut hoch: "Das bin ich nicht mehr." Als ich durch die Stadt ging, egal wo ich Babys sah, dachte ich: "Nein, ich bin damit durch. Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Bitte, Baby, geh und such dir eine andere Mutter." Ich hoffte auf eine Fehlgeburt, wie ich sie zuvor schon gehabt hatte. Eine Freundin, der ich meine Sorgen anvertraute, sagte:

Ich habe den Eindruck, dass du dich selbst abtreibst, wenn du das Kind bekommst.

Bis zum Schluss haderte ich. Ich wollte eine Entscheidung so bewusst wie möglich treffen, damit ich - egal wie ich mich entschied - danach nicht Trauer und Depression zum Opfer fiel. Ich hörte die Herztöne des Ungeborenen im Ultraschall. Ich realisierte sein Wachstum durch einen zweiten Ultraschall im Krankenhaus bei einer Voruntersuchung für den Abbruch. Ich durchleuchtete mich bis in den letzten Winkel: In einem Moment überwog die Vorfreude, dass meine vier Kinder das Baby sicher liebevoll umsorgen würden. Im anderen der Gedanke, dass ich doch für meine vier schon zu wenig Zeit hatte. 

Die Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen, blieb

Als ich das weiße OP-Hemd schon anhatte und mein Mann noch bei mir war, besprachen wir uns und wogen bis zuletzt ab. Es hatte nicht viel gefehlt. Aber es ging nicht. Auch wenn ich alles in die Waagschale warf, was ich hatte.

Es fehlte etwas Wesentliches, um mich weiter in Richtung Schwangerschaft bewegen zu können: Ich fehlte. Während ich im Kreißsaal lag und die Abtreibung durchgeführt wurde, war mein Mann zu Hause. Ich hatte aus Bienenwachs einen kleinen Embryo geformt, um mir seine aktuelle Größe ganz vor Augen zu führen. Wie mein Mann mir später erzählte, hatte er diesen über eine Kerze Gehalten und geschmolzen. Unter Tränen. Während er mit dem Ungeborenen sprach und ihm unsere Entscheidung erklärte. Die Beziehung zwischen mir und meinem Mann ist ernster geworden. Aber auch intensiver und offener.

Ich brachte eine andere Art von Geburt zu Ende: meine eigene

Es geht nicht darum, ob ich ertrage, was Leute über mich denken. Die Hauptsache ist, dass ich meine Entscheidung selbst ertrage. Die Entscheidung einer Abtreibung brachte Konsequenzen mit sich. Ich hatte mich mit Geburt und Tod auseinandergesetzt und ich wollte das ernst nehmen. Ich fühlte mich getrieben, Initiative zu ergreifen.

Eine andere Art von Schwangerschaft und Geburt brachte ich zu Ende. Eine, die mich schon lange umgetrieben hatte: Meine eigene. Ich kam selbst zur Welt. Schon vor der ungewollten Schwangerschaft hatte ich etwas als "meine Babys" bezeichnet und im Stillen umsorgt, gehegt und gepflegt. Meine GehDichte, so nenne ich meine Lyrik, stellte ich nun aus mir heraus. Ich kümmerte mich um eine Ausstellung. Denn durch die Entscheidung für mich und nicht bloß gegen etwas, war ich gefragt, für mein Innerstes wirklich Platz zu schaffen.

Ich bin weder für noch gegen Abtreibung

Der Galerieraum, den ich für meine Werke fand, hat große Fenster, durch die man hineinschauen kann. Genau gegenüber von einem Kindergarten liegt mein neuer Freiraum. Wenn ich dort bin, dann höre ich die Kinderstimmen vom Spielplatz herüber lachen, toben, weinen, schreien. Es macht mich nicht traurig. Ich sehe sie neugierig durchs Fenster schauen. Keiner ist mehr wert. Ob auf dieser Seite des Fensters oder jener. Ob drinnen oder draußen. Ob geboren oder ungeboren. Wir sind gleichwertig.

Ich bin weder für noch gegen Abtreibung. Ich bin dafür, dass diejenige, die in der Lage ist zu gebären, ganz selbstverständlich die Freiheit hat, selbstbestimmt damit umzugehen, ob und was sie will. Ich habe mich auf meinem Lebensweg für den Willen von Ungeborenen entschieden. Genauso habe ich mich auch gegen den Willen eines Ungeborenen entschieden. Ich habe großen Respekt vor dem Willen des anderen. Aber ich will auch Respekt vor mir selbst bewahren.

Die Debatte um Paragraf 219a
Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland unter bestimmten Bedingungen straffrei. Das ist im Paragraf 218 geregelt. Der Paragraf 219a verbietet, dass Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft gemacht wird. Ende letzten Jahres wurde eine Frauenärztin zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie auf ihrer Praxis-Homepage über Abbrüche informiert hatte und darüber, diese durchzuführen. Organisationen wie profamilia und einige Parteien, z. B. die Grünen, fordern eine Abschaffung des Paragrafen 219a. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will am Werbungsverbot festhalten; es gab aber bereits Gespräche über einen möglichen Kompromiss, der objektive Informationen erlauben könnte.


Brigitte 15/2018

Wer hier schreibt:

Anna Ribeau
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