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Bullshit-Sätze über Gleichberechtigung "Frauen müssen ihre Typen halt auch einfach mal auf den Pott setzen"

Alexandra Zykunov: ein Paar sitzt auf dem Esstisch
© Yurina_Photo / Shutterstock
Frauen wollen eh nur Mütter werden, können nicht gut verhandeln und sind selbst schuld, wenn sie später kaum Rente bekommen. So was sagt doch heute niemand mehr? Leider schon. BRIGITTE-Redakteurin Alexandra Zykunov hat Floskeln gesammelt, die sich Frauen immer noch anhören müssen – und zerlegt sie ein für alle Mal. Hier erzählt sie, warum es für viele Frauen nicht einfach ist ihrem Mann Kontra zu geben. 

Genau! Schluss mit dem Opferstatus, drei Armmuskel-Emoji! Auch ich habe in Artikeln früher immer wieder geschrieben: Streitet euch mit euren Partnern, setzt sie auf den Pott und fordert, dass ihr mehr erwerbsarbeiten und weniger care-arbeiten wollt. Bis ich online diesen Kommentar las: "Hätte ich meinem Ex damals gesagt, dass er jetzt mehr Wäsche machen soll, damit ich arbeiten gehen kann, hätte er mich grün und blau geprügelt." Ja, ich weiß. Harter Tobak. Aber so sieht es nun mal aus. Und zwar statistisch gesehen bei jeder vierten Frau, die in ihrem Leben schon mal Erfahrung mit häuslicher Gewalt gemacht hat. Denn der Satz "Setz deinen Mann mal auf den Pott" kann im Grunde nur an Frauen adressiert sein, die in einer Beziehung auf Augenhöhe leben, mit einem Partner, der sie nicht schikaniert, beleidigt oder einschüchtert – und dieses Glück hat eben nicht jede.

Dabei muss es noch nicht mal physische Gewalt sein, ausschlaggebend kann auch die sogenannte "ökonomische Gewalt" sein, von der aber kaum jemand weiß. Diese Form von psychischer Gewalt in Beziehungen tritt zum Beispiel dann auf, wenn der besser verdienende Partner (das ist meist der Mann) der Frau das Geld verweigert; oder wenn sie ihre Ausgaben erklären und sich dafür rechtfertigen muss; oder wenn sie sich eigentlich trennen möchte, aber finanziell so sehr abhängig ist (schlimmstenfalls laufen Konten, Immobilien und Anlagen auf seinen Namen), dass sie befürchten muss, nach der Trennung weder sich noch mögliche Kinder durchbringen zu können.

Und vor diesem Hintergrund kommen jetzt ein paar Zahlen, die so gruselig sind, dass wir sie uns ehrlicherweise ausdrucken und damit sämtliche Schulen, Unis, Frauenarztpraxen, Standesämter, Jugendämter, Finanzberatungszentren, Geburtsvorbereitungskurse, Familienberatungszentren, Banken und Hebammenpraxen zukleistern sollten: Laut einer Befragung des Familienministeriums vor ein paar Jahren unter verheirateten Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren gaben nur sechs Prozent an, ein eigenes Nettoeinkommen von mehr als 2000 Euro zu haben. Sechs Prozent! 63 Prozent dieser Frauen haben ein Einkommen von weniger als 1000 Euro netto. Und: 19 Prozent von ihnen haben g a r k e i n eigenes Einkommen. Unnötig zu erwähnen, dass bei Männern diese Zahlen alle in etwa umgekehrt sind. Es ist einfach unfassbar, dass – würden wir in diesem Moment vor unserem inneren Auge unsere verheirateten Freundinnen zwischen 30 und 50 durchgehen – 63 Prozent von ihnen entweder gar kein eigenes Einkommen haben oder weniger als 1000 Euro netto im Monat! 

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63 Prozent aller Ehefrauen verdienen weniger als 1000 Euro

Wie realistisch ist es dann, dass sich eben diese 63 Prozent erhobenen Hauptes hinstellen und ihren Mann "mal auf den Pott setzen"? Und nicht stattdessen Sätze wie "Er verdient halt mehr, da ist es doch klar, dass ich zu Hause mehr übernehme" verinnerlicht haben?

Und nun ein zweites Problem: Vor ein paar Jahren hat sich eine Studie des Familienministeriums zu Gewalt in Beziehungen explizit mit psychischer Gewalt gegen Frauen beschäftigt. Ob der Partner etwa private Kontakte unterbindet oder sie vor anderen runtermacht. Das Ergebnis: Unter den Top-5-Schikanen waren gleich zweimal ökonomische Gewalttaten dabei: 21 Prozent der Frauen gaben an "Aktueller Partner kontrolliert genau, wie viel Geld ich ausgebe" und weitere 16 Prozent setzten ihr Kreuz bei "Lässt mich über Geld nicht selbst entscheiden".

Ich möchte das noch mal kurz unterstreichen: Wir leben also in einem Land, in dem einerseits 63 Prozent aller verheirateten Frauen zwischen 30 und 50 teilweise oder komplett finanziell abhängig von ihren Partnern sind; und andererseits sind zwei der häufigsten psychischen Gewaltformen in Beziehungen das penible Kontrollieren und Rapportablegen über ihre Finanzausgaben! Und dann soll diese Frau losgehen und ihren Partner endlich mal "auf den Pott setzen"? Ich bitte euch.

Wie kommen wir raus aus der Misere? 

Versteht mich auch hier nicht falsch: Natürlich sollen Frauen mit ihren Partnern in Diskussionen gehen. Nur dürfen wir nicht so tun, als würden solche Tipps allen Frauen gleich helfen. Tun sie nämlich nicht. Und wir müssen uns einfach klar werden, dass Gleichberechtigung nicht gelingen wird, indem zig Millionen Frauen versuchen, ihre Probleme im Privaten zu lösen.

Stattdessen sollten wir uns fragen, wie es eigentlich sein kann, dass in Deutschland – einem der reichsten Länder der Welt – heute immer noch mehr als jede zweite Ehefrau von einem männlichen Hauptverdiener abhängig ist? Wie kann es sein, dass es das Ehegattensplitting immer noch gibt und auch die aktuelle Regierung keine Anstalten macht, es abzuschaffen? Ein Besteuerungssystem, das seit mehr als einem halben Jahrhundert das Ein-Ernährer-Modell bevorzugt und Paare, die ein anderes Modell leben wollen, steuerlich abstraft. Wie kann es sein, dass Mütter auf dem Arbeitsmarkt ganz generell Gefahr laufen, ihre Jobs oder Positionen zu verlieren und unser Antidiskriminierungsgesetz sie davor nicht schützt? Und wir sollten uns fragen, warum es nicht für alle werdenden Eltern neben dem Geburtsvorbereitungskurs einen verpflichtenden Mutterfinanzberatungskurs gibt – der oben genannte Zahlen allen Teilnehmer:innen hinter die Ohren tätowiert. Also nein, es geht nicht darum, irgendwelche Männer auf irgendwelche Pötte zu setzen. Es geht darum, das Problem gesamtgesellschaftlich anzugehen. Das Private ist politisch – noch nie war dieser Satz so wahr.

Alexandra Zykunov: orangenes Buchcover mit heller Aufschrift
© PR

Lust auf mehr aus der Möchtegern-Gleichberechtigungshölle? Mit viel Wut und Präzision zerlegt Alexandra Zykunov noch 20 weiterer solcher "Bullshit"--Sätze in ihrem neuen Buch "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt". (288 S., 11 Euro, Ullstein)

Brigitte

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