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Bullshit-Sätze über Gleichberechtigung "Er arbeitet voll, sie nur Teilzeit. Ist doch klar, dass sie zu Hause mehr übernimmt“

Alexandra Zykunov: eine schwangere Frau trägt einen vollen Wäschekorb
© Stock-Asso / Shutterstock
Frauen wollen eh nur Mütter werden, können nicht gut verhandeln und sind selbst schuld, wenn sie später kaum Rente bekommen. So was sagt doch heute niemand mehr? Leider schon. BRIGITTE-Redakteurin Alexandra Zykunov hat Floskeln gesammelt, die sich Frauen immer noch anhören müssen – und zerlegt sie ein für alle Mal. Hier erzählt sie, warum Frauen wie natürlich die Care-Arbeit übernehmen.

Kommen wir zu einer weiteren Ausgeburt aus der Hölle der Möchtegern-Gleichberechtigungssätze. Aber was stört mich eigentlich an diesem Satz? "Er arbeitet voll, sie nur Teilzeit, also übernimmt sie mehr im Haushalt" – eigentlich ganz logisch, oder? Leider nein. Denn das große Problem ist hier unsere Sprache: Es gibt einen Grund, warum wir aufhören sollten von "Arbeit" einerseits und von "Zuhausesein" andererseits zu sprechen, und stattdessen anfangen sollten, Begriffe wie Erwerbsarbeit und die vorhin erwähnte Care-Arbeit zu verwenden – also alles, was unter Erziehung, Alte pflegen, Kochen, Putzen, Einkaufen etc. fällt.

Warum? Weil der leicht vorwurfsvolle Satz "Schatz, warum hast du es nicht geschafft einzukaufen? Du warst doch den ganzen Nachmittag zu Hause!" einem viel schwerer über die Lippen kommt, wenn man stattdessen sagen muss "Schatz, warum hast du es nicht geschafft einzukaufen? Du warst doch den ganzen Nachmittag care-arbeiten." Denn natürlich ist Care-Arbeit Arbeit. Eine Arbeit übrigens, die nicht selten um fünf Uhr morgens beginnt und bis nach 22 Uhr geht. Inklusive Nachtbereitschaft, sei es durch vollgepinkelte Bettwäsche wechseln, der dementen Schwiegermutter Medikamente geben oder um vier Uhr morgens mit Baby im Auto um den Block fahren, damit das Baby endlich einschläft! Nicht umsonst sprechen Soziolog:innen bei Care-Arbeit von einer zweiten Schicht, zu der meist Frauen nach dem Feierabend ihrer Erwerbsarbeit aufbrechen. Und nicht selten besteht diese zweite Schicht neben Nachtschichten auch aus Wochenend- und Feiertagsschichten.

Man stelle sich all die Zuschläge auf dem Gehaltszettel vor, wenn Care-Arbeit tatsächlich eine entlohnte Tätigkeit wäre. Wie viel höher müsste der Lohn dieser Frauen dann wohl ausfallen im Vergleich zu einem Mann, der um 18 Uhr im Büro seinen Stift fallen lässt? Das weiß die internationale Organisation Oxfam, die 2020 errechnet hat, dass Frauen weltweit täglich mehr als zwölf Milliarden Stunden unbezahlte Care-Arbeit leisten. Würde man diese Stunden mit einem Mindestlohn vergüten, wäre diese Summe – Achtung! – 24-mal größer als der Umsatz von Apple, Google und Facebook zusammen. Zusammen!

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Warum wird Sorgearbeit nicht als Arbeit anerkannt?

Was heißt das für Deutschland? Würde Sorgearbeit bezahlt, wäre der finanzielle Gegenwert – das hat das statistische Bundesamt 2016 berechnet – satte 987 Milliarden Euro jährlich. Das sind 39 Prozent des Bruttoinlandsproduktes! Und dann ernsthaft schlussfolgern, dass "nur" weil sie Teilzeit arbeitet, sie zu Hause mehr übernehmen sollte?! Sollte es nicht viel eher andersherum sein?

Daran knüpft sich die Frage an: Warum wird Hausarbeit denn eigentlich nicht als das anerkannt, was es ist: Arbeit? Die Antwort: Das liegt an unserem kapitalistischen Arbeitsverständnis. Was total trocken klingt, ist eigentlich ganz einfach. Schauen wir uns "das bisschen Haushalt" mal an: Frauen schaffen seit Jahrhunderten ganz natürlich und umsonst eine gemütliche Wohnatmosphäre. Sie kuratieren Bilder, kaufen hübsche Kissenbezüge, schleifen Kommoden ab, arrangieren Blumen, kochen leckeres, fettarmes, glutenfreies Essen, pflanzen Tomaten an, putzen Küchen und Badezimmer, sorgen für saubere Bettwäsche und schöne Lichtverhältnisse und so weiter und so fort. In der freien Marktwirtschaft wären diese vielfältigen Jobs ziemlich teuer. Schließlich reden wir hier von Aufgabenbereichen als Innenarchitektin, Einkäuferin, Schneiderin, Putzkraft, Kuratorin, Lichtgestalterin, Schreinerin, Floristin, Gärtnerin, Köchin, Raumpsychologin und wahrscheinlich vieles andere mehr.

Zwischendurch sollen Frauen bitte Babys kriegen (schließlich braucht der Kapitalismus neue Arbeiter:innen und Rentenzahler:innen), also eignen sich Frauen auch hier ganz "natürlich" neue Expertisen an: Erzieherin, Animateurin, Motivationstrainerin, Nachhilfelehrerin, Medienpädagogin, Mediatorin, Therapeutin, Eventplanerin usw.

Freiwillig und aus Liebe

Zu guter Letzt muss noch der alte Papa oder die demente Schwiegermutter gepflegt werden, auch hier fühlen sich meist Töchter verantwortlich (selbst wenn es gar nicht ihre Eltern sind) und werden schnell mal zur Krankenschwester, Altenpflegerin, Logopädin, Physiotherapeutin, Ernährungsberaterin und so weiter und so fort. Und weil auch all diese Expertinnen ganz schön teuer wären (wir erinnern uns: 24-mal teurer als der Umsatz von Apple, Google und Facebook zusammen), hat sich der Kapitalismus schon vor langer Zeit überlegt, dass es doch ganz praktisch wäre, wenn Frauen das alles freiwillig und "aus Liebe" tun und nicht etwa gegen Geld, weil: Wer soll denn das alles bezahlen? Der Kapitalismus ja ganz sicher nicht, er will ja nur in wertvolle Güter investieren, die wiederum neues Geld bringen. Eine gepflegte Schwiegermutter aber kann man nicht skalieren und das Patent für ein gut entwickeltes Kind nicht teuer weiterverkaufen. Kurzum: Frauen sollen bis heute kein Geld für Pflege, Kümmern und Erziehen erhalten, weil das, was sie da machen – saubere Babys, gepflegte Schwiegermütter und so – wirtschaftlich nicht relevant ist.

"Ja, Moment, Alex", könnte man jetzt meinen, "sich um Kinder und Eltern zu kümmern, gehört einfach mal zum Leben dazu!" Das stimmt. Das Problem ist nur, dass das irgendwie nur zu einem Frauenleben dazuzugehören scheint, nicht aber zu einem Männerleben. Und das Problem ist auch, dass eben diese Frauen dafür nicht nur nicht entlohnt werden, sondern stattdessen sogar finanziell abgestraft – mit jahrelangen Teilzeitfallen, ausgefallenen Gehaltserhöhungen, 50 Prozent weniger Rente und gerade bei Müttern mit finanziellen Einbußen bis zu 70 Prozent im Vergleich zu einem Mann.

Unfair? Ja. Da müssten Frauen eigentlich auf die Barrikaden gehen? Auch. Und genau deswegen hat unser System sehr großes Interesse daran, dass diese Zusammenhänge weiterhin möglichst unsichtbar gemacht, möglichst nicht als Arbeit gesehen und möglichst weiterhin mit Pralinen, Blumensträußen und Liebe entlohnt wird und nicht mit Geld. Weil die Bezahlung von Care-Arbeit – und jetzt wird es dramatisch – unser ganzes bestehendes System stürzen würde.

Wie kommen wir raus aus der Misere? 

Zuallererst müssen wir über all das reden. Sichtbar machen, wie viele Care-Arbeitsstunden täglich so anfallen, wie viel diese Stunden wert sind und wie viel Geld die Wirtschaft all den care-arbeitenden Frauen eigentlich schuldet, es ihnen aber nicht zahlt. Dann müssen wir darüber reden, wie man Care-Arbeit tatsächlich bezahlbar machen kann. Sei es in Form eines bedingungslosen Care-Arbeitsgeldes, in Form einer Teilzeit für Eltern und Pflegende, die aber Vollzeit bezahlt wird, oder in Form radikaler Steuerentlastungen.

Ich bleibe allerdings realistisch und wäre schon zufrieden, wenn wenigstens mal das Wort "Care-Arbeit“ oder der eingedeutschte Begriff "Sorgearbeit" im Duden auftauchen würden (tun sie nämlich beide nicht) und somit auch ganz offiziell Teil unserer Sprache werden. Denn was wir kennen, existiert, und was wir nicht kennen folglich nicht. Bis zum finanziellen Ausgleich – fürchte ich – ist es nämlich noch ein langer Weg.

Alexandra Zykunov: orangenes Buchcover mit heller Aufschrift
© PR

Lust auf mehr aus der Möchtegern-Gleichberechtigungshölle? Mit viel Wut und Präzision zerlegt Alexandra Zykunov noch 20 weiterer solcher "Bullshit"--Sätze in ihrem neuen Buch "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt". (288 S., 11 Euro, Ullstein)

 

Brigitte

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