"Ich bin sehr, sehr streng"

Anke Engelke ist nicht nur Deutschlands beliebteste Komödiantin, sondern auch Mutter dreier Kinder. Anne Petersen sprach mit ihr über gute Erziehung, faule Eltern und die Frage, ob Achtjährige ein iPad haben sollten.

Wir treffen uns in dem Büro ihrer Agentin in Köln. Anke Engelke, 48, sitzt vor einem großen Fenster mit Blick auf die Stadt: klein und drahtig, in schwarzen Sneakers, schwarzer Hose und schlichtem weißem T-Shirt, mit Ballerina-Dutt auf dem Kopf und schwarzer Brille auf der Nase.

BRIGITTE: Sie wollten ursprünglich Lehrerin werden. Was wären Sie heute wohl für eine?

ANKE ENGELKE: Mich interessieren entweder die ersten Klassen, wo man ein bisschen Wegweiser sein kann und der Schule ein gutes Image verpassen kann, aber auch die Pubertät. Vermutlich würde ich mich an Lehrern orientieren, die ich selbst gehabt habe, die mich inspiriert haben.

Welche Fächer würden Sie unterrichten?

Ich habe ja Pädagogik und Sprachen studiert, leider wegen des Jobs nur bis zur Zwischenprüfung. Das hätte mich interessiert: Literaturwissenschaft.

Wäre Ihr Unterricht lustig?

Ja, aber damit kommt man ja nicht weit.

Also wären Sie eher streng?

Extrem streng, ja. Sehr, sehr, sehr, sehr streng. Geht immer um Disziplin bei mir.

Was man ganz schnell merkt: Die "Ladykracher"-Anke, die Danke-Anke, die witzigste Frau Deutschlands versteht keinen Spaß, wenn es um Dinge geht, die ihr am Herzen liegen. Erziehung ist so ein Thema. Da hat sie Sendungsbewusstsein.

Stimmt es, dass Sie in der S-Bahn Jugendliche anquatschen, um sie zurechtzuweisen?

Ich mache das nicht einfach so. Aber wenn jemand unhöflich ist oder jemanden bedrängt, sage ich schon mal was. Manchmal ist es gut, wenn einer kommt und sagt, das ist unmöglich, wie du dich hier gerade benommen hast. Einem Fremden nimmt man das ja anders übel als zum Beispiel einem Elternteil. Im Zweifel kennen mich die Kinder und Jugendlichen auch. Die müssen dann erst mal damit klarkommen, dass das die Frau aus dem Fernsehen war, die sie da eben angesprochen hat. Vielleicht bleibt was hängen. Ich glaube, ich habe da einen Auftrag.

Jetzt würde man sie gern fragen, wie sie ihre eigenen drei Kinder (18, 9 und 5 Jahre) erzieht. Aber ihr Privatleben schützt sie, über ihre Familie redet sie nicht. So ist auch bei diesem Gespräch die Vereinbarung.

Über Ihre eigenen Kinder möchten Sie nicht sprechen, was ich akzeptiere. Können Sie trotzdem kurz erklären, warum?

Weil ich nicht möchte, dass meine Kinder mit meiner Berühmtheit umgehen müssen. Die haben sich meinen Beruf ja nicht ausgesucht.

Kinder und Karriere - für Sie kein Problem?

Überhaupt kein Problem.

Gilt das für jede Frau?

Nein. Um Gottes willen, nein, nein. Das wäre ja grotesk, das zu behaupten. Für mich ist es kein Problem, und in meinem Freundinnenkreis sehe ich auch, dass es kein Problem ist, weil das natürlich auch Leute sind, die gute Jobs haben oder auch gute Partner und, wenn sie alleinerziehend sind, ein gutes Netzwerk. Natürlich kann ich nicht pauschal sagen, es ist für alle möglich. Dem ist nicht so. Da fehlt die Unterstützung, und man weiß gar nicht, wo man anfangen soll mit der Kritik. Da möchte ich nicht Familienministerin sein.

Maßnahmen wie die Einführung des Elterngeldes und der Kita-Ausbau haben schon eine Veränderung bewirkt, gerade bei den Vätern.

Ich weiß aber gar nicht, ob die Politik diesen Wandel überhaupt verursacht hat. Das muss auch immer aus der Gesellschaft heraus kommen. Die Frage ist doch: Muss man das privat regeln? Die Antwort ist: Ja! Wen ich gewählt habe, interessiert niemanden, wenn ich ein Betreuungsproblem habe - mittwochs um halb fünf.

Was machen Sie dann also?

Eltern müssen sagen, pass mal auf, montags immer du, dienstags ich und so weiter. Ich bin eine große Freundin von Netzwerken. Meine Klamottenpakete, Kinderwagen, Kinderwiege und so weiter wandern durch unseren Freundeskreis. Eine meiner besten Freundinnen spielt oft mit den Kindern, wenn wir einen Engpass haben, und gilt bei uns als Tante. Die ist aber gar keine Tante. So what? Eltern müssen Netzwerke schaffen innerhalb von Kindergarten, Klasse, Hausgemeinschaft oder Straße. Wer mir sagt: Ich bin damit überfordert, ich habe so einen harten Job - der hat sich vielleicht nicht jeden Tag die zehn Minuten Zeit genommen, die man einfach braucht, um zu organisieren. Im Beruf klappt das ja auch, da ist man auch pünktlich und hat die richtigen Schuhe an. Wer Kinder hat, sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein. Ich bin natürlich superprivilegiert, weil ich einen tollen Job habe. Aber ich hoffe, dass ich auch so rede, wenn es mal nicht so gut läuft.

Anke Engelke ist Erfolg gewöhnt, hat aber auch erfahren, wie schnell sich das Blatt wenden kann, als Nachfolgerin von Harald Schmidt. "Ankes Late Night" wurde trotz Dreijahres-Vertrag nach fünf Monaten eingestellt.

Scheitern im Beruf - wie geht man damit privat um? Und wie hält man das von seiner Familie fern?

Überhaupt nicht. Das wäre extrem falsch. Dann hat man ja auch nicht das Recht zu erfahren, was seine Kinder umtreibt.

Also immer ehrlich sein?

Man darf von seinen Kindern nichts verlangen, was man nicht selbst gibt. Eltern sollten nie ein Rätsel sein für ihre Kinder. Das, was wir Kindern zumuten, ist ja immer, dass sie eine Antwort auf eine Frage suchen müssen. Die Mama ist komisch - vielleicht, weil ich mein Zimmer nicht aufgeräumt habe? Die suchen die Schuld bei sich. Das kennen wir auch aus der Trennungspsychologie.

Ist das Wesentliche in der Erziehung eine gute Bindung?

Ich würde Bindung lieber durch Vertrauen ersetzen. Bindung finde ich problematisch, weil mancher sie vielleicht nicht als freiwillig empfindet, sondern als Pflicht.

Also Vertrauen, Offenheit?

Offenheit ist natürlich auch zu diskutieren. Es gibt ja Altersphasen junger Erwachsener, da äußert sich Nähe über Distanz. Einen 15-Jährigen schickt man vielleicht mal für ein Jahr weg. Dann sind nicht die Eltern scheiße, sondern die Pädagogen. Ich fürchte, Liebe funktioniert nur über diesen Freiraum.

Den Kontakt zu seinen Kindern halten, sie begleiten, das ist dann das eigentlich Anspruchsvolle. Da kommen wir zu Ihrem Lieblingsthema Fernsehen: auch nichts für faule Eltern.

Ach, Fernsehen. Das ist natürlich auch immer ein bisschen bigott, wenn ich übers Fernsehen schimpfe. Ich verdiene ja mein Geld damit. Aber ich glaube, dass ein Fernseher, der fünf Stunden am Tag läuft, Zeit und Energie raubt. Er macht stumpf.

Wie sollte man dann mit Kindern fernsehen?

Die Kinder dabei begleiten, zehn oder zwanzig Minuten anschauen und danach darüber reden. Oder im Idealfall auch mal die Pausentaste drücken - man muss ja nicht linear schauen - und sagen: "Hä? Das habe ich jetzt nicht verstanden. Hast du das verstanden?" Es ist ganz wichtig, dass man weiß, was die Kinder aufnehmen.

Gilt sicher auch fürs Internet.

Internet? Einfach gar nicht, oder?

Wir haben jetzt im iPad einen Code eingestellt, damit mein Sohn nicht . . .

Wie alt ist der denn?

Acht. Er gibt immer Wörter bei Google ein und sucht zum Beispiel Tierfilme.

Warum darf der denn Ihr iPad haben?

Na ja, darf er eigentlich gar nicht. Es liegt halt bei uns rum.

Dafür habe ich kein Verständnis. Alles, was rumsteht, ist für das Kind natürlich Teil des Lebens. Also, wenn die Eltern gern eine Flasche Wein trinken, dann steht da halt irgendwo eine Flasche Wein rum, und die gehört dann zum Kosmos des Kindes - auch eines kleinen Kindes. Das ist Alltag. Wenn die Eltern rauchen, wenn sie sich streiten, wenn das iPad rumliegt, alles normal. Eltern definieren den Kosmos des Kindes.

Anke Engelke selbst hat ein Uralt-Handy, mit dem sie ungern telefoniert. Lieber schickt sie SMS, und ihre Mails checkt sie nur einmal, abends.

Sind Sie da nicht ein bisschen zu streng? Das iPad erleichtert uns auch den Alltag, wir gucken da nach, wann die nächste Bahn kommt oder was wir kochen.

Wie schade. Ich würde das immer in Frage stellen. Es ist schließlich Ihr Leben, da muss man genau gucken, was da Einzug hält und was selbstverständlich wird. Finde ich bedenklich, weil das auch die Trägheit der Erziehungsberechtigten zeigt.

Aber die Kinder vollkommen von digitalen Medien fernzuhalten, das ist doch auf Dauer realitätsfremd.

Kein Mensch will die Steinzeit zurückholen. Aber es ist einfach zu sagen, das gehört nun mal dazu. Das Diktat der Alternativlosigkeit. Dabei kann ich doch die Standards selbst setzen. Warum ist es also nicht Standard, dass man sonntags zusammen kocht? Warum ist es nicht Standard, dass man seinen Teller immer wegräumt? Man muss den Kindern natürlich anbieten, was man sich selbst für ein gutes Leben wünscht: ein freundliches Miteinander, Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein. Die Kinder übernehmen alles. Man kann aber nicht von ihnen verlangen, dass sie besser, korrekter oder konsequenter sind als man selber. Mein Zwischenprüfungsthema war "Das moralische Empfinden" nach Jean Piaget, dem Gott in Sachen Moral in der Kinder- und Jugendentwicklung.

Anke Engelke bedauert, dass sie ihr Studium nicht abgeschlossen hat. Heute unterrichtet sie als Professorin Comedy an der Kölner Kunsthochschule für Medien und führt Kinder durch die Kunsthalle in Bonn.

Die Kinder, die Sie in Bonn durchs Museum führen, wissen die, dass da gleich Anke Engelke um die Ecke kommt?

Die haben das gebucht, ja. Ich nehme auch gern ein paar Schwererziehbare. Und dann sind immer ein paar dabei, die stänkern direkt, die filmen mit dem Handy los und so. Da bin ich dann auf - hoffentlich - lustige Weise auch direkt mal fies. Ich teste dann aus, wer kann Kontra geben? Wer hat Entertainer-Qualitäten? Mir macht das große Freude. Und wenn wir anderthalb Stunden später wieder auseinandergehen, dann ist was passiert. Dann reden die anders. Weil sie die anderthalb Stunden total ernst genommen wurden.

Ehrlich sein, ernst sein, Kinder direkt ansprechen, das Gleiche haben Sie auch in Ihrer ARD-Themenwochen-Reihe zum Thema Glück gemacht. Auf der Kinderkrebsstation in Essen sagten Sie einem Jungen ins Gesicht, dass er bald stirbt.

Na ja, klar, weil er es ja auch weiß. Wenn die Kinder krank sind, warum soll man drum herum reden? Kinder haben total gute Sensoren, die kriegen mit, wenn jemand schleimt oder krampfig Rücksicht nimmt.

Anke Engelke sang als Kind mit Heino und Udo Jürgens und moderierte von 1979 bis 1986 die tägliche Kindersendung im ZDF-Ferienprogramm. Mit 14 Jahren hat Anke Engelke einmal Astrid Lindgren interviewt. Was ihr davon am meisten in Erinnerung blieb: Die Schwedin hat sie ernst genommen.

Beruht, was Sie heute über Erziehung denken, auch darauf, was Sie selbst als Kind erlebt haben?

Meine Eltern haben mir viele Dinge verboten. Irgendwann, ich glaube, da war ich 14, gab es auch die Frage, die Schule abzubrechen und nach Amerika zu gehen. Das lief parallel mit Désirée Nosbusch, mit der ich 1979 auf der Funkausstellung moderiert habe. Das stand bei uns natürlich überhaupt nicht zur Debatte. So ein Verbot ist vielmehr Ausdruck von Freiheit, von Unabhängigkeit, im Sinne von: Sei du erst mal Kind.

Ihre Eltern haben also alles richtig gemacht?

Wenn ich meine Eltern frage, warum habt ihr mich nicht gezwungen, weiter Klavier zu spielen, sagen sie, weil es keinen Spaß macht, ein Kind zu zwingen. Jetzt denke ich: Schade.

Was ist also Ihr Rat an die Eltern von heute?

Mich interessieren die Eltern eigentlich nicht. Mich interessieren die Kinder. Trotzdem lande ich immer wieder bei den Eltern. Man muss sich einfach klarmachen: Kinder sind die besseren Menschen. Die lügen schlechter, die haben noch nichts falsch gemacht. Wir Erwachsenen aber schon ganz viel.

Interview: Anne PetersenBRIGITTE 12/2014
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