Geht’s gut oder hast du ein Schulkind? Vom Elend einer schulgeschädigten Mutter

Wir dachten, wir hätten das mit dem letzten Abschluss alles hinter uns. Aber mit der Einschulung der eigenen Kinder geht der ganze Scheiß von vorn los. Von dem Elend einer schulgeschädigten Mutter berichtet hier Anke Willers, berufstätige Mutter von zwei Mädchen. Dieser Text enthält einen Affiliate Link

Mein letzter Schultag war im Mai 1983, an einem Freitag, dem 13. Nie wieder Bundesjugendspiele, nie wieder Klassensprecherwahl und die Angst, vielleicht bloß drei Stimmen zu bekommen. Nie wieder Schule! Ach, ich hatte ja keine Ahnung. Im September 2006 wurde ich zum zweiten Mal eingeschult. Ich wollte das nicht. Ich hatte nicht vor, noch mal zur Schule zu gehen. Ich fand, Schule ist Kinder- und Lehrersache. Aber ich wurde Hilfslehrerin ... 

Ich bin doch nicht eure Nachhilfelehrerin!

Manchmal erzählte ich als Hilfslehrerin wilde Geschichten von berühmten YouTuberinnen, die so erfolgreich posteten, dass sie damit 10 hoch 10 Follower kriegten. 

"Hallo", sagte das Siebtklässlerkind, "bloß 100 Follower, das ist ja total unfame!" "Nicht: mal 10 – hoch 10", sagte ich mit einer Stimme, die irgendwie nicht zu mir gehörte, "10 mal 10 mal 10 mal 10 mal ..." "Also doch mal", sagte das Kind. In Momenten wie diesen kriegte ich regelmäßig Schnappatmung. Warum musste ich das machen? 

Oft kam ich mir vor wie eine Beauftragte für Homeschooling. Und dachte im Stillen: Warum gehen die Kinder überhaupt noch in die Schule? Zu Hause muss ich ja sowieso alles noch mal erklären und mit ihnen durchkauen. Eigentlich ist die Schule überflüssig, sie macht nur Stress mit ihrem ständigen Geprüfe. 

Anke Willers ist Journalistin und Buchautorin. Viele Jahre lang war sie Textchefin der Zeitschrift "ELTERN" und hat dort als Kolumnistin über ihren Familienalltag geschrieben. Heute ist sie leitende Redakteurin bei "ELTERNfamily". Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter im Teenageralter und pendelt zwischen München und Hamburg.

Und je mehr Gedanken dieser Art mir in den Sinn kamen, umso mehr potenzierten sich mein Ärger und mein Frust. Und das, was dann meistens am Ende dabei herauskam, war nicht nur mathematisch gesehen regelwidrig: Ich flippte aus. Und ich brüllte: "Verdammt noch mal, jetzt reicht’s mir aber. Setzt euch gefälligst auf den Hosenboden. Und passt in der Schule auf. Ich bin doch nicht eure Nachhilfelehrerin. Und überhaupt, wo ist das verdammte Lösungsheft von diesem verdammten Übungsbuch?" "Irgendwo unter dem Bett", murmelte das Kind nichts Gutes ahnend. 

"Was heißt 'irgendwo'?", fauchte ich noch wütender zurück. "Ich kaufe doch nicht ständig irgendwelche Arbeitsbücher, damit die unbenutzt in die Ecke geknallt und verschlampt werden. Ich mache das doch nicht zum Spaß. Es ist eure Mathearbeit." Undsoweiterundsofort. 

Lernst du noch oder brüllst du schon?

Das eine oder andere Kind brüllte zurück: "Du bist eine scheißblöde Mama. Scheißblöd hoch vier: scheiß mal blöd mal scheiß mal blöd!" Und ich: "Hör auf zu brüllen – sonst sagt der Nachbar morgen wieder: 'Na, deine Kleine hat aber eine ziemlich kurze Zündschnur. Die hört man ja im ganzen Hof.'"

An dieser Stelle machte ich meistens hektisch alle Fenster zu. Aber das Kind brüllte noch lauter: "Mir doch egal, was die Nachbarn denken!" Und es schien eine heimliche Freude daran zu haben, dass ich immer mehr die Fassung verlor. 

Endlich Ordnung: Diesen Aufräum-Trick sollten alle Eltern kennen!

Ich weiß nicht, wie viele Male ich aus der Wohnung rannte, nach unten in unseren Hof. Das jeweilige Lernopfer Kind blieb oben und trat je nach Temperament mit dem Fuß gegen die Tür und warf die soeben beschriebenen Zettel aus dem Fenster (Ida) oder heulte und rief Schimpfwörter (Greta).

Ich saß dann irgendwann auf der Bank im Hof, haderte mit mir und unserem Schul-Drama und versuchte meinen Puls wieder runterzuregeln.

Manchmal beobachtete ich von meiner Bank aus die Nachbarinnen mit ihren kleinen Kindern, die mit roten Rutschautos unterwegs waren. Ich dachte: "Wenn ihr wüsstet, was noch auf euch zukommt."

Meistens aber führte ich stumme Selbstgespräche, um das emotionale Chaos in mir zu ordnen. Ich versuchte, mir selbst Antworten zu geben:

ICH: Diese Lernerei macht mich fertig. Eltern und Kinder können nicht zusammen lernen. Da sind zu viele Emotionen im Spiel.

Was für Emotionen meinst du denn genau?

Weiß nicht: Gekränktsein zum Beispiel. Wenn ich danebensitze und das mit dem Koeffizienten zum dritten Mal erklären muss, bin ich gekränkt. Verstehst du, es sind doch meine Kinder, die müssen das doch spätestens beim zweiten Mal kapieren. Die können doch nicht dumm sein ...

Du bist wütend ...

Ja, auf mich selbst. Weil ich nicht ruhig bleiben kann. Ich bin hier der eigentliche Schulversager.

Ist da nicht auch ein Gefühl von Hilflosigkeit? Und von Angst?

Ja, Angst ist da auch. Ich habe Angst, dass meine Kinder später nicht mithalten können im globalen Wettbewerb, weil sie keine guten Schulabschlüsse kriegen. Und wenn ich von Freunden höre, dass ihre eigenen Kinder irgendwelche Einskommanochwas-Abschlüsse machen, dann stelle ich mir manchmal vor: Diese Kinder sind später die Rechtsanwälte mit den tollen Kanzleien oder die Ärzte mit den tollen Praxen, und meine Kinder sind dann ihre Hiwis und müssen machen, was sie sagen – natürlich nur für einen Bruchteil des Gehalts. Und ich bin dran schuld.

Du hast Schuldgefühle?

Ja, ich bin schuld, dass die Kinder Schulprobleme haben und später vielleicht schlechtere Chancen im Leben haben. Ich hab was falsch gemacht.

Wie kommst du denn darauf?

Ist doch so: Wenn es in der Schule gut läuft, haben Eltern alles richtig gemacht. Dann klopfen dir die Leute auf die Schulter und sagen anerkennend: "Tolle Kinder. Richtig erzogen!" Aber wenn es in der Schule nicht läuft, dann ist das wie eine krasse Klatsche für deine Erziehungsbemühungen. Du bist immer in der Defensive. Weißt du, dass es inzwischen Elternschulen gibt, in denen Eltern den Grundschulstoff lernen, damit sie den dann ihren Kindern erklären können? Und in den Buchläden liegen Bücher, die heißen: Mathe für Eltern – was Sie wissen müssen, um Ihr Kind zu unterstützen ...

In den Buchläden liegt vieles.

Ja, aber solche Bücher würden doch nicht gemacht, wenn die keiner kaufen würde. Viele von uns glauben doch: Wenn du dich als Mutter nur genug anstrengst, wird das was mit Mathe und Deutsch. Und wenn es nichts wird, hast du eben was falsch gemacht.

Das würde ja bedeuten, dass die Noten, die deine Kinder für ihre Mathearbeit kriegen, gleichzeitig auch dich bewerten?

Bingo! Genau das tun sie für mein Gefühl: Sie bewerten auch, wie gut ich als Zahlenstrahlerklärerin, Probenvorausahnerin und Motivationstrainerin bin. Kurz gesagt: wie gut ich als Mutter bin!

Schulversager? Will man als Mutter nicht mehr sein.

Aber du hast dich doch gekümmert. Du hast deine Kinder gefördert. Du hast ihnen vorgelesen. Du bist mit ihnen ins Museum gegangen und hast ihnen die Welt erklärt. Daran kann es doch wirklich nicht liegen.

Aber Mütter haben immer wegen irgendwas ein schlechtes Gewissen. Ich kenne Mütter, die haben Schuldgefühle, weil sie einen Kaiserschnitt hatten oder eine Frühgeburt oder nicht stillen konnten – und jetzt glauben sie, die Schulprobleme ihrer Kinder hängen damit zusammen. 

Mal abgesehen davon, dass man sich das mit der Frühgeburt, dem Kaiserschnitt und dem Nichtstillenkönnen meistens nicht aussucht: Es gibt ja nicht nur Mütter, sondern auch Väter, die sich für die Schulprobleme ihrer Kinder verantwortlich fühlen könnten. Warum suchst du die Schuld allein bei dir? 

Weil es bei der Frage, wie ein richtiges Mutterleben auszusehen hat, viel mehr doppelte Botschaften gibt als bei der Frage, wie ein richtiges Vaterleben funktioniert. Nimm nur die Berufstätigkeit: Klar sollen Mütter heute berufstätig sein. Sie sollen selbst für ihre Rente sorgen. Karriere gerne, eigenes Einkommen sowieso! Heute suggeriert die bezahlte Elternzeit den Müttern, dass sie ein Jahr nach der Geburt wieder im Büro erscheinen sollten. Und mit dem neuen Unterhaltsrecht kann man ja tatsächlich auch keiner Mutter empfehlen, sich in finanzieller Hinsicht allzu sehr auf einen Mann zu verlassen. Einerseits.

Und andererseits? 

Wenn Kinder schlechte Noten kriegen oder sonstige Probleme haben, wissen alle, woran es liegt: Die Mutter arbeitet zu viel, will Karriere machen und daheim ist keiner, der mittags ausgewogen kocht, beim Lernen hilft, den Handykonsum regelt und für Ruhe und Struktur sorgt.

Du hörst das Gras wachsen. 

Nein, ich bin nur ehrlich. Dabei gefallen mir diese Gedanken selbst nicht. Ich will mich nicht immer damit beschäftigen. Ich mag nicht neidisch sein. Und schon gar nicht will ich mir immer beim Aufregen zuschauen. Ich möchte einmal im Leben auf einem Fest stehen und zu den Müttern gehören, die ganz entspannt sagen können: "Schule? Ach ja, Schule: Läuft bei uns."

Dann probier’s doch mal. Sag auf dem nächsten Fest einfach ganz lässig: "Schule, ach ja, Schule ..." So, und jetzt gehst du wieder hoch und reißt dich zusammen. Es lohnt sich nicht, dass du dir wegen der Schule die Beziehung zu deinen Kindern versaust. Ich bin nicht mal sicher, ob das Gelerne notentechnisch zu irgendwas führt. Sicher ist bloß: Die Stimmung wird damit immer mieser. Das ist es nicht wert. Denk dran, du bist die Große. Und deine Mädels brauchen dich vor allem als Mutmacherin. Zeig ihnen, dass du an sie glaubst. Und dass du sie gut findest, so wie sie sind. 

Das hier veröffentlichte Kapitel ist dem sehr entlastenden Buch "Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?" von Anke Willers entnommen. (14,99 Euro, 208 S., Heyne) 

mh
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