Warum Vorlesen manchmal eine Qual ist - für Eltern

Vorlesen ist gut für Kinder. MOM-Autor Till Raether aber fragt sich: Ist es auch gut für Eltern? Und wie kann man es überstehen?

Bei keinem Thema sind sich Pädagogen und Kinder so sehr einig wie beim Vorlesen: Alle finden es toll. Die Eltern fragt aber keiner, und das ist vielleicht auch besser so.

Klar, es gibt diese magischen Momente, in denen Vorleser und Kinder zusammen der Geschichte entgegenfiebern. Aber viel magischer ist der Moment, wenn man, ohne den Blick vom Fernseher zu wen­den, zum anderen Elternteil sagen kann: "Ach, heute bist du ja dran. Wir sind da, wo Conni die Austauschschülerin jetzt eigentlich doch ganz nett findet."

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Das Problem ist, dass Vorlesen tradi­tionell abends stattfindet. Dies kollidiert damit, dass ich abends traditionell müde und gierig nach Feierabend bin. Das ist schlecht, denn das Publikum spürt, wenn du nicht bei der Sache bist. Das Publikum will ja auch keine CD hören, es will dich und deinen am Tagesende kaputten väterlichen Bariton.

Was ist die beste Überbrückungsstrategie?

Dies ist nur mit Über­brückungsstrategien zu ertragen, von denen ich im Laufe der Jahre einige getestet habe. Wegen mangelnder Le­benserfahrung sind Kinder auf Anhieb leicht durch Fehlinformationen zu beru­higen: Wir sind fast da, die Spritze tut nicht weh, Mama und Papa bleiben für immer zusammen usw. Aus der gleichen Arglosigkeit würden sie nie auf die Idee kommen, dass ihr Vater sich während des Vorlesens im Schutz des Buchdeckels mit dem Smartphone die Zeit vertreibt. Dies funktioniert jedoch nur bei relativ leich­ten Vorlesetexten und eher anspruchs­losen Smartphone­-Aktivitäten. Also: "Candy Crush" zum Pixi­Buch geht gut, "Need for Speed" zu Tolkien nicht.

Sobald man einmal aufgeflogen ist, wechseln Kindern jedoch übergangslos von sehr arglos zu außerordentlich misstrauisch, und von da an wird jede falsch gesetzte Pause und jedes Absenken der Satzmelo­ die mit der strengen Frage "Papa, zockst du?" quittiert. Schon gut.

Eine andere Strategie ist, vorher ein Leistungsziel zu vereinbaren und diese Vereinbarung dann gezielt zu unter­laufen: Man sagt, man liest ein Kapitel vor, und während des Vorlesens kürzt man den zehnseitigen Textabschnitt durch kreative Auslassungen auf sechs oder sieben Seiten runter.

Sehr anstren­gend wird es aber, wenn man zum Bei­spiel bei der Bullerbü-Geschichte mit der Schatzkiste voller Zähne die Passage mit dem Gebiss der Magd weglässt, weil man denkt, ha, die halbe Seite spar ich mir, und dann wird dieses Gebiss später plötz­lich total wichtig, und schwitzend muss man es daraufhin in ungebrochen väter­licher Gute­-Nacht­-Stimme unauffällig wieder einflechten. Ächz!

Abtauchen in die goldene Dunkelheit

Eine dritte Strategie kommt eher so aus dem Esoterikbereich, Stichwort "Außerkörperliche Wahrnehmung". Mit viel Erfahrung kann man eine Mischung aus Müdigkeit, innerer Leere, relativ hoher Raumtemperatur und gegebenenfalls Feierabendbier herstellen, die einem erlaubt, ganze Absätze zu lesen, ohne deren Inhalt überhaupt wahrzunehmen. Plötzlich kann man während des Vorlesens über andere Dinge nachdenken und ist nicht gezwungen, den am Ende doch immer leicht klebrigen Lebensweisheiten des Bären Pu und seiner Freunde zu folgen. Man ist frei, frei, frei, und die nächste Stufe ist, dass man feststellt, ja, man kann sogar die Augen schließen, alles läuft wie von selbst, plötzlich kommt eine große Schwere und zugleich Erleichterung über einen, eine goldene Dunkelheit umfängt einen, und von Weitem hört man seine eigene Stimme säuseln, und dann die dringenden Rufe der Kinder: "Papa, was redest du denn da, wieso soll Tiger einen Staubsaugerbeutel wechseln, schläfst du etwa gerade ein? Sabberst du?" Wie gesagt, die richtige Mischung ist schwer herzustellen.

Till Raether möchte auf diesem Weg die geschätzte "Liliane Susewind"-Autorin Tanya Stewner bitten, sich mit dem nächsten Band noch ein wenig Zeit zu lassen, er braucht dringend eine Pause.

Die beste Strategie ist daher, den Kindern ein wenig von der Qual heimzuzahlen. Die Kinder brauchen klare Strukturen, sie mögen buchstäblich keine Abweichungen vom vorgegebenen Text. Ich habe mir daher angewöhnt, alle anderthalb bis zwei Seiten extra vom Vorlesetext abzuweichen und mit salbungsvoller Erzählerstimme nahtlos jene Formulierungen der Kinder einzubauen, die mich den Tag über am meisten genervt haben. So kann es sein, dass Connis Eltern, während sie in der Musikschule ist, schnell eine Runde "sexen", oder dass Pu, statt über "große Dinge" nachzudenken, "krassomatisch gedisst" wird und so weiter. Die Kinder kreischen empört und trommeln mit ihren kleinen Füßchen wütend auf die Matratzen, und Papa ist wieder wach und gewinnt eine halbe Minute für drei Züge "Candy Crush".

Text: Till RaetherAus BRIGITTE MOM 2/2015
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