Frühchen sind nichts für Feiglinge

Frühchen-Eltern verbringen oft Monate in der Klinik, zwischen Hoffen und Bangen. Bloggerin Jutta über schlimme Momente und die unausgesproche Verbundenheit unter den Eltern.

Der Sohn von Bloggerin Jutta kam als so genanntes Extrem-Frühchen zur Welt. Auslöser war eine Schwangerschaftsvergiftung, darum musste er bei 23+1 Wochen per Kaiserschnitt geholt werden. 154 Tage lag Juttas Sohn, genannt "Klitzeklein" in der Frühchenstation einer Klinik, ehe er nach Hause durfte. Sie hat ihn jeden Tag dort besucht. Um ihre Gefühle und Erfahrungen in dieser Zeit geht es auf ihrem Blog Klitzeklein.

Wir Eltern sitzen im selben Boot

Dass gerade die ganz kleinen Frühchen keine großen Überlebenschancen haben, das wusste ich schon, bevor man Klitzeklein auf die Welt geholt hat. Dafür ist die Chance, dass es im Verlauf der ersten Tage und Wochen zu großen Problemen kommt, umso höher.

Ich weiß noch, wie ich ein paar Tage vor dem Kaiserschnitt zu Klitzekleins Daddy gesagt habe, dass es keinen kleinen Jungen gibt mit diesem Geburtsgewicht, der überlebt hat. Seine Antwort war damals: "Dann ist unserer halt der Erste." Welch unglaubliches Glück wir bisher hatten, trotz aller kleinen Rückschritte, ist für mich heute noch unfassbar.

Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten momentan in der Klinik, ist man sich, ohne auch nur jemals ein Wort miteinander gewechselt zu haben, als Eltern auf eine ganz komische Art und Weise nah. Man sitzt im selben Boot, wir alle in einem großen Raum zusammen und doch jeder für sich alleine auf seinem Platz. Um die Ansteckungsgefahr möglichst gering zu halten, gibt es keine Besuche untereinander.

Es gibt Kinder, deren Schicksal ich vom ersten Tag an miterlebt habe, ohne sie jemals wirklich gesehen zu haben, mit deren Eltern ich erst nach vielen Monaten überhaupt mal geredet habe. Wenn überhaupt. Mitgelitten habe ich immer.

Einen Notfall auf der Station spürt man sofort

Man spürt das irgendwie schon, wenn man auf die Station kommt. Es liegt in der Luft. Ruhe und Anspannung. Sofort hat man den Kloß im Hals. Ärzte, die hochkonzentriert am Inkubator stehen. Jede Schwester ist irgendwie auch in Alarmbereitschaft und mit 'nem halben Bein beim Notfall. Während wir sonst wirklich auch viel lachen, ist heute keinem danach.

Ich versorge mein Klitzeklein und nehme ihn auf den Arm. Wie oft hat er diese Stimmung schon erlebt, ohne mich. Wir sitzen in unserer Ecke und ich halte ihn einfach fest. Stunden gehen dahin, man will nicht zum Notfall schauen und tut es doch. Immer wieder sind die Ärzte bei dem anderen Kind.

Wir drehen unseren Stuhl um und schauen in die andere Richtung, ich halte das Klitzeklein immer noch im Arm. Es gibt keinen Alarm. Bei keinem anderen Kind. Es ist ganz leise auf der Station. Irgendjemand hat die Eltern geholt, ein Sichtschutz wird aufgebaut, mein Kloß, die Bedrückung, die man fühlt, ist riesig. Ich mache mich ganz klein und igele mich mit Klitzklein ein.

Der Begriff Totenstille, hier kann man sie spüren. Nichts piepst. Nichts bimmelt, niemand ruft an. Minutenlang. Es ist, als wenn alle Frühchen plötzlich "anhalten" und den kleinen Kollegen gehen lassen. Man sitzt da und weiß es. Ohne hinzuschauen. Die Schwester wird den Monitor ausstellen und die Eltern werden trauern und ich, wir stehen hilflos auf unserem Platz.

Man ist so voller Mitgefühl und Traurigkeit, fühlt so mit den Eltern, mit denen man nie geredet hat. Und ist so dankbar für jede Minute, die man mit seinem Kind verbringen darf.

Ich kann nicht genau sagen wie lange, aber dann kommt das Leben langsam zurück auf die Station. Ganz leise.

Dass alles gut geht, ist nicht selbstverständlich

Hab ich gestern noch gejammert, dass es bei uns nicht voran geht? Scheißegal. Wir könnten noch monatelang so verbleiben. Hauptsache, ich darf ihn im Arm halten. Wir haben schon soviel geschafft und hinter uns gelassen. Dass das alles so weitergeht, das ist nicht selbstverständlich.

Selbst wenn man die Intensivstation verlassen hat und eigentlich mit dem Umzug auf die Frühchenstation schon mit einem Bein zuhause ist. Das musste ich gestern erfahren und ich kann es selber heute noch nicht glauben.

Während ich hier schreibe, liegt Klitzekleins Kollege, einer, der die längste Zeit schon mit uns hier ist, dessen Schicksal ich vom ersten Tag an miterlebt habe, wieder auf der Intensivsstation. Selbst sein Start, seine OP und die Zeit danach waren nicht so schlimm wie sein Zustand jetzt. Er lag uns auf der Intensivstation gegenüber, der erste kleine Kerl, der kleiner war als Klitzklein mit acht Wochen.

Das Leid der anderen

Ich sehe noch seine Eltern alleine auf dem Platz sitzen, während die Schwestern den Inkubator zur OP wegfahren. Wir haben ihm alle Daumen gedrückt und uns über jedes Gramm gefreut. Er lag neben uns auf der Frühchenstation, er trägt Klitzkleins Bodys und er war doch auch auf dem Weg nach Hause... Das jetzt ist kein Rückschritt, das ist wie zurück auf Start. Nach Monaten.

Ich war ihn gestern besuchen. Das erste Mal, dass ich ihn wirklich gesehen habe. Spontan habe ich gedacht: Das würde ich nie schaffen, nochmal alles. Jetzt, wo ich weiß, wie lang der Weg ist. Aber man schafft das, weil gar nichts anderes zur Wahl steht.

Und nein, es ist nicht mein Problem, ich habe ein eigenes Päckchen zu tragen, aber der Mutter hätte ich gestern gern ein bisschen beim Tragen geholfen.

Text von Jutta von Ameln, ursprünglich erschienen auf meinkleinster.wordpress.com.

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