Auszeit vom Muttersein: Warum sie wichtig ist

Mütter, die alleine länger wegfahren, müssen sich oft blöde Fragen gefallen lassen. Und kriegen das schlechte Gewissen gleich frei Haus mitgeliefert. 

MANCHMAL MUSS MAN SICH SELBST AUSTRICKSEN

Jessika, 34, und ihre Töchter, 5 und 7, haben belastende Jahre hinter sich: Die jüngere kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt. Eine Geschäftsreise brachte den Durchbruch.

"Manchmal muss man sich selbst austricksen, um glücklich zu werden – so sehe ich im Nachhinein meine Entscheidung für einen Job mit Reisetätigkeit. Ich habe auch vorher immer gearbeitet, aber genau so intensiv war ich für die Familie da. Hannah, die Jüngere, musste in ihren ersten Lebensjahren eine lebensgefährliche Operation und mehrere Herzkatheter über sich ergehen lassen. Neben der Sorge um sie hatte ich auch Angst, dass Emma, die Ältere, zu kurz kommt. Mein Mann hat mich immer unterstützt, aber dennoch drohte bei alldem jemand auf der Strecke zu bleiben: ich selbst. Deshalb habe ich mich letztes Jahr bewusst für einen Job im Online-­Marketing entschieden, für den ich viel unterwegs sein muss. Gleich zu Anfang zwei Wochen in den , das erste Mal, dass ich so lange von meinen Töchtern getrennt war. Ich glaube, ich brauchte diese Rechtfertigung vor mir selbst: nicht mein Privatvergnügen, sondern notwendige Arbeit. Das half mir auch, mit dem Abschiedsschmerz der Kinder klarzukommen. Im Flugzeug habe ich geweint, aber dann wurde dieser Trip zur Reise meines Lebens. Da war dieses Solo­-Wochenende in San Francisco, da war dieser Ausflug in die Wüste von Arizona. Ganz allein habe ich auf einem rötlichen Felsen gesessen, den Sonnenuntergang beobachtet, die Gedanken fließen lassen. So tiefenentspannt war ich seit Jahren nicht."

Jessika, 34, war auf Geschäftsreise


NACH DREI TAGEN BIN ICH GERETTET

Anika, 38, arbeitet in einer PR-Agentur, ist verheiratet und hat zwei Kinder, 4 und 8. Jedes Jahr zieht sie sich zu einer kleinen in eine Bauernkate zurück.

"In die Hütte meines Onkels in Norddeutschland fahre ich immer dann, wenn ich mich völlig am Ende fühle: leergeschrieben, leergedacht, leergeplant. Und
 jedes Mal spüre ich nach kurzer Zeit: Hey, 
da ist ja doch noch was im Reservetank. 
Dann mache ich mir selbst ein Lagerfeuer, heize den Ofen ein, setze ich mich auf die
 Schaukel im Garten. Schreibe eine Einkaufsliste mit lauter Dingen, die meine
 Kinder nie essen würden, wie scharfe
 Asia-­Gewürze und bestimmte Gemüsesorten, fahre in den Supermarkt und koche
 mir etwas, das nur mir schmeckt. Gehe ins Bett, wann ich will, spazieren, wann ich will, und schaue den Schafen zu, die auf der Nachbarwiese weiden.
Nach drei Tagen weiß ich dann: Du bist vielleicht nicht bis zum Anschlag aufgetankt, aber du bist gerettet. Das Alleinsein ist kein reines Zuckerschlecken, es kommen auch weniger angenehme Gedanken und Gefühle hoch wie Wut und Trauer. Gefühle, die im Alltag eher verdrängt werden. Aber die fordern eben auch ihren Platz im Leben."

Anika, 38, nimmt sich eine Auszeit in der Bauernkate


SIEBEN SONNTAGE OHNE KINDER

Kristina, 33, arbeitet als Yoga- und Meditationslehrerin sowie Burn-out-Therapeutin. Ihre Kinder waren 7, 5 und 3 Jahre alt, als sie für sieben Wochen nach Indien reiste.

"Flughafen Dharamsala, in der Ankunftshalle, mehr als 5000 Kilometer von meiner Familie entfernt. Als ich vor die Tür trat, legte sich die Luft wie ein weiches Tuch um mich. Vergessen war das mulmige Gefühl, als am Vortag in Berlin die Haustür hinter mir zugefallen war. 
An meinem Mann hatte ich jahrelang beobachten können, wie gut es tut, sich für eine Weile aus dem Familienalltag zurück­ zuziehen. Denn er ist Kameramann und oft unterwegs. Es dauerte allerdings etwas, bis er verstand, dass ich mir so eine Auszeit auch für mich wünschte. Als er schließlich in einer Drehpause sagte: "Dann fahr!", konnte ich trotzdem zuerst nicht mit dieser Freiheit umgehen: Sieben Montage, Dienstage, Sonntage ohne Kinder – was würde das mit mir machen?

Schließlich machte ich einen inneren Deal: Keiner zwingt dich. Wenn die Sehnsucht zu schlimm wird, fährst du zurück. Aber was sich vorher so schwer angefühlt hatte, wurde plötzlich ganz leicht. Diese völlige Ruhe, das In­-mich-­Gekehrt-sein war Balsam für meine Multitasking-­Mama­-Seele. Und die Familie? Kam auch ohne mich gut zurecht. Zum ersten Mal konnte mein Mann wirklich würdigen, wie oft ich ihm den Rücken freihielt. Und dieses Verständnis fühlte sich ähnlich an, wie die warme Luft von Dharamsala: wohlig­-weich, wie eine Umarmung." 

Kristina, 33, reiste sieben Wochen nach Indien


BRIGITTE 05 / 2018

Wer hier schreibt:

Protokolle: Lisa Harman & Verena Carl

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