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Barrierefreie Spielplätze Wie eine Mutter kämpft

Barrierefreie Spielplätze: ein Mädchen mit Trisomie 21 lehnt an einem grünen Klettergerüst
© Lopolo / Shutterstock
Kinder mit Behinderung stehen auf Spielplätzen oft daneben, weil Geräte und Anlagen nicht barrierefrei sind. Eine Mutter machte sich auf, das zu ändern.

Haben Sie schon mal versucht, mit einem Rollstuhl durch Sand zu fahren? Vermutlich nicht, aber vorstellen, dass das eher schwierig wird, kann sich das wohl jede. Trotzdem sieht ein Spielplatz in Deutschland oft immer noch so aus: Rutsche, Schaukel, Klettergerüst in einer Grube mit Sand. In einer Online-Befragung gaben gerade mal 26 Prozent der Eltern an, alle Spielgeräte auf "ihrem" Spielplatz – tatsächlich haben fast alle einen "Hausspielplatz", den sie mindestens einmal pro Woche besuchen – seien barrierearm und auch mit Rolli nutzbar. Obwohl die allermeisten, nämlich 83 Prozent, barrierefreie Spielplätze als bereichernd für alle Kinder bezeichnen und gleichzeitig als ein wichtiges Element sehen, um Inklusion zu fördern, tut sich diesbezüglich noch wenig: Sechs von zehn haben in ihrer Gegend keinen Fortschritt im Angebot inklusiver Spielplätze wahrgenommen.

Mehr Interesse ist gefragt

"Wenn das eigene Kind nicht betroffen ist und du niemanden kennst, der behindert ist, warum sollte dich das Thema dann interessieren?", stellt Katrin Müller nüchtern fest. Die 39-Jährige aus Hirschaid in Oberfranken hat selbst einen gesunden sechsjährigen Sohn, aber nur ein Dorf weiter wohnt ihre Schwester mit einer Tochter im gleichen Alter, die mit dem Downsyndrom zur Welt gekommen ist. "Eigentlich ist es schade, dass ich erst durch meine Nichte mit Menschen mit Behinderung in Kontakt gekommen bin", sagt Katrin Müller. "Wenn ich mit meiner Schwester unterwegs bin, merke ich so viel Unbehagen und Ablehnung. Immer wird man blöd angeschaut. Auch die Frage 'Hast du es nicht vorher gewusst und abtreiben können?' wird manchmal gestellt. Das macht so wütend." Als sie im Netz zufällig unter einem Artikel über Kinder mit Downsyndrom auf einen Hinweis der Aktion "Stück zum Glück" stößt, man könne sich um Fördermittel für einen inklusiven Spielplatz bewerben, ist der Gedanke sofort da: Zumindest in ihrem unmittelbaren Umfeld will sie mithelfen, Vorbehalte abzubauen.

Kinder gehen selbstverständlicher miteinander um

"Kinder haben keine Berührungsängste. Das sehe ich bei meinem Sohn. Ben nennt Rosie seine kleine Schwester, obwohl sie ja eigentlich seine Cousine ist, und geht mit ihr ganz normal um", sagt Katrin Müller. "Und wenn Erwachsene erleben, dass Kinder miteinander spielen, ohne dass Behinderung eine Rolle spielt, übernehmen sie diese Selbstverständlichkeit vielleicht auch. Umgekehrte Erziehung sozusagen." Katrin Müller informiert den Bürgermeister über die Spielplatz-Idee, der holt den Träger der integrativen Kita vor Ort dazu, sie bekommen einen Zuschlag von "Stück zum Glück" und im letzten August wird dann nach längerem Umbau der nun barrierefreie Spielplatz "Regnitzau" neu eröffnet. "Ich bin mit meinem Sohn eigentlich jeden Tag da, auch meine Nichte ist öfter mit dabei. Am Wochenende ist es voll mit behinderten und nicht behinderten Kindern", sagt Katrin Müller. "Auch die Eltern kommen untereinander ins Gespräch. Es ist toll zu sehen, dass es funktioniert."

"Die Rückmeldungen, die wir nach den Einweihungen bekommen, sind immer total begeistert", sagt Christina Marx, Sprecherin der Sozialorganisation "Aktion Mensch", einer der drei Partner von "Stück zum Glück". "Toll finde ich, dass das Thema seitdem auch insgesamt mehr Schub bekommt. Inzwischen melden sich Kommunen bei uns und wollen sich darüber informieren, wie man Spielplätze für alle baut."

Aber was genau bedeutet das überhaupt? "Ein inklusiver Spielplatz hat mehrere Merkmale, angefangen natürlich mit dem Boden", erklärt Christina Marx. "Der besteht aus einer Gummifläche, die für Rollstuhlfahrer:innen wichtig ist, aber auch für Kinder mit Gehbehinderungen und insgesamt für alle angenehmer als Sand oder Holzschnitzel, wenn sie vom Spielgerüst fallen." Wichtig sind darüber hinaus die Spielgeräte. "Eine Rollstuhl-Schaukel ist zwar barrierefrei, aber nicht inklusiv, weil sie ein Sonderspielgerät für eine bestimmte Gruppe ist und andere ausschließt", so Marx. "Stattdessen sollen möglichst alle Geräte für alle Kinder mit und ohne Behinderung zugänglich und nutzbar sein – und Spaß machen. Das steht immer im Vordergrund."

So sieht Inklusion aus

In Hirschaid gibt es auf einer Fläche aus Recyclingkunststoff mit integrierter Dämpfung zum Beispiel ein Inklusionskarussell, in das Rollstühle ebenerdig fahren, aber auch Kinder ohne Beeinträchtigungen einsteigen können. Eine Schaukel, die man nur gemeinsam in Gang setzen kann. Und eine Spielturm-Landschaft mit vielen taktilen und sensorischen Elementen für Kinder mit eingeschränkten Sinneswahrnehmungen. Auch wer Koordinationsprobleme hat, zum Beispiel aufgrund von Übergewicht, findet in den unterschiedlichen Kletterbereichen Herausforderungen. "Barrierefreiheit ist für zehn Prozent ein absolutes Muss, für 30 Prozent notwendig, aber letztendlich für 100 Prozent total angenehm. Am Ende profitieren alle", so Christina Marx. "Und wenn man die Inklusion beim Spielplatzbau von Anfang an mitdenkt, ist sie auch kein wirklicher Kostenfaktor."

Auch die Expertin betont, wie wichtig ein Miteinander von Anfang an ist. "In der Schule erlebt man oft, dass Inklusion polarisiert, manchmal wirkt sie fast erzwungen; ein Spielplatz ist dagegen ein freiwilliges Angebot. Hier begegnen sich Kinder mit und ohne Behinderung, aber auch mit ganz unterschiedlicher Herkunft, ungezwungen und in der Freizeit. Wir können da viel von Kindern lernen. Sie sehen gar nicht unbedingt die Behinderung des anderen. Nur wir Erwachsene haben immer gleich die Schere im Kopf."

"Der Spielplatz hat viel für das Miteinander vor Ort getan", sagt Katrin Müller. Nur dass sie seitdem ein paar Mal gefragt wurde, welche Behinderung denn ihr Sohn habe, wundert sie. Schließlich kann man die Initiative auch ergreifen, wenn man nicht selbst betroffen ist.

Spielplätze für alle

"Stück zum Glück" ist eine gemeinsame Spendenaktion von "Aktion Mensch", Rewe und Procter & Gamble. Seit 2018 wurden rund 1,8 Millionen Euro gesammelt und deutschlandweit 30 inklusive Spielplatzprojekte realisiert. Für 2022 sind zehn weitere geplant. Für jedes bei Rewe gekaufte P & G-Produkt (Always, Pampers, Oral-B etc.) fließt ein Cent an die Initiative.

Brigitte

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