Bin ich eine schlechte Schwangere?

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Katrin, ich bin 30 Jahre alt und schwanger. In welcher Woche ich bin, weiß ich nie so genau – zum Entsetzen vieler junger Mütter. Bin ich eine schlechte Schwangere?

"Sie sind schwanger? Herzlichen Glückwunsch! In welcher Woche sind Sie denn?" – "Äääähm...das Baby soll am 21. Juni kommen!" Schweigen. Entsetzter Blick meines Gegenübers.

Solche Gespräche führe ich in letzter Zeit sehr oft, weil mein Babybauch nun offensichtlich ist. Und jedes Mal fühle ich diesen leicht verurteilenden Blick meines Gegenübers auf mir ruhen, weil bei mir eben nicht wie aus der Pistole die Schwangerschaftswoche (SSW) geschossen kommt, wie bei ganz vielen anderen Müttern.

Ja, ich gebe es zu: Wenn ich hier und jetzt schreibe, dass ich heute in der SSW 25+3 bin, weiß ich das nur, weil ich gerade in meine Tasche gegriffen und in meinen Mutterpass gespickt habe.

In welcher SSW ich bin? Müsst ich nachsehen.

Für viele Mütter und Schwangere – ob Bekannte, Verwandte oder Fremde – scheint das irgendwie ein Sakrileg zu sein. Eine Sünde. Ein Verbrechen. Vor allem diejenigen, die sich an ihre erste Schwangerschaft erinnern (oder in jener befinden), finden es ganz ganz schlimm, dass ich nicht weiß, in welcher SSW ich bin. Sie wussten respektiv wissen es natürlich immer – einige sogar auf den Tag genau. Wie könne ich sowas denn bloß nicht wissen?

Warum dieses Entsetzen? Vielleicht daher, dass diese Frauen mein Unwissen als Desinteresse an meinem Baby abtun. Doch das ist ja gar nicht so. Es ist viel simpler: Ich habe bloß (noch) anderes im Sinn.

Ich glaube, ich bin nicht "schwangerenkonform"

Ich arbeite in Vollzeit, führe ein Ehrenamt aus, habe zwei Hündchen, die versorgt werden möchten, einen Hauhalt, den ich schmeißen muss und bin mit meinem Partner auf Wohnungssuche (was in Großstädten wie Hamburg ein riesiger Aufwand und unglaublich stressig ist). Ich pendle alle paar Wochen in meine Heimat und pendle ohnehin täglich eine knappe Stunde zur Arbeit und zurück. Wenn ich alle Verpflichtungen erledigt habe, schaue ich eben nicht sofort in den Mutterpass und rechne aus, wie "alt" mein Ungeborenes gerade ist. Irgendwie halte ich es nicht für nötig, es so genau zu wissen. Nur wenn mich die bösen Blicke der Mütter treffen, fühle ich mich irgendwie schuldig. Denn die Sache mit der SSW ist ja nicht das einzige, was ich anscheinend nicht "schwangerenkonform" ausführe.

Neben meinem wenig umgestellten Essverhalten, mache ich mir anscheinend weniger Gedanken über Gebote und Verbote in der Schwangerschaft, als die Non-plus-ultra-Schwangeren. So gehe ich nach wie vor regelmäßig in die Sauna, was mir ein Besorgtes "Bist du dir ganz sicher, dass du das darfst?" einbringt. Um das schon mal vorweg zu nehmen: Ich bin mir ziemlich sicher...mein Gynäkologe meinte, es wäre okay und Google hat bei geübten Saunagängerinnen auch nichts dagegen einzuwenden. Das reicht mir aus. Die vorwurfsvolle Skepsis meiner Gesprächspartnerinnen erschüttert das aber nicht.

"Bist du dir ganz sicher, dass du das darfst?"

Neben dem Essen und der Sauna bin ich letztens auch noch Bowlen gewesen. Ich weiß nicht, ob "man" das als Schwangere "darf" oder nicht. Dieser Gedanke kam mir allerdings erst, als ich zum fünften Mal die zwölf Kilo schwere Bowlingkugel gegen die Pins warf. Hm. Da war ich im sechsten Monat schwanger. Oder so um den Dreh. Zwischendurch hat mein Baby mich einmal getreten. Daraufhin habe ich einen Strike geworfen. Den hab ich meinem Baby gewidmet. Meine Schlussfolgerung: Ich glaube, aus ihm wird eine echte Sportskanone.

Dann wäre da ja noch die Sache mit den Schwangerschaftssymptomen. Dadurch, dass ich nie so genau weiß, in welcher SSW ich mich befinde, weiß ich auch nicht, welches Symptom mich überraschen könnte. Ich erkundige mich erst, wenn mir etwas Neues auffällt. Vor kurzem war mir übel, das konnte ich nicht einordnen, dachte das gehört nur ins erste Trimester, da ich mich im zweiten Trimester sehr unschwanger fühle, was Beschwerden angeht. Ein kurzer Blick ins Internet verriet mir,  dass das in derjenigen SSW (hab ich davor natürlich nachgerechnet und jetzt wieder vergessen) normal wäre. Es wäre nur ein Zeichen vom Wachstumsschub des Babys. Das kommt hin, mein Bauch wird glaub ich gerade von Tag zu Tag größer. Ich legte beruhigt mein Handy weg und widmete mich wieder meinem Alltag.

Hab ich nicht, mach ich noch, mal gucken

Dann wären da noch die Gesprächsthemen unter Schwangeren und Müttern. Ob ich denn schon eine Erstausstattung fürs Baby beantragt hätte? Ob ich schon ein Stillkissen hätte? Wie lange ich in Elternzeit gehen wollte? Meine Antworten: Hab ich nicht, mach ich noch und mal gucken. Mein Gewissen nach diesen Gesprächen: leicht schlecht. Mache ich mir etwa zu wenige Gedanken um mein Baby, um die Schwangerschaft, ums Muttersein?

Zu guter letzt sollte nicht unerwähnt bleiben, wie seltsam ich mir vorkomme, wenn ich die Schwangerschaft nicht so hype wie einige andere Mütter. Die mir nahe stehende Mama eines 2-Jährigen hat letztens erst gesagt, sie könne es kaum erwarten, wieder schwanger zu werden. Es wäre ja so eine schöne Zeit gewesen (what?!). Für mich ist die Schwangerschaft eher das Mittel zum Zweck. Da muss ich halt durch, wenn ich ein Baby haben möchte.

Schwangerschaft? Für mich ein Mittel zum Zweck

Betrachte ich diese Erlebnisse, Gespräche und Fragen der Mütter und Schwangeren, komme ich nicht umhin, mich gelegentlich zu fragen, ob ich eine "schlechte" Schwangere bin. Ich erfülle kaum eine Erwartungshaltung meiner Mitmenschen. Ich bin keine Klischee-Schwangere, die das Schwanger- oder Muttersein hypt und zum Mittelpunkt ihres Lebens macht. So lange sich mein Baby in mir und nicht auf mir befindet, wird sich das vermutlich auch nicht ändern. Ob ich nach der Geburt eine jener Mütter werde, die im Helikopter-Stil um ihr Kind umherschwirren? Bezweifle ich. Aber werd ich dann sehen, wenn es soweit ist.

Ich verurteile keine dieser Mütter, die sich recht- oder frühzeitig um ihr Baby sorgen, vorplanen und ihre Schwangerschaft vollends genießen. Ich bin eher der Typ von Mensch, der jede Art des Mutter- oder Schwangerseins akzeptiert und fest davon überzeugt ist, dass jede dieser starken Frauen weiß, was das Beste für ihr Kind ist.

Ich wünsche mir eine Akzeptanz aller Mamaformen

Ich habe Freundinnen und Verwandte, die 24 Stunden für ihr Kleinkind da sind. Ich habe auch solche, die wenige Tage vor dem ausgerechneten Entbindungstermin noch eine Klausur im Medizinstudium schreiben und einige Tage darauf auch wieder in den Hörsaal verschwinden, während sich der Papa um den Säugling kümmert.

Ich bewundere beide Arten der Mutterschaft und auch alle Dimensionen dazwischen. Was ich mir wünsche, ist eine Kultur der Akzeptanz aller Mamaformen. Und ist es nicht letztendlich jede Mutter selbst, die weiß, was für ihr Kind das Beste ist? Darauf sollten wir uns alle wieder besinnen, bevor wir anderen Müttern das Gefühl geben, irgendwas "nicht richtig" zu machen.

Liebe Mamas und werdende Mamas: Lasst uns zusammenhalten, statt gegeneinander anzukämpfen. Hört auf euer Bauchgefühl und lasst euch nicht verunsichern. Ich versuche diesen Ratschlag jetzt einmal selbst zu beherzigen und mich von Vorzeige-Schwangeren nicht mehr irritieren zu lassen.

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