Überleben mit einem Schreibaby

Die ersten Wochen mit Baby sind am schönsten? Nicht, wenn man ein Schreibaby hat. MOM-Bloggerin Conny über quälende Abende mit Oropax, ziellose Autofahrten und die Methode, die ihr half, durchzuhalten.

Als sie kam, schrie sie nicht. Fortan tat sie jedoch nichts anderes mehr. Die ersten sechs Wochen kannte ich meine Tochter nur schlafend oder schreiend. "Das hätte ich nicht ausgehalten", sagte man mir. Aber das ist Unsinn. Jeder hätte das ausgehalten. Weil man es aushalten muss. 

Dabei hatte ich zehn Tage nach ihrer Geburt die schlimmsten Gedanken und suchte tatsächlich nach einem Weg, aus dieser Situation herauszukommen. Den gab es jedoch nicht, so dass immer wieder durch meinen Kopf rauschte: Es war ein Fehler, dieses Kind zu bekommen.

Ich hatte (und gottseidank: habe) eine schöne, harmonische Beziehung, habe lange darüber nachgedacht, überhaupt ein Kind zu bekommen oder das Leben doch lieber in Zweisamkeit mit Reisen und gutem Wein zu verbringen.

Das Baby als Eindringling

Jetzt war sie da, brüllte in einer Tour, scheuchte uns durch die Wohnung, ließ uns keine Atempause, forderte uns rund um die Uhr. Sie war der Eindringling in unserem gemütlichen Leben.

Geboren wurde sie im Dezember, und ich erinnere mich noch daran, wie wir mit dem Auto abends durch die Stadt fuhren (im Maxi Cosi schlief sie – endlich), und ich die Menschen beobachtete, die da durch die Straßen gingen, und sie um ihre Freiheit beneidete. Wie ich die erleuchteten Häuser sah, das orangenfarbene Licht in den Stuben, und dachte, wie schön es doch wäre, jetzt dort im Warmen zu sitzen, zu Abend zu essen oder fernzusehen.


Klingt melancholisch? Depressiv oder bösartig? Ja, so war es aber, und ich schreibe es schnell auf, ehe ich es vergesse. Denn inzwischen ist meine Tochter drei Monate alt und lacht mich jeden Morgen nach dem Aufwachen an. Im Alter von acht Wochen wurde es besser und besser – aber das konnte ich damals noch nicht wissen. Und ich finde es wichtig, es genau so zu schreiben, wie es sich damals angefühlt hat. Denn ich bin damit nicht allein.

Auch wenn ich die Zahlen nicht überprüft habe (und auch nicht überprüfen konnte, da es offenbar keine offiziellen gibt), heißt es, dass etwa jedes vierte Kind ein Schreibaby ist.

Jeder Experte hatte eine andere Diagnose

Schreibaby. Was für ein schreckliches Wort. Dreimonatskoliken sagte man früher (wobei die Koliken meistens nur eine Folge des Schreiens sind, da durch das Gebrüll zu viel Luft in den Bauch gelangt). Noch besser: Regulationsstörungen. Das Baby ist noch nicht in der Lage, Reize zu verarbeiten, abzuschalten, dann zu schlafen, wenn es müde ist. Geburtstrauma, das war es schließlich, worauf sich unsere Experten-Crew einigte. Denn wir rannten mit der Kleinen von Pontius zu Pilatus. 

Im Schnelldurchlauf:

Erster Stopp: Kinderarzt, organische Ursachen ausschließen, dann Osteopathie (Blockaden?), Orthopädie (Kiss-Syndrom?), Physiotherapie (Verspannungen lösen?), Neurologie (Krämpfe?), Schreiambulanz (Wie ist der Tagesablauf?)

Dann das volle Kolik-Programm: Kümmelzäpfchen, Sab Simplex, Windsalbe, diverse Globuli, Bauchmassage, Tragehilfe, irgendwelche Tropfen vom Arzt, Kirschkernkissen, CDs mit weißem Rauschen (Staubsauger, Föhn, Föhn fand sie gut), Pucksack, Federwiege.

Und ansonsten: Reize reduzieren, geregelter Tagesablauf, Baby schläft bei Mama im Bett. Stundenlang gingen wir mit ihr im Kinderwagen spazieren, da sie tagsüber nur so in den Schlaf fand, und wer schläft, kann nicht zu viele Reize aufnehmen. Bei schlechtem Wetter fuhr ich sinnlos Überlandstrecken.

Wenn sie abends schrie, puckte ich sie, wiegte sie im Arm, säuselte schhhhht ins Ohr und blieb ab halb sieben mit einem lauthals brüllenden, zappelnden und sich überstreckendem Baby im abgedunkelten Zimmer, Ohropax im Ohr. Ich las alles, was ich im Internet fand, hatte ein großes Bedürfnis, mit meiner Mutter zu telefonieren, und Angst vor jedem Supermarktbesuch.

Die erste stressfreie Begegnung

Eines Morgens legte ich sie kurz in die Wiege, um einfach mal aufs Klo zu gehen. 21, 22, 23... doch statt zu schreien, blickten mich auf einmal zwei hellwache blaue Augen an.

Fünf Minuten saß ich vor meinem Kind, das mich erstmals ohne gestresstes Hecheln, ohne geballte Fäuste musterte.

Von da an gab es sie öfters, die "aktiven Wachphasen", die wir in unserem Schreiprotokoll vermerkten. Wir lernten uns kennen. Und irgendwann merkten wir: Wir haben ein echt anstrengendes Kind. Aber verdammt noch mal, kein Schreibaby mehr.

"Diese acht Wochen haben ihre Spuren hinterlassen."

Was sind acht Wochen im Leben eines Menschleins? Nicht viel? Mein erster Frankreichaufenthalt dauerte nur zwölf Wochen und hat mich dennoch nachhaltig verändert. Und auch diese ersten acht Wochen haben ihre Spuren hinterlassen.

Ich kann nachvollziehen (aber nicht verstehen), was Menschen dazu treibt, ihr Kind zu schütteln. Ich bekomme immer noch einen Adrenalinstoß, wenn sie an der Supermarktkasse aufwacht. Und ich werde richtig grantelig, wenn jemand Witze über schreiende Babys macht ("Ganz der Vater, hahaha"). Und wenn mich jemand fragt, wie ich die Schreizeit nervlich überstanden habe, dann muss ich sagen: Neben meinem Mann, meiner Familie und meiner Hebamme hat mir vor allem eins geholfen: ein Bild.

Als sie einmal schlief, sah ich im Fernsehen eine Doku über Norwegen. Sah diese wunderschöne Landschaft, diese schroffe Kühle, diese herzlichen Menschen. Und sah uns auf einmal auf einer Fähre stehen, an der Reling ein kleines Mädchen in einem Strickpullover, das aufs Meer blickt, und das ich von hinten umarme. Kein schreiendes, hilfloses Würmlein, sondern ein kleines Wesen, dem ich die Welt zeigen würde, das sonntags zu uns ins Bett krabbelt, mit uns zum Martinsumzug geht und im Streichelzoo die Ziegen füttert.

Kitschig? Na klar. Aber es half. Und auch jetzt, wenn ich völlig übermüdet mit dem Kinderwagen durch den Wald ziehe, denke ich an Norwegen. Und schiebe weiter.

Text von Cornelia Laufer, ursprünglich erschienen auf ihrem Blog unddannkamsie.blogspot.de. Leider hat sie das Bloggen inzwischen aufgegeben. Wir bedanken uns für tolle Texte! ❤️

 

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Text: Conny Laufer
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Überleben mit Schreibaby - die ehrlichen Worte einer Mutter

Die ersten Wochen mit Baby sind am schönsten? Nicht, wenn man ein Schreibaby hat. MOM-Bloggerin Conny über quälende Abende mit Oropax, ziellose Autofahrten und die Methode, die ihr half, durchzuhalten.

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