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Experteninterview So schützt du dein Kind vor Cybermobbing

Cybermobbing: Mädchen im Dunklen am Handy
© mooremedia / Shutterstock
Mobbing kennt keine räumlichen Grenzen. Das "Cyber" in Cybermobbing macht das Problem für Kinder und Jugendliche noch perfider. Patricia Cammarata, Diplompsychologin und Digitalisierungsexpertin, berichtet, was Eltern tun können, wenn ihre Kinder vom digitalen Mobbing betroffen sind.

BRIGITTE MOM: Nach einer aktuellen Studie* sind mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche von Cybermobbing betroffen. Das sind 36 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Inwiefern hat Corona zur Verstärkung des Problems beigetragen?

Patricia Cammarata: Durch die Erhöhung der Online-Zeiten. Außerdem sind viele Kinder nicht frühzeitig aufgeklärt worden, was angemessene Onlinekommunikation ist und was nicht. Wenn wir da zum Beispiel an Kinder in der Grundschule denken, die jetzt plötzlich auch schon im Klassenchat aktiv sind und nicht ahnen, was sie mit ihrem Verhalten womöglich anrichten.

Brennpunkt von Cybermobbing ist also oft der Klassenchat?

Cybermobbing geht meistens nicht von Unbekannten im Netz aus. Diese Annahme ist irreführend. Es ist oft das eigene Umfeld, und da verlagert sich die alte Mobbing-Problematik auf einen digitalen Kanal. Wenn im Klassenchat jemand systematisch ausgeschlossen wird oder wenn Lästergruppen gebildet werden wie „Warum wir XY hassen“, dann ist das Mobbing. Und gerade zu Corona-Zeiten, in denen der Klassenchat oft der einzige Kanal ist, wo Kinder sich noch als Gemeinschaft erleben können, tut das richtig weh.

Was ist besonders perfide an Cybermobbing?

Es gibt keine geschützten Rückzugsorte mehr. Das Handy kommt ja sogar mit unter die Bettdecke, wo man sich eigentlich verstecken will. Und es gibt auch zeitlich eine komplette Entgrenzung: Mobbing ist nicht mehr vorbei, wenn die Schule vorbei ist. Es ist überall möglich, rund um die Uhr.

Wie kann man sein Kind schützen?

Das A und O ist die Prävention. Und damit muss man wirklich schon in der Grundschulzeit anfangen, weil das die Zeit ist, in der Kinder ein Wertesystem entwickeln. Sie müssen lernen, was Mobbing ist. Da gibt es die 4 Bs zur Orientierung: Unter Mobbing fällt wiederholtes Beleidigen, Bedrohen, Bloßstellen oder Belästigen. Und sie müssen auch lernen, dass es nicht nur Täter und Opfer gibt, sondern auch noch andere Rollen. Die Claqueure zum Beispiel.

Was machen Claqueure?

Sie verstärken durch liken und teilen den Täter. Sie helfen mit, Dinge zu verbreiten und machen sie dadurch erst richtig schlimm. Das ist übrigens kein Kinderproblem, sondern ein menschliches: Viele wissen gar nicht, dass sie sich womöglich allein durch liken oder LOL dahinter schreiben, weil sie etwas lustig finden, schon selbst in die Reihe der Mobber*innen begeben. Auch das Verbreiten von Bildern und Videos, die Täter*innen gepostet haben, um einen andern bloßzustellen, ist Mobbing – und auch diese Mittäterschaft kann durchaus strafrechtliche Konsequenzen haben. Es ist also ganz wichtig, dass schon Kinder wissen, dass es auch die Rolle der Verteidiger*innen gibt. Und dass sie diese Rolle im besten Fall sogar einnehmen. 

Was ist die Aufgabe von Verteidiger*innen?

Niemals mitmachen oder wegschauen, wenn jemand angegriffen wird. Damit ist auch klar, wie Eltern präventiv aktiv werden können: Sie müssen es schaffen, ihre Kinder zu Verteidiger*innen zu machen. Die Kinder sollten so früh wie möglich lernen, dass man Opfern möglichst zur Seite steht. Und dass sie – wenn sie sich das selbst nicht zutrauen oder Angst haben, dann selbst in die Schusslinie zu geraten – auf jeden Fall Hilfe holen oder sich mit anderen Kindern zusammentun, damit ein Ausweg gefunden werden kann.

Nie die Schuld beim Opfer suchen.

Und was können Eltern konkret tun, wenn ihr Kind bereits Opfer von Mobbing geworden ist?

Die Gefühle ernst nehmen und nichts verharmlosen. Nicht sagen: "Das ist doch nicht so schlimm". Oder: "Das hört doch von allein wieder auf." Und nie die Schuld beim Opfer suchen: Egal, was das Kind vielleicht gemacht oder wo es nicht vorsichtig genug war, die Schuldigen sind die Täter. Eltern sollten sich in Ruhe erzählen lassen, was vorgefallen ist und wie oft. Und sie sollten die Kinder dabei unterstützen, diese Vorfälle zu dokumentieren und Beweise zu sammeln.

Weil das für Kinder seelisch eine zu große Zumutung ist?

Beleidigungen löscht man lieber als sie festzuhalten. Da können Eltern ihre Kinder wirklich entlasten indem sie sagen, das nehme ich dir ab. Sie sollten Screenshots machen und Protokolle, die zeigen: Wer hat wann, was gemacht. Und dann sucht man sich Verbündete: Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialarbeiter*innen. Damit man ein Netzwerk hat, bevor man direkt an den Täter oder die Täterin herantritt.

Man soll also den Täter oder die Täterin zur Rede stellen?

Meist lohnt sich der Versuch, ein Gespräch zu führen, in dem man klar mitteilt: Folgendes ist vorgefallen, das haben wir festgehalten, das ist jetzt bekannt – und das muss sofort aufhören.

Und wenn das Mobbing trotzdem weiter geht?

Dann muss man im geschaffenen Netzwerk beraten, was für Konsequenzen gezogen werden. Wenn man sich in dieser Situation überfordert fühlt, ist es übrigens immer eine gute Idee, Hilfe von externen Profis zu holen. Es gibt eine ganze Reihe von Anlaufstellen, zum Beispiel die Nummer gegen Kummer. Die gibt es für Eltern (0800/110550) und auch speziell für Kinder (116111). Diese Nummer sollte man seinem Kind am besten gleich ins Telefon speichern, damit sie als Notruf jederzeit gewählt werden kann. Es gibt ja auch Sorgen, die man mit seinen Eltern nicht teilen will. Wenn diese Anlaufstelle fest verdrahtet ist, fühlen sich Kinder gar nicht erst hilflos oder ohnmächtig, auch das kann schon helfen.

Und wann kommt der Punkt, wo man doch zur Polizei gehen und womöglich klagen sollte?

Wenn es massive Angriffe sind, die nicht aufhören, obwohl man schon mit den Täter*innen und deren Eltern gesprochen hat, dann muss man Anzeige erstatten. Wenn die Täter*innen unter 14 und noch nicht strafmündig sind, gibt’s da zwar meist nur einen Schuss vorn Bug vom Jugendamt oder durch die Polizei. Aber auch der ist eben manchmal bitter nötig.

Hier findet ihr Hilfe

SCHULEN
Eine sehr gute Vorlage für eine "freiwillige Selbstverpflichtung gegen (Cyber-)Mobbing für Schülerinnen und Schüler" gibt’s in der Broschüre "Cybermobbing. Ignorieren oder anzeigen?" der Bundeszentrale für politische Bildung, die man auf deren Website gratis herunterladen kann.
(bpb.de/shop/lernen/entscheidung-im-unterricht/176096/cybermobbing-ignorieren-oder-anzeigen)

Saferinternet.at "Aktiv gegen Cybermobbing" (saferinternet.at/fileadmin/categorized/Materialien/Aktiv_gegen_Cyber_Mobbing.pdf)

Klicksafe.de "Tipps für Pädagogen und Jugendliche" (klicksafe.de/ themen/kommunizieren/cybermobbing/tipps-fuer-paedagogen-und-jugendliche)

ELTERN
Bundeskonferenz für Erziehungsberatung für Eltern,
 BKE (eltern.bke- beratung.de)

Elterntelefon bei der Nummer gegen Kummer: 0800/1110550 (nummergegenkummer.de/elterntelefon.html)

KINDER UND JUGENDLICHE
juuuport.de

Bundeskonferenz für Erziehungsberatung für Jugendliche (jugend.bke-beratung.de)

Kinder- und Jugendtelefon (und Chat) bei der Nummer gegen Kummer: 116111(nummergegenkummer.de/kinder-und-jugendtelefon.html)

Opfer-Telefon des Weißen Rings, der auch per E-Mail berät. (weisser-ring.de/mobbing)

Cyber-Mobbing Erste-Hilfe App des klicksafe Youth Panels, wo auch ganz praktische Tipps gegeben werden, z. B. "Wie macht man einen Screenshot"“ und „Wie melde ich jemanden bei Instagram?“ (klicksafe.de, dort Suchbegriff "Cyber-Mobbing Erste-Hilfe App" eingeben, dann gibt’s den Download-Link)

PATRICIAS TIPP
Wer tiefer in die Dynamik von Mobbing einsteigen will: Ich empfehle das bei klicksafe.de erhältliche Handbuch "Was tun bei Cybermobbing?" (kostenlos als PDF, gedruckte Version für 5 Euro), das konkrete Fallbeispiele und Interventionsmöglichkeiten vorstellt.

Die Studie "Cyberlife III – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern" vom Bündnis gegen Cybermobbing hat die aktuellen Zahlen in den gelben Klammern dieser Geschichte geliefert. Das Bündnis ist ebenfalls eine gute Anlaufstelle für weitere Infos, Materialien und Hilfsangebote! (buendnis-gegen-cybermobbing.de)

In Sachen (Cyber-)Mobbing ist das Internet voll von hochwertigen Informationen und hervorragenden (überwiegend kostenlosen) Angeboten. Ihr müsst nur aktiv werden! Am besten jetzt, da eure Kinder (hoffentlich!) noch nicht betroffen sind.

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BRIGITTE 07/2021

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