Sind Väter die besseren Mütter? Warum diese Frage unsinnig ist

Das Magazin "Der Spiegel" beklagt, dass Mütter die Väter an ihrer Aufgabe hindern würden. Für Johnny, Vater und Blogger aus Berlin, sind die Argumente dafür ziemlich dünn.

Das Blog: Weddinger Berg Der Blogger: Johnny ist Vater einer fast zweijährigen Tochter, Museumspädagoge und lebt in Berlin. Das gefällt uns: Mit Witz und Mut zu unbequemen Themen zeigt uns Johnny das turbulente Familienleben aus Papa-Perspektive. Macht Spaß und schlauer.

Die Titelgeschichte der aktuellen Spiegel-Ausgabe lässt aufhorchen: "Sind Väter die besseren Mütter?" Allein, wer sollte diese Frage vernünftig beantworten? Für den Großteil der Väter, so jedenfalls meine Beobachtung, ist diese Frage gänzlich irrelevant, denn: Sie leben ohnehin das Ernährermodell.

Der kleinere Teil der Väter, den man manchmal auch ganz gern als "modern" beschreibt, hat für diese Frage mindestens ebenso wenig Verständnis. Ich möchte aber kritisch anmerken: Im Gegensatz zu den so genannten modernen Vätern existiert so etwas wie das in der Titelgeschichte angeführte 'maternal gatekeeping' scheinbar tatsächlich. Das ändert an der väterlichen Selbstherrlichkeit natürlich gar nichts.

Warum engagieren sich Väter so wenig?

"Lasst die Väter ran" heißt es in dem Artikel aus dem Munde einer Frau. Doch ob die Väter, die es erreichen soll, auch wirklich erreicht werden, bleibt mehr als fraglich. Väter möchten sich stärker engagieren, so heißt es, doch tun sie es statistisch betrachtet nur äußerst selten.

Manchmal stehen dem Wunsch nach mehr Teilhabe berufliche Gründe entgegen und manchmal, ja manchmal sogar die eigene Partnerin – so heißt es. Das Phänomen heißt 'maternal gatekeeping' und besagt in aller Kürze: Die Mutter regelt den Zugang zum Kind, auch gegenüber dem Kindsvater.

Viele kritische Stimmen, die sich bisher zum Spiegel-Artikel geäußert haben, lehnen vor allem dieses 'maternal gatekeeping' kategorisch ab und tun dann so, als gäbe es das schlichtweg nicht. Und doch taucht in den aktuellen Familienstudien immer wieder eine nicht zu verachtende Anzahl von Müttern auf, die ihrem Partner die Versorgung des gemeinsamen Kindes schlichtweg nicht zutrauen. Mitunter sind es bis zu 47% der jeweils Befragten. So etwas wie 'maternal gatekeeping' existiert. Alle statistischen Indizien sprechen dafür, auch wenn sie nichts über die Gründe aussagen. Einfache Schwarz-Weiß-Malerei hilft in dieser Diskussion also nicht weiter. Tja, und damit ist dieses wichtige, wie unsägliche Thema denn auch schon erschöpft.

Viele Väter lügen sich selbst etwas vor

Die Statistik zeigt nämlich auch, dass diese sogenannten modernen Väter nichts anderes tun, als sich in die eigene Hosentasche zu lügen. Und das ganz unabhängig von 'maternal gatekeeping'. Da wird lamentiert, dass man sich gern mehr Zeit für die Familie nehmen würde, der Vorgesetzte aber leider nicht mitspiele. Da wird sich dann umso heftiger auf die Schulter geklopft, weil man ganz aufgeklärt zwei Monate Elternzeit genommen und für einen kurzen Moment Superdad gespielt hat. Da wird am liebsten so getan, als wäre dieses althergebrachte Versorgungsmodell völlig alternativlos in der heutigen Zeit.

In manchem Fällen mag dies durchaus so sein. Aus eigener Erfahrung aber weiß ich auch, dass es viele andere Modelle gibt, die ihrerseits teilweise sogar viel besser funktionieren. Auch, weil sie die Mutter aus der Abhängigkeit des Partners herausholt.

Die meisten Mütter freuen sich über Unterstützung

'Maternal gatekeeping' mag im Einzelfall ebenso Grund dafür sein, warum sich ein Vater weniger um das Kind kümmert, als er eigentlich möchte. Als Generalunterstellung taugt es indes nicht. Es dürfte nur wenige Mütter geben, die sich gegen mehr Unterstützung seitens des Partners verwehren würden. Aber: Wie soll der Vater eine stabile Verbindung bzw. eine routinierte Versorgung des Nachwuchses gewährleisten, wenn er das Kind lediglich zwei bis drei Stunden am Abend zu Gesicht bekommt? Auch diese Frage muss erlaubt sein.

Die Fähigkeit zur Selbstkritik gehört in meinem Verständnis zum modernen Vater dazu, so es ihn denn überhaupt gibt. Statistisch aber sind beinah drei Viertel aller Väter mit sich und ihrer Rolle vollauf zufrieden. Oder verstecken sich die männlichen Kollegen hinter den bekannt männlichen Attributen wie Stärke, Mut und vor allem: hey, totale Coolness?

Kein Applaus für die Freundin

Ich selbst bin Vater einer Tochter. Ich habe mich für das Leben mit ihr und gegen die Vollzeitstelle entschieden. Auch meine Freundin musste einschneidende Entscheidungen für sich und ihr Leben treffen. Applaus hat sie dafür keinen bekommen. Und ich will ihn auch nicht.

Starre geschlechtsspezifische Zuschreibungen wie "Mütter trösten, Väter toben" finden sich in meinen Erfahrungen ebenfalls nicht wieder. Ich bin nicht cool, ich bin nicht stark und ich bin auch nicht mutig.

Bin ich als Vater die bessere Mutter? Jemand, der diese Frage stellt, hat sich mit dem Thema Vatersein nicht sonderlich lang beschäftigt. Dies schlägt sich auch in der inkonsequenten Argumentation des Artikels wieder. Schade. Es spielt nämlich überhaupt gar keine Rolle, ob Vater oder Mutter. Die Verantwortung für das Kind wie für sich selbst ist für beide Elternteile nämlich genau die gleiche. Nur reicht diese Erkenntnis leider nicht für eine Titel-Story.

Text von Johnny, ursprünglich erschienen auf Weddingerberg.de.

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