Kinder anbrüllen: Wie schlimm ist das eigentlich?

Kinder anbrüllen macht eigentlich nie etwas besser, so MOM-Autor Till Raether. Warum tun wir es dann trotzdem? Und wie kann man es abstellen?

Manchmal schreie ich, so laut ich kann. Es ist ein seltsames Gefühl: Die Stimme ist am Rande ihrer Leistungsfähigkeit, sie verändert sich, sie wird heiser, tiefer, irgendwie breiter, sie scheint gar nicht mehr unbedingt aus mir oder aus meinem Mund zu dringen, sie füllt die ganze Wohnung, für Momente scheint sie von überall zu kommen.

Vielleicht sage ich das, damit es sich so anhört, als wären nicht nur die Kinder Opfer dieser Stimme, sondern ich auch, als hätte sie sich von mir gelöst, und ich würde genauso hilflos in ihrem Lärm stehen wie die Kinder. Tue ich aber nicht. Die Stimme, furchtbar, fremd und doch unverkennbar meine eigene, kommt aus mir, aus meiner unheiligen Mitte.

Manchmal sehe ich, wie mir beim Schreien ein wenig Speichel aus dem Mund fliegt wie einem Schauspieler, der seine Rolle mit Hingabe und vollem Körpereinsatz spielt.

Das mit dem Körpereinsatz stimmt. Wenn ich gebrüllt habe, fühle ich mich wie aus dem Wasser gezogen. Aus dreckigem Wasser. Erschöpft und beschmutzt. Von mir selbst (übrigens kommt dieses Gefühl vermutlich vom Cortisol, das meinen Körper überflutet, das schlechte Stresshormon, dessen Kurz- und Langzeiteffekte verheerend sind).

Aber es ist keine Rolle. Manchmal habe ich das erschreckende Gefühl, dass ich, wenn ich die Kinder anschreie, mehr ich selbst bin als in vielen, vielen anderen Situationen. Mehr, als wenn ich geduldig bin, ihnen erkläre, warum sie die Jacken aufhängen sollen, ihnen helfe, ihre Malsachen wegzuräumen, sie in ihren Zimmern abhole, damit sie zum Essen kommen. Dann scheint es mir manchmal, als würde ich nur spielen: einen besseren Vater, als ich eigentlich bin. Denn in Wahrheit bin ich ein Vater, der explodiert.

Ich habe nie ohne Reue geschrien, oft habe ich mich dabei und danach gehasst. Aber es fühlte sich oft unausweichlich an. "Emotional Flooding" nennen das die Experten, die Gefühle von Machtlosigkeit, Wut und Frustration brechen die Dämme der Vernunft und der Selbstbeherrschung und schwemmen einen hinfort. Und immer wieder habe ich nach Rechtfertigungen und Bestätigungen gesucht.

So wie die Freundin, die sich auf den großen dänischen Erziehungsexperten bezieht: "Jesper Juul sagt doch immer, man soll als Eltern authentisch sein und seine Gefühle zeigen. Und ich bin authentisch, wenn ich brülle."

Tatsächlich hat Juul auf die Frage "Darf man sein Kind anschreien?" einmal geantwortet: "Ja. Darf man. Man darf ganz allgemein Mensch sein." Und eine Therapeutin, die ich vor einiger Zeit mal zum Thema Wut interviewt habe, nannte das Anschreien von Kindern als Beispiel dafür, wie konstruktiv ein Wutausbruch manchmal sein kann, weil er die Dinge zurück auf null setzt und einen neuen Anfang ermöglicht: "Kinder sind manchmal in Verhaltensschleifen gefangen, die ihnen selbst nicht gefallen, und indem man seine Wut zeigt, zeigt man ihnen die Grenze, die sie brauchen, um damit aufzuhören." Es beruhigte mich. Ein bisschen.

Aber ich mag den Menschen nicht, der ich authentisch bin, wenn ich die Kinder anschreie.

Anne Wünsche postet ehrlichen Mama-Post

"Papa, bitte nicht mit der lauten Stimme"

Mein Brüllen ist immer Kontrollverlust, und ich gebe zu, dass ich die Kontrolle nicht gern verliere, erst recht nicht an eine dunkle, unbeherrschte, wütende Version von mir selbst. Außerdem verstört mich die Reaktion der Kinder. Ich habe zwei, ein älteres, gerade auf der weiterführenden Schule, und ein jüngeres, gerade eingeschult. Das ältere reagiert auf meine Wut mit Scham und Wut: Scham, weil das Kind mich so wütend gemacht hat, und Wut auf sich selbst, weil es die Stimmung verdorben oder mir das Leben schwer gemacht hat.

Das zu sehen, bricht mir das Herz. Das kleinere Kind spricht es ganz einfach aus: "Papa, bitte nicht mit der lauten Stimme. Du weißt, dass ich dann immer so erschrecke. Das macht mir Angst."Und dann weint das Kind.

Um es noch mal zu sagen, auch für mich selbst: Wenn ich schreie, rennt das große Kind in sein Zimmer und brüllt hinter zugeknallter Tür selbst, gegen sich, es imitiert mein Verhalten. Und das kleinere Kind weint. Und das nächste Mal, vier Tage, ein oder zwei Wochen später, schreie ich trotzdem wieder, wenn die Flutwelle kommt.

"Schreien ist im Prinzip so schlimm wie Schlagen."

Vor anderthalb Jahren haben amerikanische Psychologen der University of Pittsburgh eine große, seriöse Studie veröffentlicht, die für einiges Aufsehen gesorgt hat, weil sie sich schnell und vernichtend zusammenfassen lässt: Schreien ist im Prinzip so schlimm wie Schlagen. Es geht einfach nicht. Wir dürfen es nicht tun. Wir müssen es lassen.

Kinder, die von ihren Eltern angeschrien werden, haben Probleme in der Schule und werden psychisch auffällig. Und, das ergab eine weitere Studie, sie tragen die emotionalen Schäden bis in ihre eigenen Beziehungen, sie haben Probleme damit, stabile Partnerschaften zu haben und Vertrauen zu fassen.

Vielleicht bin ich nicht gemeint mit diesen Studien, denn ich schreie nicht ständig, vielleicht nicht einmal regelmäßig. Es ist weniger geworden. Manchmal halte ich Wochen ohne Anschreien durch. Ich ahne, dass es nicht die Kinder sind, die mich wütend machen, sondern der Rest meines Lebens, und ich bin dabei, die Wutquellen zu finden und trockenzulegen. Nur, es dauert.

"Ich habe einen miesen Tag, aber Rumschreien wird ihn noch schlimmer machen."

Einmal habe ich einen Achtsamkeitsmeditationskurs gemacht, weil mir der Paartherapeut Hans Jellouschek in einem Interview erklärt hatte, wie wichtig Achtsamkeit in menschlichen Beziehungen ist. Weil sie einem erlaubt, in diesen kleinen Raum zu kommen zwischen Reiz und Reaktion, sie erlaubt einem gewissermaßen, die Zeit anzuhalten und in Sekundenbruchteilen umzusetzen, was man durch die Meditation gelernt hat: nämlich dass man unterschiedliche Handlungsoptionen hat, dass man nicht auf jeden Reiz mit Ausrasten reagieren muss, dass man sich nicht hinwegspülen lassen muss, sondern die Flut der Emotionen auch einfach betrachten kann, bis sie vorübergezogen ist.

Hin und wieder gelingt mir das, und es fühlt sich großartig an. Weil ruhig bleiben so viele Situationen rettet, die hoffnungslos scheinen: wenn man unter Zeitdruck ist und die Kinder Mist bauen, wenn die Kinder zum zehnten Mal nicht tun, was man sagt. Julie Ann Barnhill, eine amerikanische Autorin, deren Buch über Elternwut "She’s Gonna Blow" heißt ("Sie wird ausrasten"), empfiehlt ein einfaches Mantra, das sich natürlich genau mit meinen und den Erfahrungen aller schreienden Eltern deckt: "Ich habe einen miesen Tag, aber Rumschreien wird ihn noch schlimmer machen."

Kinder anbrüllen macht nie etwas besser

Ja, das ist das Erschreckende am Kinderanschreien: Nie macht es etwas besser, immer macht es alles schlimmer, und trotzdem, trotzdem ... Da kommt dann die Sache mit der Meditation ins Spiel. Impulskontrolle, innehalten können, abwägen, im besten Fall über die Absurdität der Situation lachen: ich, im Schlafanzug, kniend, auf der wirklich verzweifelten Suche nach einem Kinderfahrradschloss, und das kleinere Kind, das sich anziehen soll, mit einem Schuh am Fuß und einem Arm in der Jacke, fängt an, was ins Stickerbuch zu kleben, und wirft dabei, weil fürs Stickerbuch nicht genug Platz auf dem Frühstückstisch ist, den Kakao um, den es eingefordert, aber natürlich nicht getrunken hat. Weil die Schule in zehn Minuten anfängt, und ich in vierzig Minuten einen Telefontermin habe, auf den ich mich noch vorbereiten muss, könnte man diesen unfreiwillig anarchischen Kinderakt die einzig angemessene Reaktion nennen auf den absurden Druck, unter dem wir stehen, und deshalb darüber lachen, es wäre befreiend, oh, wie befreiend, aber für mich ist es, natürlich, der Moment, in dem alles zusammenbricht und aus mir heraus.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Persönlich oder kränkend werde ich sehr, sehr selten, im Grunde halte ich mich unbewusst an die Empfehlung jener Expertinnen und Experten, die ein eher realistisches und "authentisches" Elternverhalten verteidigen: Ich brülle Ich-Botschaften. Mag sein, dass es einfacher für meine Kinder ist, diese Ich-Botschaften nicht auf sich zu beziehen, aber sicher bin ich mir nicht.

Und ich selbst hasse es, diese Ich- Botschaften zu hören: Ich kann nicht mehr, was soll ich noch alles tun, wieso muss ich immer ..., ich hab doch tausendmal ..., kann ich nicht ein Mal, ein einziges Mal ... Nein, das Ich, das diese Botschaften in voller Lautstärke aussendet, ist nicht das Ich, das ich sein will, und vor allem nicht das Ich, das das Welt- und Selbstbild meiner Kinder prägen soll.

Unangenehme Botschaften werden rausgefiltert

Kinder, sagen die Psychologinnen und Psychologen, tun nicht, was wir ihnen sagen, weil es ihr natürlicher Instinkt ist, Anstrengungen zu vermeiden und sich schönen Dingen zu widmen. Ein wunderbarer Instinkt, den wir Eltern in uns abgetötet haben. Kinder haben einen Filter, der unangenehme Botschaften wie "Du sollst", "Du musst" und "Kannst du nicht mal" unterdrückt und nur Dinge durchlässt, die ihnen Freude machen. Weil sie ihre ganze Energie für ihre Entwicklung, für die Schule, fürs Wachsen und Navigieren in der Welt brauchen. Sie hören einfach nicht, dass sie das Fahrradschloss suchen sollen, nicht aus Böswilligkeit, sondern wegen: is’ so.

Wenn sie dann merken, dass die Stimmung kippt, fliehen sie aus Angst erst recht in angenehmere Aktivitäten (Stickeralbum!), und statt ihnen diese Angst dann zu nehmen, machen Eltern, die brüllen, ihnen noch mehr Angst. Das klingt so logisch, wenn ich es hinschreibe, so nachvollziehbar, menschlich und kindlich. Das Beste wäre natürlich, mit dem Kind all die unangenehmen und anstrengenden Dinge wie Jackeaufhängen und Sachensuchen gemeinsam zu machen, bis das Kind sie nicht mehr anstrengend findet, sondern sie sich angewöhnt hat. Ich verstehe es, und wenn es mir gelingt, wird es ein besserer Tag. Bis zum nächsten Überflutungsmoment.

Die Pittsburgh-Studie beschreibt – und das ist das atemberaubend Schreckliche an ihr –, dass schon gelegentliches Schreien reicht, um Schäden anzurichten. Klar, es gibt viele Erziehungsexperten, die sagen, dass man sich entschuldigen kann und dass gelegentliches Ausrasten zum menschlichen Leben dazugehört.

"Den Gefühlsausbruch in einen Moment verwandeln, aus dem alle was lernen", nennen das die amerikanischen Autorinnen, einen "Teachable Moment": Mama oder Papa hat einen Fehler gemacht, liebe Kinder, und wir lernen alle daraus, dass es so nicht geht und dass man, wenn man so rumschreit wie Papa, genauso wenig erreicht und zugleich genauso angsteinflößend und jammervoll wirkt wie Papa gerade.

Ob das funktioniert? Ich bin nicht sicher. Es ist oft genug mein eigener letzter Ausweg gewesen. Aber tatsächlich kann ich mir nicht ausmalen, meine Kinder für immer beschädigt zu haben. Ich hoffe, ich habe einen von diesen Fehlern gemacht, die sich im Laufe der Jahre wiedergutmachen lassen, durch besseres Verhalten, bessere Liebe. Ich hoffe, gelobe und versuche, stattdessen zu lachen.

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Eure Meinung

Wie seht ihr das mit der Brüllerei? Wie geht ihr mit "Überflutungsmomenten" um? Diskutiert darüber mit anderen Leserinnen im BRIGITTE MOM-Forum.

Text: Till Raether Ein Artikel aus BRIGITTE MOM, Heft 2/2015
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