Eigentlich wollte ich Vater werden - und nicht Chauffeur!

Je älter die Kinder werden, desto mehr kutschieren wir sie durch die Gegend. MOM-Autor Till Raether fragt sich: Warum eigentlich, und wie kommen wir aus der Nummer wieder raus?

Seit ich Kinder habe, habe ich kein Auto mehr. Also, das Auto ist immer noch da, es ist sogar größer geworden, aber die Kinder haben es. Es ist nicht mehr meins oder das von meiner Frau, wir dürfen es nur steuern.

Trauriges Kind

“Mir wird so schlecht von deiner schwachen Musik, Papa.“

Es ist ein Mama-Taxi geworden, also ein Gefährt, das von Mama oder Papa zwar gelenkt wird, aber nach genauen Anweisungen der Fahrgäste: “Schneller, Mama, alle überholen uns“, bzw. “Papa, du fährst wie ein Irrer“, oder “Mir wird so schlecht von deiner schwachen Musik, Papa.“

Und die Fahrgäste klagen über den mangelnden Komfort im Mama-Taxi: “Leonie und Paul haben hinten Klapptische, sind wir arm?“

Reden wir nicht über die Benjamin-Blümchen-Aufkleber auf den Oberflächen des Innenraums, über die Bruchstücke von Happy-Meal-Spielzeugen, die im Fußraum klötern, über die grauenvollen Designs der Sonnenschutz-Saugdinger, bei denen man sich immer freut, wenn wieder EM oder WM ist, denn Schwarz-Rot-Gold ist mit Abstand noch die beste Option. Aus dem Alter sind die Kinder langsam raus.

Die Kinder sind jetzt in dem Alter, wo für sie der Menschheitstraum wahr wird, den sich sonst nur Google erfüllen kann: der vom selbststeuernden Auto.

Passiv-aggressive Klagen im Rückraum

Die Fahrerin ist im sogenannten Mama-Taxi im Grunde nur noch eine Funktion des Autos, die Steuerungseinheit eben, ein technisches Detail, ohne das es mit acht oder elf eben noch nicht geht.

Das Mama-Taxi fährt die Kinder von A nach B und von B über C und D zurück nach A, so pünktlich und zuverlässig, wie es Mama oder Papa eben möglich ist, mit dem Unterschied, dass wir dafür im Mama-Taxi nicht mit Zwanzigeuroscheinen entlohnt werden, sondern mit passiv-aggressiven Klagen über den Zustand der Fahrgastzelle.

Die Kinder, die wirklich das Aufräumen nicht erfunden haben, und für die ein Fußboden oder eine Tischplatte “sauber“ sind, sofern nicht offensichtlich eine Tüte Kakao darauf explodiert ist, dieselben Kinder also, nämlich meine, entschuldigen sich nun, wenn sie mit ihren Freunden nach dem Sport ins bereitstehende Mama-Taxi steigen: “Oh, sorry, Leute, normalerweise sieht’s bei uns im Auto nicht so aus.“ So leicht nebenhin gesagt, mit einem perfekt einstudierten Tonfall aus Überraschung, im Subtext die Frage: Papa, was ist hier denn passiert?

Wer hat mit dem Chaos angefangen?

Als ob, um die Kinder mal zu zitieren. Als ob. Als ob ich die abgebrochenen Buntstifte, die aufgegebenen halb fertigen Stickeralben, die leeren Süßigkeitenverpackungen, die geheimnisvollen Bastelprojekte auf der Rückbank, in den Seitentaschen und auf dem Boden verteilt hätte. Als ob. Okay, die Zeitungen, die leeren Wasserflaschen und die leere Salzheringe-Tüte sind von mir, aber wer hat denn damit angefangen? Und wer, andererseits, rafft immerhin einmal im Monat eine Handvoll Elend zusammen?

Die Kinder schämen sich also, wie ihr Auto aussieht. Aber es ist nicht das Einzige, was ihnen Kopfzerbrechen bereitet. Problematisch ist auch die Sitzordnung im Auto.

Wir haben mit anderen Eltern eine Art rotierende Fahrgemeinschaft, abwechselnd fahren wir vier Elfjährige zum Sport oder holen sie ab, je nachdem. Schnell stellte ich fest, dass es immer ein bisschen Gerangel darum gab, wer vorne sitzen durfte, neben dem Fahrer, nämlich mir oder eben einer anderen Taxi-Mutter. Nach einer Weile hatten die Kinder das System etabliert, dass immer der, dessen Eltern das Auto fuhren, vorne sitzen durfte. Ich fand das ganz süß: Heimrecht für den besten Platz, neben Papa

Vorne ist gar nicht der beliebteste Platz

Die anderen machten derweil auf dem Rücksitz Krümel beziehungsweise Party. Ja, es hat ein bisschen gedauert, bis mir klar wurde: Nein, der Platz vorne neben dem Taxifahrer ist natürlich immer der unbeliebteste, man kann nur über die Schulter mitmischen und ist in unmittelbarer Nähe eines merkwürdigen Erwachsenen. Dass immer das Kind, “dem das Auto gehört“, vorne sitzt, ist also eine Notlösung, die zugegeben gerechte Verteilung eines Missstandes. Ein wenig geknickt war ich trotzdem.

Erwähnte ich die rotierende Fahrgemeinschaft? Wir haben zwei Kinder und drei WhatsApp-Gruppen, in denen unterschiedliche Reit-, Schwimm- und Fußball-Fahrdienste koordiniert werden.

Am Ende fahre immer ich

Zu Stoßzeiten entspricht die Nachrichtendichte bei gleichzeitiger inhaltlicher Unschärfe den kommunikativen Gepflogenheiten der Kinder auf der Rückbank: alle reden durcheinander, widersprechen sich, und am Ende fahre irgendwie doch immer ich.

Einen gewissen Vorteil hat der Dienst im Mama-Taxi: Wenn die Kinder alle hinten sitzen, fühlen sie sich unbeobachtet, und man kriegt ausnahmsweise wirklich mal ungefiltert mit, was sie beschäftigt und wie und worüber sie so mit ihren Freunden reden. Zumindest fand ich das eine Zeit lang sehr aufschlussreich, ich vermerkte es für mich selbst als Verdienst in der Spalte “Am Leben der Kinder teilnehmen“.

Andererseits kann ich inzwischen ganz klar sagen, dass die Kommunikation der Kinder mit ihren Freunden in etwa so abläuft wie bei Erwachsenen:

Die elfjährigen Jungs unterhalten sich über abwesende Dritte aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis, und zwar in leicht bis mittelschwer sarkastischem Ton, und die achtjährigen Mädchen übertrumpfen einander mit spektakulären Erlebnissen und Erkenntnissen, die sämtlich mit der Präambel “Alter...!“ eingeleitet werden. Es ist insgesamt unterhaltsam, aber nicht unbedingt das Benzin wert.

Sind wir "Diener unserer Kinder"?

Soll man das überhaupt, die Kinder überall hinkutschieren? So nennen das die Großeltern, die so was “damals“ natürlich nie gemacht haben, man darf sich ja nicht zum “Diener seiner Kinder“ machen, und überhaupt, die Kinder haben viel zu viel vor am Nachmittag.

Ja, liebe Großeltern, eigentlich bin ich recht dankbar, dass ihr uns damals nicht viel mit dem Auto rumgefahren habt, denn es gab keine Gurte, keine Nackenstützen und ihr rauchtet bei geschlossenen Fenstern Mentholzigaretten. Insofern wären wir alle tot, wenn ihr uns damals so viel rumkutschiert hättet wie wir heute die Kinder.

Aber es stimmt schon, die Enkel haben heute mehr vor als wir damals. Uns reichte es ja bekanntermaßen, hin und wieder Karl Mays gesammelte Werke zu lesen, andächtig unser Willy-Brandt-Stickeralbum durchzublättern oder draußen einen mit Filzstift-Ornamenten imitierten Adidas-Tango-Ball gegen die Garagentore zu donnern. Jene Garagentore, hinter denen euer Ford Granada darauf wartete, dass ihr ihn nutztet, um allein zur alten Kettenraucherei hinterm Atomkraftwerk zu fahren und dabei “Griechischer Wein“ auf BRD1 zu hören.

Alles zu Fuß erreichen? Beneidenswert!

Tatsächlich aber bewundere ich Eltern, denen es gelungen ist, das Leben ihrer Kinder in fußläufiger Entfernung zu organisieren. Dieser Zug, um mal ein in diesem Zusammenhang völlig schiefes Bild zu verwenden, ist leider abgefahren für mich. Ich komme nicht mehr raus aus der Nummer. Es sei denn, ich lasse das Auto weiter so verkommen, dass die Kinder eines Tages nicht mehr einsteigen wollen, weil es ihnen so unerträglich peinlich ist, oder weil es hinten müllbedingt nur noch Stehplätze gibt.

Scham fürs hässliche Mama-Taxi

Auch über die Wahl des Fahrzeugs kann man den Wunsch der Kinder, herumkutschiert zu werden, übrigens beeinflussen und entschieden abmildern. Aus einem Nachbarsjungen, der vor und nach dem Handball immer unglücklicher wirkte, brach es eines Tages heraus:

Seine Mannschaftskollegen machten sich bei jeder Gelegenheit über sein Mama-Taxi lustig, einen recht auffälligen, kastenartigen japanischen Minivan, der ein wenig so aussieht, als hätte ihn ein Kind gezeichnet, das eine sehr primitive Vorstellung von Autodesign hat.

Die seelische Notlage des Nachbarssohnes war ernst, aber seine Eltern sahen nur zwei Möglichkeiten:

Es würde ihm dies ein Anlass sein, durchzuhalten und sein Selbstbewusstsein zu stärken, bis es ihm egal wäre, mit was für einem Auto seine Eltern ihn und seine Freunde rumfuhren. Oder zweitens, er würde einen Weg finden, nur noch bei den anderen mitzufahren, so dass sie aus dem Taxi-Dienst entlassen wären. Eine Win-win-Situation, wenn man so will.

Und dann kam es sogar noch besser: Der Nachbarsjunge entdeckte seine bis dahin verborgene Begeisterung dafür, mit Sporttasche bei jedem Wetter fünf Kilometer zur Trainingshalle mit dem Fahrrad zu fahren. Derzeit denke ich über die Anschaffung eines Daihatsu-Minivans oder eines Fiat Multipla, ältere Baureihe, nach.

Text: Till Raether. Ein Artikel aus BRIGITTE MOM Heft 3/2016
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