Echter Geburtsbericht: "Ich hab mich bei jeder Wehe an meinem Freund festgehalten"

Wie fühlt es sich an, ein Kind zu bekommen? In dieser Reihe teilen echte Frauen ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Katharina erzählt von der Geburt ihrer Tochter – und warum die wichtigste Rolle dabei ihre Hebamme spielte.

Wir finden, es ist an der Zeit für positive Geburtserlebnisse. Deswegen haben wir über den Verein Mother Hood e.V. einen Aufruf gestartet, in dem wir Mütter nach ihren Geburtsberichten fragten. Unzählige Zuschriften erreichten uns und machen Mut, denn sie führen weg von Ängsten und hin zu dem, was eine Geburt wirklich ist: Ein kleines, großes Wunder.

In dieser Folge lässt Katharina, 35, die Geburt ihrer Tochter für uns Revue passieren. Die bedeutendsten Teilnehmer ihres Erlebnisses waren keine Ärzte, obwohl sie ihr Baby in einer Klinik zur Welt brachte. Die Sicherheit der medizinischen Versorgung war der Mutter wichtig – am Ende war es jedoch ihre Hebamme, die ihr die Ruhe schenkte, die sie im Moment der Geburt brauchte.

Hausgeburt

Wäre da nur nicht diese Hitze gewesen

"Als meine zweite Tochter zur Welt kam, war es sehr heiß und sehr schwül, der Kreißsaal nicht klimatisiert. Nach der Geburt wurde mir so schwummerig, dass ich anders als geplant über Nacht im Krankenhaus bleiben musste – aber ansonsten hätte es nicht besser laufen können.

Ich war schon acht Tage über Termin. Meine Eltern waren mittlerweile seit zwei Wochen bei uns zu Besuch. Sie sollten auf unsere Zweijährige aufpassen, wenn es soweit wäre. Sie machten sich zunehmend diffuse Sorgen, ob nicht doch irgendwann mal eingeleitet werden sollte. Meine Hebammen aber – sie arbeiten als Zweier-Team im Belegsystem – blieben ganz ruhig. Ich kannte sie aus meiner ersten Schwangerschaft und hatte volles Vertrauen. Das Baby war gut versorgt, das ergaben die regelmäßigen Termine im Krankenhaus. Mit anderen Worten: Es gab keinen Grund, irgendetwas zu tun außer abzuwarten. Zum Glück halfen sie mir, die Ruhe zu bewahren, denn in der Tat machte sich auch dieses Baby auf den Weg, als es soweit war.

Ich glaube, es geht los

An einem Mittwoch sollte ich zur regulären Kontrolle ins Krankenhaus. Schon auf dem Weg dahin hatte ich immer heftigere Schmerzen. Zum Glück war mein Freund bei mir, meine Eltern blieben zu Hause bei der Großen. Beim Ultraschall sagte ich: 'Ich glaube, es geht los.' Die Ärztin vermutete aber, das Ganze werde noch ein ziemliches Weilchen dauern.

Gegen 12 Uhr wollte eine unserer Hebammen, Paulina, uns im Kreißsaal treffen, um zu besprechen, wie es weitergehen sollte. Sie war auch schon bei der Geburt unserer ersten Tochter dabeigewesen. Paulina schlug vor, ich solle noch einmal nach Hause fahren, das sähe alles noch nicht akut aus. 'Ich fahre überhaupt nirgendwo mehr hin', entgegnete ich, und wir einigten uns darauf, dass ich eine kleine Runde spazierengehe.

In dem Moment, als ich vor die Tür des Krankenhauses trat, wurden die Wehen schlagartig heftig

Ich klammerte mich an meinen Freund und wollte nur noch eines: Privatsphäre und einen Raum für mich. Und auf keinen Fall länger unter Wehen in der prallen Mittagshitze herumlaufen.

Ziemlich schnell standen wir wieder an der Kreißsaaltür. Es dauerte wahrscheinlich nur gute zehn Minuten, bis ich einen Raum für mich hatte. Aber sie kamen mir lang vor, während ich stöhnend auf dem Flur herumlief, unter den teils interessierten, teils verunsicherten Blicken anderer Schwangerer, denen das erst noch bevorstand.

Dass meine Hebamme bei mir war, gab mir Sicherheit

Dann, endlich, waren wir zu dritt im Kreißsaal. Paulina, mein Freund und ich. Ich spürte, dass die Geburt jetzt zügig vonstatten gehen würde. Dass meine Hebamme bei mir war, gab mir viel Sicherheit. Die Wehenschmerzen waren heftig, aber: Sie ließen sich durchstehen. 

Meine Hebamme war die ganze Zeit bei mir, half mir, richtig zu atmen. Für mich war aber etwas anderes beinahe noch wichtiger: Eine Geburt ist eine absolute Ausnahmesituation.

Läuft gerade alles ganz normal, auch wenn ich selbst das Gefühl habe, diese Schmerzen können einfach nicht so vorgesehen sein?

Das kann nur eine Fachfrau beurteilen. Weil meine Hebamme die ganze Zeit dabei war, wusste ich: Alles läuft aus medizinischer Sicht gut. Wenn es nicht so wäre, würde sie reagieren. Das gab mir ganz viel Sicherheit und Kraft, einfach weiterzumachen. Deshalb finde ich: Alle Gebärenden brauchen eine Eins-zu-Eins-Betreuung unter der Geburt.

Mein Freund war der zweite Grund, weshalb ich das alles gut durchstehen konnte. Bei jeder Wehe hielt ich mich an ihm fest und ließ mich von ihm in den Arm nehmen. Er tat nicht viel, war aber einfach da. Das genügte völlig.

Kurz bevor die Presswehen einsetzten, hatte ich das Gefühl, es einfach nicht mehr auszuhalten. Die Fruchtblase war immer noch nicht geplatzt, und eigentlich wollte Paulina dabei auch noch nicht nachhelfen. Doch ich konnte sie überzeugen, dass ich diese wahnsinnigen Schmerzen nicht mehr aushalten könnte. Also brachte sie die Fruchtblase zum Platzen. Das brachte mir wenigstens etwas Erleichterung, und bald gingen die Presswehen los.

Ich fühlte, wie meine Tochter mit jeder Wehe Stück für Stück vorwärts geschoben wurde.

Das war ein einzigartiges und irgendwie magisches Gefühl. Bei meiner ersten Geburt hatte ich das viel weniger deutlich bemerkt, weil ich mir im Zustand völliger Erschöpfung eine PDA hatte legen lassen, um einen Kaiserschnitt zu vermeiden. Dieses Mal war die Geburt komplett interventionsfrei. 

Paulina fragte, ob ich mit den Händen das Köpfchen spüren wollte, gleich würde es zwischen meinen Beinen hervortreten. Bloß nicht, das wäre mir dann doch befremdlich vorgekommen. Ich wollte meine Tochter einfach nur in den Arm nehmen.

Aber ich spürte genau, als ihr Köpfchen bei einer Presswehe geboren wurde.

Der Rest ihres Körpers folgte schnell. Direkt danach kam zum ersten Mal für einen kurzen Moment Unruhe auf. Ich hatte meine Tochter im Vierfüßlerstand geboren, und die Nabelschnur war ungewöhnlicherweise so kurz, dass ich nicht einmal aufstehen oder mich umdrehen konnte. "Stop!", rief meine Hebamme und musste mich festhalten, denn ich verstand so schnell gar nicht, was vor sich ging. Ein größeres Problem war das aber nicht. Meine Tochter wurde sofort abgenabelt - und schon konnte ich mich wieder rühren.

Gegen Ende war es so schnell gegangen, dass die Ärztin, die routinemäßig hinzugerufen worden war, den Kreißsaal erst betrat, als meine Tochter schon auf der Welt war.

Natürlich war ich unendlich froh und erleichtert, als die Kleine mir in den Arm gelegt wurde. Aber ich war fast zu erschöpft, um diesen Moment so richtig genießen zu können. Die heiße und schwüle Luft taten ihr Übriges, mein Kreislauf sackte in sich zusammen. Es war klar, dass ich nicht nach ein paar Stunden nach Hause gehen könnte. Aber da ich einfach liegen blieb und weiter nichts tat, ging es mir schnell etwas besser. 

Mein Freund und ich blieben noch eine ganze Weile mit unserer Tochter im Kreißsaal und bestaunten sie. Sie schaute uns aus großen Augen an und wollte auch bald stillen. Währenddessen wurde meine Geburtsverletzung genäht, ich war ein bisschen gerissen. Das war fast das Schlimmste an der Geburt: Dass jetzt, wo ich nur noch mit meinem Baby kuscheln wollte und auch nicht mehr im völligen Hormonnebel war, ein Arzt dort herumfuhrwerkte, wo ohnehin alles entsetzlich wehtat. Auch die Nachgeburt, die vorher noch gekommen war, fand ich erstaunlich unangenehm.

Unsere kleine Tochter war von allem unbeeindruckt, schaute sich um in der Welt und ließ sich bekuscheln.

Mittags war es so richtig losgegangen, um halb vier am Nachmittag war unsere Tochter da, abends war mein Freund schon wieder zu Hause, um die Große ins Bett zu bringen.

Theoretisch hätte alles als Hausgeburt stattfinden können. Trotzdem würde ich mich immer wieder für eine Geburt im Krankenhaus entscheiden.

Denn es gibt unter der Geburt nun einmal Notfälle, in denen jede Minute oder sogar jede Sekunde zählt und zum Beispiel die Möglichkeit, einen Notkaiserschnitt zu machen, lebensrettend sein kann. Weil ich das weiß, wäre ich bei einer Geburt zu Hause oder im Geburtshaus entsetzlich angespannt. Aber ich hatte Glück: Ich war in einem großen Krankenhaus, dank meiner wunderbaren Beleghebamme war die Geburt aber trotzdem wie ein ganz persönliches Ereignis, bei dem nur sie, mein Freund, ich und das Baby eine Rolle spielten.

Für ein drittes Kind hätten wir auf jeden Fall Platz im Herzen. Und die Aussicht, noch einmal eine Geburt erleben zu dürfen, würde mich fast ein bisschen freuen."

Danke für deine Geschichte, Katharina!

Hier kannst du die erste Folge unserer Geburtsberichte lesen: Positive Geburtsberichte: "Ist DAS nun alles, wovon mir gruselig erzählt wurde?

Möchtest du dich zu Themen rund um Geburt und Schwangerschaft austauschen? Schau doch mal in unserer Community vorbei!

mjd
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-MOM-Newsletter

MOM-Newsletter

Mit unserem Newsletter erfährst du alles über die neuesten Online-Beiträge und verpasst keine MOM-Ausgabe!