Ein bisschen schwanger

Für Kinderwunschbehandlungen zahlen die Krankenkassen nur 50 Prozent. Den Rest der Kosten tragen die Patientinnen - und die Lasten sowieso.

Seit dem 1. Januar 2008 sind Beiträge für Frauen in privaten Krankenkassen gesunken. Eine kleine Umfrage unter privat versicherten Kolleginnen ergab: Die meisten zahlen seitdem zwischen einem und stolzen sieben Euro im Monat weniger. Bei den privat versicherten Männern, die ich kenne, ist der Beitrag um einiges mehr gestiegen. Aber die Errechnung von Kassenbeiträgen ist ohnehin so schwer durchschaubar, dass die Normalverbraucherin da eher kapituliert als kontrolliert.

Die kleine Erleichterung verdanken wir der Tatsache, dass eine alte Ungerechtigkeit endlich abgeschafft wurde: Die Kosten der Geburtsmedizin hatten die Privaten bislang allein ihren weiblichen Mitgliedern aufgebürdet. Das dürfen sie nun aus gesetzlichen Gründen nicht mehr. Ein uralter Zopf ist also ab.

Gespenst im Babybett

Doch leider ist dies nicht die einzige Merkwürdigkeit rund um das Thema Schwangerschaft, Geburt und Kosten. Heiß umstritten ist zum Beispiel die Finanzierung der Reproduktionsmedizin: An einer künstlichen Befruchtung - pro Versuch etwa 2000 bis 3500 Euro - beteiligen sich die gesetzlichen Kassen seit 2004 nur noch zu 50 Prozent. Und das für maximal drei Versuche.

Welche Botschaft steckt in einer solchen Regelung? Kann eine Frau zu 50 Prozent schwanger werden? Soll sie, wenn sie schon die Belastungen einer Kinderwunschbehandlung auf sich nimmt, jedenfalls auch dafür zahlen? Für Männer ist eine Vaterschaft aus der Petrischale weniger strapaziös. Und viel billiger. Die "Kosten für den gesetzlich versicherten Mann" betragen, so die Website einer Berliner Kinderwunschpraxis, bescheidene 17 Euro.

Unverheiratete bekommen überhaupt keinen Zuschuss. Sprich: Die Rechnung geht in fast voller Höhe an die Patientin. Die privaten Kassen zahlen zwar insgesamt mehr, stellten sich aber erst einmal auf den Standpunkt, mit dem ersten Baby sei dem Kinderwunsch genüge getan. Und weigerten sich, eine Behandlung auch für ein zweites Kind zu bezahlen. Seit Jahren wird vor Gerichten über diese Praxis gestritten.

BRIGITTE-Autorin Irene Stratenwerth

Kinderlosigkeit sei schließlich keine Krankheit, argumentieren die Kassen. Dieser Grundsatz gilt denn auch für junge Frauen, die an Krebs erkranken. Ihnen werden inzwischen verschiedene Behandlungsmethoden angeboten, die ihre Fruchtbarkeit - vor einer Chemo- oder Strahlentherapie - schützen sollen. Doch die Kosten für Medikamente oder Operationen zu diesem Zweck müssen die Patientinnen in der Regel selbst übernehmen.

Frauen leben gefährlich, beim Kinderkriegen sowieso. Und die Methoden der Reproduktionsmedizin bringen zusätzliche, zum Teil hohe Risiken und Belastungen mit sich. Deshalb sind Regelungen wichtig. Und Grenzen auch: Damit nur Behandlungsmethoden finanziert werden, die eine realistische Erfolgschance haben. Und in unserer Gesellschaft wissenschaftlich, rechtlich und ethisch anerkannt sind.

Wenn all das aber der Fall ist, ist überhaupt nicht einzusehen, dass diejenigen, die schon die Lasten tragen, auch noch auf den Kosten sitzen bleiben.

Text: Irene Stratenwerth Foto: Silke Goes Illustration: Tim Möller-Kaya

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Irene Stratenwerth
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