Erfahrung mit der Kinderbetreuung: "Sie haben Kinder? Ihr Problem"

Wie gut, dass Eltern geduldig sind. Sonst könnten sie den Zustand der Kinderbetreuung in diesem Land nicht lange ertragen. BRIGITTE-Autorin Merle Wuttke, Mutter von drei Kindern, erlebt jeden Tag den Wahnsinn.

An der Tür der Kita, in die meine drei Kinder gehen, prangt seit Montag ein Aushang. Darauf steht: "Da acht von 15 Mitarbeitern des pädagogischen Personals erkrankt sind und eine Stelle unbesetzt ist, bitten wir Sie, Ihre Kinder früher und vor 17 Uhr abzuholen. Danke." Ich lese, atme tief durch und denke: Scheiße. Ausgerechnet jetzt! Muss das sein?

Ja, es muss. Weil es normal ist, dass Menschen krank werden oder Urlaub nehmen. Sogar Erzieher tun das. Nicht normal ist allerdings, dass die Chefin unserer Kita seit Wochen nach Ersatz sucht und niemanden findet. Niemanden! Oder jedenfalls niemanden, dem man guten Gewissens die Betreuung von acht Monate alten Krabbelkindern oder selbstbewussten Fünfjährigen anvertrauen möchte. Deshalb bleibt der Kita jetzt nichts anderes übrig, als die Eltern zu bitten, ihre Jobs um dieses Problem herum zu organisieren. Ein Problem, das nichts mit der Kita, dafür aber viel mit hiesiger Familien- und Bildungspolitik zu tun hat, bei der sich in den letzten Jahrzehnten viel weniger geändert hat, als wir gemeinhin denken.

Entschuldigen Sie die Wortwahl, aber - ich könnte kotzen! Weil ich 36 Jahre nach meiner Mutter vor einer Kindergartentür stehe, aber es genauso gut 1977 sein könnte. Damals wie heute gilt: "Sie haben Kinder? Ihr Problem." Nur, dass ich nicht wie sie damals betteln muss, damit man meine zweijährige Tochter unterbringt, sondern das Glück habe, alle meine drei Kinder (Polly, 2, Artur, 5, und Jul, 8 Jahre alt) gemeinsam in einer städtischen Kita betreut zu wissen, weil die Hort, Kindergarten und Krippe anbietet. Es ist eine Oase. Eine Ausnahme (denn ich muss nicht zwischen verschiedenen Kitas hinund herhasten), für die mein Mann und ich aber auch monatlich einen hohen dreistelligen Betrag zahlen - andere finanzieren sich damit ihr Häuschen. Ansonsten erinnern mich die Zustände in diesem Paradies allzu oft an Zeiten, in denen Mütter noch Zeit hatten, viel Zeit. Situationen wie diese hätten früher nicht automatisch Schnappatmung bei betroffenen Müttern ausgelöst. Sie hätten den Aushang gelesen, mit den Schultern gezuckt und ihre Kinder zu Hause behalten.

Schock nach Kaiserschnitt: Frau kurz nach der Geburt, wie sie Baby hält

Wieder eine Woche unerwarteter Stress

Für mich bedeuten solche Nachrichten dagegen: Wieder eine Woche, in der die Hausaufgabenbetreuung nicht stattfindet, weshalb ich mich nach Job, Einkauf und dem ganzen anderen Alltagsmist abends mit Mathe und einem unwilligen Achtjährigen herumschlagen darf. Und natürlich wird der seit Wochen geplante Ausflug für meinen Mittleren nicht stattfinden, so ohne Personal. Wieder eine Woche, in der meine Kleinste in der Krippe tagelang die Bäume nur von drinnen sehen wird, denn bis die letzten drei gesund verbliebenen Erzieherinnen 22 Kleinkinder angezogen haben, ist es Zeit fürs Mittagessen.

Wieder eine Woche, in der ich weder Familie noch Job gerecht werde, weil ich aufgrund des krankheitsbedingten Betreuungsschlüssels meine Kinder doch lieber früher abhole - warum die Lage in der Kita schlimmer machen, als sie ohnehin schon ist; und die Erzieherinnen arbeiten schließlich selbst alle seit Wochen am Anschlag. Das heißt aber auch: wieder eine Woche, in der meine Arbeit hintenanstehen muss. Wieder eine Woche Kinder statt Karriere. Aber was beschwere ich mich. Immerhin lebe ich nicht in München, wo eine Freundin von mir zwar einen Krippenplatz hat, aber für fünf Stunden pro Tag mehr als 500 Euro im Monat berappen muss. Und ich wohne auch nicht in einer Region, in der sich Frauen gar nicht die Frage stellen können, ob sie Vollzeit arbeiten möchten - weil der Kindergarten vor Ort im 21. Jahrhundert um 13 Uhr schließt (!) oder wo es zwar einen Krippenplatz gibt, der aber erst 2015 frei wird.

Ab 1. August soll alles besser werden? Ich lach mich tot

Doch das wird ja zum 1. August alles anders. Besser. Dann tritt der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Geburtstag in Kraft, dann gibt es genügend Krippenplätze, und Eltern können plötzlich selbstverständlich ihrer Arbeit nachgehen. Ich lach mich tot. Von den versprochenen 780000 Betreuungsplätzen fehlen immer noch 220000 Plätze. Dabei werden im Moment nur knapp 28 Prozent der Ein- bis Dreijährigen betreut, die Bundesregierung rechnet für den Sommer schon mit einer Betreuungsquote von 39 Prozent. Und vergleicht man den Bedarf mit anderen Ländern in Europa, halten Experten langfristig ohnehin eine Quote von 60 Prozent für realistisch, weil mit mehr Krippen auch die Akzeptanz unter den Eltern zunimmt, ihre unter Dreijährigen betreuen zu lassen.

Doch wenn der Krippenausbau weiterhin so rasant voranschreitet wie der Bau des Berliner Flughafens, wird das Ziel sowieso frühestens 2018 erreicht. Denn statt in den vergangenen fünf Jahren massiv pädagogische Fachkräfte auszubilden (laut Familienministerium fehlen 14000 Erzieher und 20000 Tagesmütter - Experten schätzen die Lücke allerdings noch viel größer), statt deren Gehälter und die Ausbildung so zu verbessern, wie es den Herausforderungen des Jobs gebührt; statt neue Kitas zu bauen, spielen Ministerin Schröder und die Kommunen Schwarzer Peter: Die Länder zögern unisono, die 580 Millionen Euro anzunehmen, mit denen sich der Bund beim Ausbau beteiligen will, weil sie sich von dessen Vorgaben zur Verwendung des Geldes kontrolliert fühlen, die Ministerin fühlt sich sabotiert. Wie im Sandkasten. Und somit wird das System Kinderbetreuung auch nach dem 1. August 2013 ein fauler Kompromiss bleiben, der nur durch krude Selbstausbeutung, schlechtes Gewissen und Leidensfähigkeit seitens der Eltern möglich ist. Hat nicht der Präsident des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Christian Schramm, Anfang des Jahres verkündet, er setze auf die "Solidarität unter Eltern", etwa indem man sich einen KitaPlatz teilt?! Tja, so sieht sie aus, die Wirklichkeit.

Mit Schulkindern ist es nicht anders

Doch auch wer glaubt, er sei mit einem der heiß begehrten Krippenplätze aus dem Schneider, der irrt: jetzt und für die Zukunft. Das Kind wird schließlich älter. Denn nicht nur in Kitas, auch in der Schule rechnet man wie selbstverständlich mit dem elterlichen Opfer. Habe ich gerade erst ein halbes Jahr lang in der Klasse meines Sohnes erlebt, beim Schwimmunterricht. Den erteilen hier keine Lehrer, sondern Bademeister. Weshalb auch keine Lehrer den Unterricht begleiten. Da die Kinder aber irgendwie von der Schule ins Schwimmbad und zurück kommen müssen, fragt man - wen? Natürlich, die Eltern! Und die freuen sich unbändig über zwei herrliche Stunden im Vorraum eines überheizten Hallenbades. Haben ja auch sonst nichts zu tun, die lieben Eltern.

Zum Glück hatte ich von diesen "Betreuungsmodellen" keine Ahnung, als ich mein einjähriges Kind 2005 das erste Mal in die Obhut der öffentlich verwalteten Betreuung gab. Vielleicht hätte ich sonst nicht zwei weitere Kinder bekommen. Damals war Ursula von der Leyen gerade Familienministerin geworden. Zwei Jahre später ließ sie das Gesetz zum Krippenausbau verabschieden, und endlich hatten Eltern - hatten Mütter - quasi gesetzlich verbriefte Argumente für eine neue, gerechtere Rollenverteilung und eigene berufliche Optionen. Mir kam das vor wie ein Traum.

Und heute? Stehe ich fünf Jahre und eine Familienministerin später vor besagter Kita-Tür, und das Ganze ist immer noch ein Traum. Denn ob Krippen-, Kindergarten- oder Schulkind - alle Eltern hängen am Tropf des Betreuungsmangels, der durch die Fehlplanung bei den Krippen nur sichtbar, weil messbar wird. Nach wie vor mangelt es an zeitlich flexiblen Kitas und vernünftig geplanten und ausgestatteten Ganztagsschulen. Und ich frage mich: Wann oder warum greift die Frau an der Spitze dieser Regierung nicht ein, beendet das würdelose Hin- und Herschieben von Verantwortlichkeiten und macht das Thema zur Chefsache? Schließlich sind von den mehr als 62 Millionen Wahlberechtigten, die im September ihr Kreuz machen dürfen, über die Hälfte Frauen.

Als Mutter und Frau überkommt mich immer mehr das Gefühl, dass Kinderbetreuung weiter in den Bereich "Gedöns" gehört - obwohl Frauen dafür verantwortlich sind. Wie es aussieht, wird sich ab Sommer nur eines ändern: Auch Einjährige bekommen dann einen Betreuungsplatz. Auf der Warteliste.

BRIGITTE 08/13 Text: Merle Wuttke

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-MOM-Newsletter

MOM-Newsletter

Mit unserem Newsletter erfährst du alles über die neuesten Online-Beiträge und verpasst keine MOM-Ausgabe!