Empty Nest Syndrom: Es ist alles so still

Einerseits tun wir alles, damit unsere Kinder erwachsen und selbstständig werden. Andererseits trifft es uns wie ein Schlag in die Magengrube, wenn sie dann ausziehen. Psychologen sprechen dann von Empty Nest Syndrom. Und wir erklären, warum darunter so viele Mütter leiden.

Das Zimmer ist plötzlich immer leer. Beim Tischdecken nehmen wir aus Gewohnheit jedes mal einen Teller zu viel aus dem Schrank. An der Tür stehen auf einmal so wenig Schuhe. Und irgendwie ist alles so still ... 

Wenn ein Kind auszieht, ist das für die Eltern oft schwer. Viele geraten dadurch in eine Sinnkrise. Und das ist so normal und natürlich, dass es in der Psychologie einen Begriff dafür gibt: Empty Nest Syndrom.

Was bedeutet Empty Nest Syndrom?

Unter Empty Nest Syndrom ("Leeres-Nest-Syndrom") werden in erster Linie Gefühle zusammengefasst, die Mütter und Väter typischerweise beim oder kurz nach dem Auszug eines Kindes empfinden: Trauer, Einsamkeit, Verlassenheit, Leere, Zwiespalt, Schmerz. Vernünftiges Trösten à la "genau dafür hast du dich doch 20 Jahre liebevoll um dein Kind gekümmert" hilft da in der Regel wenig: Das Empty Nest Syndrom ist nunmal kein rationales Dilemma, sondern ein emotionales.

Wer von Eltern in dieser Situation statt Traurigkeit einen beschwingten Start in den Selbstfindungstrip und Freude über die zurückgewonnene Freiheit erwartet (was leider für mehr Leute gilt, als man annehmen sollte), steckt wahrscheinlich gerade in seiner ganz eigenen Krise ... 🤔  

Wieso haben so viele Eltern das Empty Nest Syndrom?

Wenn Tochter oder Sohn flügge werden und aus dem elterlichen Zuhause ausziehen, kommen mehrere Dinge zusammen, die insbesondere die Verlassenen in eine Sinnkrise stürzen kann und belastet  – Mütter oft mehr als die Väter.

  • Ende eines Lebensabschnitts: Es ist ja schon nicht leicht loszulassen, wenn das Kind in die Kita, Schule oder Oberstufe kommt. Und auch wenn wir selbst die Schule abschließen, unsere Ausbildung beenden und ausziehen, kann uns das ganz schön zusetzen. Das Ende jeder Ära macht uns knallhart klar, wie flüchtig und vergänglich unser Leben ist. Nur kommt dann in den meisten Fällen ein neuer Abschnitt, der uns schnell wieder glückliche Erlebnisse beschert und von dieser Erkenntnis ablenkt. Wenn unsere Kinder ausgezogen sind, kommt zwar für sie etwas Neues – aber wir bleiben zurück in dem gewohnten Umfeld, in dem jetzt jedoch etwas Bedeutendes fehlt.    
  • Veränderung: Alte Gewohnheiten aufgeben, neue zulassen, sich von lieb gewonnenen Ritualen verabschieden und sie schweren Herzens mit anderen ersetzen. Das ist immer anstrengender als nichts zu verändern. Wenn ein Mitglied des Haushalts wegfällt (und ein Kind ist ja oft das wichtigste), ist plötzlich alles anders – und das in dem privaten Rückzugsort, wo wir uns eigentlich am wohlsten fühlen sollten. 
  • Verlassen werden: ... und das von dem am meisten geliebten Menschen auf der Welt. Auch wenn es etwas Natürliches ist und wir immer wussten, dass unsere Kinder eines Tages ihren eigenen Weg gehen – es fühlt sich nunmal an wie verlassen werden, denn sie gehen weg und wir bleiben zurück.
  • Sorge: Klar machen wir uns Gedanken, wie sich unser Küken in der großen weiten Welt so schlägt. Selbst wenn es ein 20-jähriger Mann ist, der für uns PC-Probleme löst, Schränke repariert und das Auto mal eben aus der Werkstatt holt. Bis hierhin konnten wir unser Kind beschützen und Einfluss nehmen, doch nun muss es selbst Verantwortung für sein Leben übernehmen – während wir hoffen, es ausreichend darauf vorbereitet zu haben ... (wobei wir natürlich nicht aus der Welt sind – der Anruf mit der Frage, wie man Kartoffelpuffer macht oder wo man eine Sozialversicherungsnummer herkriegt, kommt bestimmt ...)    
  • Wegfallen eines Lebensinhalts: Zugegeben, unsere Kinder werden, auch während sie bei uns wohnen, schon immer unabhängiger. Sie fahren allein in den Urlaub, verdienen vielleicht ihr eigenes Geld und nehmen uns wahrscheinlich gar nicht mehr so sehr in Anspruch. Aber solange sie zu Hause sind, sind sie einfach präsent in unserem Leben, haben darin einen festen Platz und nehmen damit auch Raum in unserem Leben ein. Der wird dann mit ihrem Weggang plötzlich frei – und das fühlt sich an wie Leere. 

Was bei Frauen oft noch dazu kommt: Bei vielen fällt der Auszug ihrer Kinder auch noch in die Zeit der Menopause. Ist das der Fall, haben sie gleich die doppelte Belastung (oder potenzierte ...), denn bei der Bewältigung der Wechseljahre steht meist ebenfalls mehr auf dem Programm als eine hormonelle Umstellung. 😓 

Wie kann ich das Empty Nest Syndrom überwinden?

Keine Sorge, solche Syndrome wieder loszuwerden ist ja immer gaaaaanz einfach: Alle Gefühle zulassen, nichts erzwingen, in Ruhe trauern, gegebenenfalls drüber reden und behutsam im eigenen Tempo weitermachen. Im Ernst: Das Wichtigste ist, dass wir uns nicht auch noch schlecht für unsere Gefühle fühlen! Die einen möchten nunmal aus dem frei gewordenen Kinderzimmer sofort ein Heimkino machen, andere können es monatelang nicht betreten. Aber weder sind die einen deshalb schlechte Mütter noch die anderen schwache Menschen.   

Für die meisten Eltern wird es tatsächlich mit der Zeit leichter und sie gewöhnen sich an die veränderte Situation. Es ergeben sich neue Lebensinhalte, sie entwickeln andere Routinen und die Beziehung zum ausgezogenen Kind spielt sich ein. Gerade Mütter und Töchter kommen sich nach so einem Auszug oft sogar eher näher und finden zu einem freundschaftlichen (aber natürlich ganz besonderen) Miteinander. Rituale wie tägliches Telefonieren oder Chatten helfen und tun beiden gut! 

Was in der Phase des akuten Empty Nest Syndroms sonst vielleicht für einige eine gute Idee sein kann, siehst du im Video: Fünf Vorschläge, um gegen Einsamkeit vorzugehen.

5 Maßnahmen gegen Einsamkeit: Ein einsamer Teddy am Meer

Und zuletzt noch ein Gedanke, der uns in unserem Empty Nest ein bisschen trösten sollte: Ein leeres Nest bedeutet nunmal, dass da jemand ist, der jetzt fliegen will. Das erfordert Mut. Und diesen Mut hat dieser Jemand von uns. 💁         

Achtung: Wer das Gefühl hat, seine Trauer alleine nicht bewältigen zu können, sollte sich informieren, ob es vielleicht eine geeignete Selbsthilfegruppe in der Nähe gibt. Im Extremfall kann sich aus dem Empty Nest Syndrom eine Depression entwickeln – und dann ist professionelle Hilfe in Form einer Einzeltherapie angebracht.

Ein guter erster Anlaufpunkt ist die Selbsthilfegruppe "Empty Nest Moms", gegründet von Bettina Teubert. Die Therapeutin und Familienberaterin ist selbst zweifache Mutter – und auch ihre Kinder sind bereits ausgeflogen. 

Übrigens: Beim Empty Nest Syndrom durchlaufen viele ähnliche Stadien wie die vier Trennungsphasen nach dem Ende einer Beziehung. Oft belastet es die Situation auch die Partnerschaft so sehr, dass man sich die Frage stellt "Soll ich Schluss machen?". Dann gilt es insbesondere, sich damit auseinanderzusetzen, um sich im Idealfall neu in den Partner verlieben zu können.

    

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Empty Nest Syndrom: Einsame Frau steht in der Küche und sieht aus dem Fenster
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