Mein Kind kifft - und jetzt?

Was macht die lösungsorientierte Mom, wenn das Kind zu kiffen anfängt? Hart bleiben und Drogen rigoros verbieten? Locker bleiben und mitrauchen? Eine Mutter sucht nach dem richtigen Weg. Ein Experte gibt Tipps.

"Mama, darf ich eine Hanfpflanze haben?" "Nein." "Frederik darf aber. Seine Mutter hat ihm sogar geholfen, die Samen anzuziehen." "Andere Kinder dürfen andere Sachen als du. Nein."

Das große, in Stein gemeißelte NEIN. Seit Jahren eingeübt. Für die wenigen Situationen in meinem Mutterleben, in denen ich mir mal wirklich sicher bin, was ich für richtig halte. Beziehungsweise für falsch. Würde es sich auch diesmal halten können, so wie früher, wenn es um Cola ging oder um Ballerspiele am Computer? Zu Hause hat Timo tatsächlich nie ein Ballerspiel gespielt. Bei seinen Freunden schon. Das sind die Risse im Nein aus Stein. Würde das Nein auch dieses Mal Risse bekommen und Timo zwar zu Hause nicht kiffen, aber bei seinen Kumpels?

"Was will Frederik eigentlich mit den Hanfpflanzen?" Mein Sohn verdrehte die Augen. Wie blöd konnte seine Mutter bitte sein, sollte das wohl heißen. "Also, erst mal möchte er gucken, wie sie wachsen. Und dann vielleicht mal rauchen?" Seine Stimme wurde zum Ende des Satzes leiser und höher. So richtig wohl fühlte er sich bei der Frage nicht.

Die Kinder in der Klasse meines Sohnes waren zu dem Zeitpunkt zwischen 14 und 16 Jahre alt. Von einigen wurde vermutet, dass sie manchmal kifften. Der Hausmeister der Schule hatte sie dabei beobachtet. Eine endlose, vertrackte Geschichte, der ich bisher nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Bei Drogen bin ich kompromisslos

Ich habe wenig Erfahrung mit Drogen. Ich war nie auf einer Rave-Party und habe nie Pillen eingeworfen, um eine Nacht durchzutanzen. Wenn mal ein Joint kreiste, fand ich das eher eklig. Ich habe mal Haschkekse probiert, deren anschließende Euphorie alle möglichen Ursachen haben konnte. Wenn man zwanzig Mal gefragt wird: "Und, merkste was?", dann merke ich alles Mögliche. Mein Kontakt mit Party- und Modedrogen wie MDMA beschränkt sich auf folgende Anekdote: Ich war mit einem Freund auf einer Party verabredet. Er tauchte aber nie auf, weil er in seinem Ecstasy-Rausch jeden Baum, den er unterwegs traf, umarmen musste. Als die Sonne aufging und die Wirkung nachließ, trollte er sich nach Hause und schlief seinen Rausch aus.

Im Laufe der Jahre bin ich im Hinblick auf illegale Drogen immer kompromissloser geworden. Sie stehen für mich mittlerweile auf einer Stufe mit Waffen- und Menschenhandel. Von ihnen profitiert dieselbe Art von Kriminellen. Dazu kommt, dass niemand weiß, was genau er da konsumiert. Mir ist bewusst, dass Alkohol auch schädlich ist. Deshalb würde ich meinem Kind Alkohol weder erlauben noch kaufen. Aber immerhin kann ich mir sicher sein, dass in der Flasche auch das drin ist, was draufsteht. Und ich habe eine ungefähre Ahnung davon, wie es wirkt.

"Endlich wieder geiles Zeug im Haus"

Mein Sohn fand meine Null-Toleranz-Haltung etwas irre. Niemand von seinen Freunden habe eine derart militante Mutter, behauptete er. Das verunsicherte mich. Ich begann, die mir sympathischen Eltern aller Kinder in Timos Alter nach ihrer Einstellung zu fragen. "Kiffen? Finde ich super, endlich wieder geiles Zeug im Haus!", war eine Meinung, die ich häufig hörte. In dem anschließenden Gelächter mochte ich nicht nachfragen, ob das ehrlich gemeint war, oder ob sie glaubten, so cool reagieren zu müssen.

Ein Vater meinte: "Ich habe meinem Sohn gesagt, wenn du mal was rauchen willst, dann komm zu mir. Dann bauen wir zusammen eine Tüte und rauchen gemeinsam. Ich möchte nicht, dass du das schlechte Zeug von der Straße probierst."

Eine Freundin, die in der Drogenambulanz der Uniklinik gearbeitet hatte, warnte vor den Folgen: "Die sind zu jung. Das Krankenhaus ist voll von Kindern mit Drogenpsychose. Auch wenn immer behauptet wird, dass die Psychose nur ausbricht, wenn sie bereits angelegt ist, ist das Gehirn nicht ausgereift genug." Eine andere Freundin erwiderte kurz und bündig: "Das kannst du deinem Kind nicht erlauben, da gibt es Gesetze."

Die häufigste Antwort lautete: "Ach, das ist doch harmlos, das haben wir doch früher auch gemacht!"

Haben wir das? Mit 16? 15? In meiner Klasse war damals ein Junge, der wegen Haschisch vom Internat geflogen war. Damit war er aber ein Exot. Ich fand ihn sehr cool, verwegen und sexy. Seinen Drogenkonsum verstand ich als Protest gegen Eltern, Schule und Staat. Das faszinierte mich zuerst. Umso enttäuschter war ich, als ich merkte, dass er und seine älteren Freunde nur kifften und abhingen. Sie interessierten sich für nichts, machten nichts, dachten nichts. Schon als Jugendliche fand ich das uninteressant.

Die Schule sorgt sich wegen der Kiffer um ihren Ruf

Die Schulleitung lud uns ein zum Sonderelternabend, Thema: Suchtprävention. Inzwischen wurde so offen gekifft, dass die Schule sich um ihren Ruf und damit um die Anmeldezahlen neuer Schüler sorgte. Die Eltern mit eher hoher Drogentoleranz schwänzten den Elternabend. Nur die sehr Ängstlichen und vollkommen Ahnungslosen kamen. "Woran merken wir denn, ob unser Kind kifft oder nur ein Räucherstäbchen angezündet hat?", fragten sie. Also wurden Hanfblätter verbrannt, damit alle den Geruch erkennen können.

"Ein wichtiges Indiz dafür, dass Ihre Kinder kiffen, ist der Besuch des Stadtparks. Wenn sie da hingehen, sollten bei Ihnen alle Alarmglocken schrillen." Wirklich? Der Stadtpark unserer Heimatstadt? Hier trifft sich am Wochenende die Jugend, die zu jung ist, um in einen Klub zu gehen. Hunderte Jugendliche sitzen auf der großen Wiese am See, hören Musik, trinken ein Bier, beschützt von einem Feuerwehr- und einem Polizeiauto, die permanent die Wiese umkreisen.

Außerdem werden die Kinder von einer Reiterstaffel gesichert, und Beamte in Zivil patroullieren auf den Seitenwegen. Manchmal gehe ich dort abends mit meinem Hund spazieren und beobachte das Spektakel. Aber die anderen Mütter hatten ihr Stichwort gefunden. "Neulich wollte unsere Anna in den Stadtpark gehen. Da habe ich ein schönes neues Familienspiel gekauft, und jetzt ist Freitag unser Spieleabend." Träum weiter, dachte ich, und ging genauso ratlos nach Hause, wie ich gekommen war. Vielleicht beneidete ich die andere Mutter auch nur, weil sie noch Kontrolle über ihr Kind hatte.

Pauls Vater raucht mit

Mein Sohn hing jetzt gern bei Paul ab, einem Jungen aus der Parallelklasse, wo sie noch nicht mal heimlich kiffen mussten. Pauls Vater rauchte mit. Wenn alle breit waren, gingen sie zusammen in den Garten und pinkelten gemeinschaftlich in die Blumenbeete. "Das ist gut für die Pflanzen", behauptete dieser Vater, dem ich einen schrecklichen Ausschlag für sein kindisches Verhalten an den Hals wünsche. Warum konnte er sich nicht wie ein Erwachsener benehmen? Warum konnte er den Kindern, wenn er ihnen schon nicht das Kiffen verbieten wollte, wenigstens das Abenteuer allein überlassen?

Timo die Besuche bei seinem Freund zu verbieten, schien mir so unrealistisch, dass ich es gleich sein ließ. "Wir kiffen auch nicht alle", sagte mein Sohn. "Aber hast du eine Ahnung, wie blöd das ist, wenn man da als einer der wenigen sitzt, die nicht mitrauchen?" Dieses Geständnis rührte mich seltsamerweise. Und es beruhigte mich wegen des fehlenden Enthusiasmus.

Wie viel Vertrauen habe ich in mein Kind?

Eines Abends kam ich nach einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt nach Hause. Ich fühlte mich richtig mies. Aus dem Zimmer meines Sohnes quoll eine extrem stinkende Hasch­wolke, die ich auch ohne den Nachhilfeunterricht beim Eltern­ abend als solche erkannt hätte. Ich schickte ihm eine SMS: "Bin total sauer. Zieh sofort aus. Mir egal, wohin."

Sekunden später stand Timo kreidebleich in der Küche und stotterte eine Entschuldigung. Dass das Gras deshalb so stinke, weil es beson­dere Bioqualität sei und völlig unbehandelt. Ich fauchte was von Respektlosigkeit. Kurz darauf schlichen seine Freunde bedröppelt aus der Wohnung. Ich fühlte mich noch schlechter. Versuchte, mit Timo zu reden. Fragte ihn, was er für Drogen kennt. Was er über ihre Wirkung weiß. Welche Wirkung ihn interessiert. Das Gespräch blieb einseitig. "Ist das wirklich ein Thema, über das ich mit meiner Mutter reden muss?", fragte er. Und: "Kannst du mir nicht einfach vertrauen?"

Ich sah mein Kind an. Das Jungsgesicht, in dem ich nicht mehr das Baby sehen konnte, das er mal gewesen war. Ich habe diesem Jungen viel beigebracht, unter anderem, dass es ein in Stein gemeißeltes Nein in unserer Beziehung gibt. Aber ich habe auch viel gelernt, mit ihm, durch ihn. Vertrauen, nur mal zum Beispiel. Mit jedem Baum, auf dem er höher geklettert war, als ich ihn halten konnte, an jedem Tag, an dem er allein mit dem Fahrrad zur Schule fuhr, in jedem Urlaub, in dem er mit anderen verreist war, ohne mich, hatte ich mich darin geübt, ihm zu vertrauen.

Die Argumente kannte er alle

Es war sinnlos, ihn mit meinen Argumenten zu bearbeiten. Er kannte sie alle. Ich würde meine Position nicht aufgeben, aber ich beschloss, sie weniger verbis­sen zu vertreten. Ich würde ihm, ja: vertrauen.

Auch ich kaufte ein Familienspiel. Einfach, um zusammen Spaß zu haben. Ich lud Timo und seine Freunde ins Kino ein. Fuhr die Kinder zum Wakeboarden an einen See. Was ich am wenigsten wollte, war, den Kontakt zu meinem Sohn zu ver­lieren. Ich wollte, dass er mich an den Dingen teilhaben lässt, die ihn bewegen. Ich hatte das Gefühl, dass wir einen guten Draht zueinander haben und offen reden können.

Ich hatte recht. Wir können so offen miteinander reden, dass Timo neulich aus der Schule nach Hause kam und ohne jedes Gewese erzählte: "Du, Mama, Frederiks Hanfpflanzen sind jetzt riesig. Seine Mutter ist ziemlich genervt, weil die so stinken. Sie erlaubt ihm nur noch eine Pflanze. Die anderen muss er verschenken. Darf ich eine nehmen?"

Was sagte der Experte dazu? Interview mit Jugendpsychiater Prof. Rainer Thomasius

Interview mit Jugendpsychiater Prof. Rainer Thomasius

BRIGITTE MOM: Ist Kiffen heute Alltag?

RAINER THOMASIUS: Man kann sagen, jeder zehnte Jugendliche hat schon mal Cannabis probiert, das Einstiegsalter liegt zwischen 14 und 15 Jahren.

Wie verhalten sich Eltern am schlausten?

Wichtig ist, dass Eltern eine klare Position einneh­men. Und diese gemeinsam vertreten. Wir wissen heute: Jeglicher Cannabisgebrauch im Jugendalter sollte unterlassen werden, da er sich nachhaltig ungünstig auf die Hirnentwicklung auswirkt. Er ist verbunden mit dem Untergang von Nervenzellen, Gedächtnisstörungen, Leistungsschwäche, Schwie­rigkeiten der Gefühlskontrolle. Der Eingriff der Cannabinoide in das zentrale Nervensystem ist so komplex, dass gelegentlicher Cannabiskonsum im Jugendalter z. B. weitaus gefährlicher ist als gele­gentlicher Alkoholmissbrauch. So kann selbst bei geringem Gebrauch bereits eine Psychose ausge­löswerden. Cannabis ist ein absolutes No­Go. Das sollten Eltern ihrem Kind auch so sagen.

Woran erkenne ich, dass mein Kind kifft?

Akut an den großen Pupillen und der Rötung der Augenbindehaut. Bei regelmaäßigem Gebrauch lassen die Schulleistungen nach, Hobbys werden unwichtiger, die Kinder kapseln sich ab, haben kein Interesse an gemeinsamen Familienaktivitäten. Eltern kommen nicht mehr an ihre Kinder heran.

Sollte man den Verdacht direkt ansprechen?

Ja, bloß nicht wegschauen. Viel zu viele Eltern hoffen, dass das Kind da rauswächst, aber das ist die falsche Strategie. Man muss im Gespräch bleiben, gucken, in welchem Kontext konsumiert wird und wer mitmacht. Wenn man merkt, dass Regelmäßigkeit vorliegt, raten wir zur Fachhilfe, etwa einem Gespräch mit der Jugendsuchtberatungsstelle.

Wie kann man den Griff zur Tüte verhindern?

Dem Kind viel mitgeben, damit es ein selbstbewuss­tes Leben führen kann. Viel Fürsorge und Gebor­genheit in den ersten Jahren, Anregungen durch Sport, Musik, Bildung. Was die Substanzen angeht, auch bei Zigaretten und Alkohol: kritische Position einnehmen, auch mit dem eigenen Umgang.

Mehr Infos: www.drugcom.de und www.dzskj.de

Text: Anna Simoneit Aus BRIGITTE MOM 2/2015
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