Warum wir unsere Kinder viel mehr loben sollten

Angeblich verdirbt zu viel Lob den Charakter. Unsere Mitarbeiterin Kristina Maroldt will trotzdem nicht aufhören, Komplimente zu verteilen.

Jetzt ist es also raus: Ich bin schuld daran, dass uns bald noch mehr selbstverliebte Egozentriker die Laune vermiesen. So viel Bosheit hättet ihr mir gar nicht zugetraut? Ich mir auch nicht. Doch dann las ich kürzlich von einer Studie der Universität Amsterdam. Die Forscher hatten untersucht, wie Narzissmus entsteht. Ergebnis: Schuld sind vor allem Eltern, die ihre Kinder viel loben. Weil sich solche Kinder auch später für Superman halten und alle mit ihrem Geltungsdrang nerven.

Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Schließlich lobe auch ich meine Kinder mindestens einmal pro Tag, dass ihnen die Ohren klingeln. Etwa wenn wir versuchen, von der Haustür zu unserer Wohnung im dritten Stock zu gelangen. Bis vor einigen Monaten endete das meist mit dem Geheul meines dreijährigen Sohnes, der sich im ersten Stock auf den Boden warf - und mit wil­dem Schimpfen meinerseits, weil ich ihn, seine zweijährige Schwester und den mit Einkäufen gefüllten Rucksack die restlichen Stufen hinaufschleppen musste.

Seit ich meinen Sohn lobe, gibt es kein Geheul mehr

Bis ich eines Tages die Lösung des Problems fand: Ich hatte zufällig die Laufradkünste meines Sohnes gelobt, und siehe da: Er sprintete in den ersten Stock! Ein anerkennendes "Hey, wie schnell!" - er rannte in den zweiten. Dann brauchte es nur noch ein "Guck mal, vor der Woh­nung ist ja noch der tolle Sandhaufen, den du gestern aus deinen Schuhen gekippt hast" - und die letzte Treppe wurde in nie gesehenem Tempo genommen.

Seither lobe ich meine Kinder aus­giebig und regelmäßig - nicht nur den dritten Stock hinauf, sondern auch erfolg­reich in ungeliebte Bodys, Buggys oder Betten hinein. Das Ergebnis: froher Nach­wuchs, frohe Mutter - aber womöglich dramatische gesellschaftliche Folgen?

Eltern sollten Erziehungsstudien ignorieren

Ich grübelte eine Nacht lang über eine mögliche Verbindung zwischen meiner Lust am Loben und dem weltweiten Nar­zissmus. Dann reagierte ich auf die Studie, wie man als Eltern auf die meis­ten Erziehungsstudien reagieren sollte, wenn man nicht irre werden will: Ich ignorierte sie. Zumal ich das Gefühl habe, dass dem Loben derzeit dasselbe Schick­sal droht wie dem Genuss von Kuhmilch: Bis vor Kurzem galt es als harmlos, jetzt soll es schuld sein an allem Möglichen.

Wer seine Kinder lobe, unken Psycho­logen, ziehe nicht nur Narzissten heran, sondern auch Angsthasen. Wer seinen Mitarbeitern Komplimente mache, för­dere Passivität. Überhaupt sei Lob nur sinnvoll, wenn es präzise und leistungs­bezogen erfolge. Wer seine Freude über das Gelingen von Alltäglichkeiten dagegen einfach so hinausposaune, schade der Welt mehr, als dass er ihr nutze.

Nein, nicht mit mir. Ich bin überzeugt: Wir sollten viel mehr loben. Schließlich produziert keine andere Kommunika­tionsform bei Sendern wie Empfängern ein derart kuscheliges Wohlgefühl. Nichts motiviert mehr als ein "Gut gemacht!".

Selbst Verhandlungen verlaufen kon­struktiver, wenn sich die Gegner davor gegenseitig die Bäuche pinseln. Egal, wie unpräzise die Komplimente sind. Ich möchte daher dazu aufrufen, neben dem Weltlach­- auch einen Weltlobtag zu etablieren. Jeder sollte ihn nutzen, das Loben zu trainieren, bis wir es so perfekt beherrschen wie das Meckern über lobende Eltern oder den statt mit Soja­ mit Kuhmilch gemischten Cappuccino. In einer solchen Welt hätten auch Narziss­ten nicht mehr viel zu melden.

Text: Kristina Maroldt Ein Artikel aus BRIGITTE Heft 15/2015

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