Fünf Erziehungsfehler, die zu Arschlochkindern führen können

Arschlochkind? Muss nicht sein.

Das eigene Kind, ein Tyrann? Schreckliche Vorstellung! Sonderpädagogin Katja Seide erklärt, wie Empathie entsteht und welche Erziehungsfehler ihr vermeiden solltet.

Der Text von Katja Seide ist ursprünglich auf ihrem Blog "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn" erschienen. Wir zeigen hier eine gekürzte Fassung. Den ganzen Text lest ihr unter www.gewuenschtestes-wunschkind.de.

1. Die Menschen im Umfeld des Kindes zeigen keine echten Gefühle

Nehmen wir an, ein kleiner Junge haut einem anderen die Schaufel auf den Kopf. Dann ist es kontraproduktiv, wenn wir Großen, obwohl wir wütend sind, mit freundlicher Stimme "Das war nicht schön, Konstantin-Noah!" säuseln und vielleicht dabei noch ein gütliches Gesicht machen.

Es ist kontraproduktiv, weil so das Gehirn des Kindes nicht korrekt abspeichern kann, welche Gefühle beim Gegenüber ausgelöst werden, wenn das Kind haut, freche Sachen sagt oder auch schöne Dinge tut. Um Empathie zu entwickeln, ist eine korrekte Abspeicherung von Aktion-und-Reaktion aber dringend nötig.

Denn: Empathie und soziales Verhalten sind nicht automatisch angeboren. Das Gehirn eine Kleinkindes muss zunächst abspeichern, welche Gefühle es überhaupt gibt. Es speichert auch, welche Mimik und Gestik Menschen normalerweise zeigen, wenn sie diese Gefühle haben. Außerdem wird abgelegt, wie man adäquat auf diese Gefühle reagiert.

Deshalb ist es wichtig, als Erwachsene authentisch zu reagieren, wenn in uns Gefühle aufwallen.

Totales "Ausflippen" der Eltern allerdings ist nicht authentisch. Das Wort wird meines Erachtens zu oft von Erwachsenen missbraucht, die ihre unkontrollierten Wutausbrüche rechtfertigen: "Ich bin doch nur authentisch..." Nein. Einfach nein. Unsere Gefühle liegen in unserer eigenen Verantwortung. Diese Verantwortung abzugeben und einem Kind zu übertragen, ist nicht sehr erwachsen.

2. Die Eltern tun alles dafür, damit die Kinder keine Enttäuschung erleben müssen

Um im Leben bestehen können, müssen Kinder Resilienz entwickeln, das heißt, sie müssen lernen, Rückschläge auszuhalten und zu überwinden, um daraus hinterher gestärkt herauszugehen.

Grundlage dafür sind Selbstwirksamkeit und soziale Resonanz. Erlebt ein Kind von klein auf, dass es Dinge selbst bewirken und schaffen kann, entwickelt es echtes Selbstbewusstsein.

Unser Blog-Liebling:   Katja Seide ist Sonderpädagogin und Danielle Graf arbeitet in der Geschäftsführung eines Unternehmens. Auf ihrem Blog "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn" nehmen sich die beiden alle Themen vor, die andere Mütter ebenfalls wahnsinnig machen: Erziehung, Kindesentwicklung, Gesundheit, Schlaf, Ernährung, Nerven. Ihr Texte sind kompetent, informativ - und herrlich entlastend. 2016 erschien ihr erstes gemeinsames Buch mit dem gleichen Titel wie ihr Blog - das schnell zu einem Bestseller wurde.

Unser Blog-Liebling:

Katja Seide ist Sonderpädagogin und Danielle Graf arbeitet in der Geschäftsführung eines Unternehmens. Auf ihrem Blog "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn" nehmen sich die beiden alle Themen vor, die andere Mütter ebenfalls wahnsinnig machen: Erziehung, Kindesentwicklung, Gesundheit, Schlaf, Ernährung, Nerven. Ihr Texte sind kompetent, informativ - und herrlich entlastend. 2016 erschien ihr erstes gemeinsames Buch mit dem gleichen Titel wie ihr Blog - das schnell zu einem Bestseller wurde.

Bekommt es von den Bindungspersonen zurückgemeldet, dass auch diese daran glauben, dass es Dinge schaffen kann, potenziert sich die Wirkung.

Dabei ist die innere Haltung der Erwachsenen wichtiger als ihre Worte. Es ist eindrücklicher, wenn Eltern ängstlich das kletternde Kind festhalten, als wenn sie sagen: "Du schaffst das!" Im kindlichen Gehirn zurückbleiben würde dabei das mulmige Gefühl, das Klettern nur mit Hilfe meistern zu können.

Es ist also wichtig, Kinder von Anfang an in kleinerem Maße scheitern zu lassen. Es ist ungünstig, alle Hürden aus dem Weg eines Kindes zu räumen, weil der Frust, etwas noch nicht zu schaffen, die innere Motivation ankurbelt, über sich selbst hinauszuwachsen.

Verhindern die Eltern das immer wieder, entstehen lebensuntüchtige Menschen, die schon an kleinen Rückschlägen zerbrechen oder Dinge gar nicht erst angehen, aus Angst, zu versagen.

3. Die Eltern bieten Ersatzbefriedigung statt echtem Trost an

Geht etwas schief und die Eltern bieten dem Kind ein kleines Geschenk als Trostpflaster, befriedigen sie damit nur das faule Basissystem des kindlichen Gehirns. Dieses mag schnelle Bedürfnisbefriedigung, weil dadurch eine Art Belohnungshormon ausgeschüttet wird.

Lernt das Kind also von seinen Eltern, sich bei Schmerz mit "schönen Dingen" abzulenken, erlernt das Gehirn keine Resilienz, sondern sich auf Ersatz zu stürzen: Essen, Trinken, Kaufen, Videospiele etc.

Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Trost durch Zuwendung und dem Trost durch Ablenkung. Bei echtem Trost fühlt sich der Mensch wahrhaftig gut und erleichtert. Unechter Trost ist eine Ersatzbefriedigung - seine Wirkung verpufft schnell, deshalb braucht der Mensch immer wieder mehr davon. Es ist okay, wenn Eltern darauf ab und zu zurückgreifen - ich tue das auch -, aber ihnen sollte bewusst sein, dass es nur ein Lückenfüller ist. Besser ist es, Kinder in den Arm zu nehmen und in ihrem Schmerz zu begleiten.

4. Die Eltern verhalten sich unberechenbar

Als ich im Kindergarten war, hatte ich eine beste Freundin, Anja. Ich liebte sie sehr. Was mich jedoch belastete, war der Terror, der von ihren Eltern ausging. Man konnte nie wissen, wie sie reagieren würden. Mal waren sie supernett und überhäuften uns mit Süßigkeiten. Oft jedoch, meist aus heiterem Himmel, wurden sie wütend und schmissen mich raus. Nie wusste ich, was wir falsch gemacht hatten. Ein falsches Wort, ein falscher Blick, und schon suchte man besser das Weite. Sehr oft kam es vor, dass mir Anja tränenüberströmt die Tür öffnete und den Kopf schüttelte, wenn ich mit ihr spielen wollte.

Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Struktur und Ordnung in ihrem Leben. Können sie über einen längeren Zeitraum nicht voraussehen, wie ihr Tag ablaufen wird, geraten sie in Stress und erkranken.

Das Gleiche gilt für das Verhalten von Eltern: Es muss eine Struktur aufweisen, die für ein Kind entschlüsselbar ist, so dass es weiß, woran es ist und sich an dieser klaren Struktur orientieren kann. Sie gibt ihm Verhaltenssicherheit.

Ich sehe die Schüler an meiner Schule, die von der Gesellschaft den Stempel "verhaltensauffällig" aufgedrückt bekommen haben und weiß, dass viele von ihnen ebenso unberechenbare Erwachsene in ihrem Leben haben.

Wenn es wirklich so gar keine Anhaltspunkte dafür gibt, wie sich die eigenen Eltern im nächsten Augenblick verhalten werden, dann kann ein Kind nicht gesund aufwachsen - es wird die Regeln für ein "normales" Miteinander nicht verinnerlichen, sondern ebenso unberechenbar reagieren und damit in Kita und Schule anecken.

5. Die Eltern übergehen das "Nein" der Kinder einfach

Dazu ein Beispiel: Ich denke, 100 Prozent der Eltern stimmen zu, wenn man sie fragt, ob das "Nein" einer Frau beim Sex wirklich "Nein" heißen sollte. Wir alle wollen unsere Kinder in diesem Sinne erziehen, niemand von uns wünscht sich, dass sein Sohn einmal eine Frau gegen ihren Willen berührt.

Aber wie viele Eltern bringen ihren Kindern unbewusst genau das Gegenteil bei? Denn was lernt denn ein Kind, das "Nein" sagt und dann trotzdem tun muss, was die Eltern sagen? Es lernt, dass der Stärkere entscheidet, wann ein "Nein" wirklich "Nein" bedeutet.

Das "Ich meine es doch nur gut mit dir!" der Eltern ist nicht so weit entfernt vom "Du willst es doch auch!" des Vergewaltigers.

Ich habe einmal, als meine Töchter noch klein waren, einer von ihnen gegen ihren Willen die Zähne geputzt. Ich war wirklich der Überzeugung, es müsse sein, es wäre zu ihrem eigenen Besten. Doch sie wehrte sich, als ginge es um ihr Leben. Sie schrie und strampelte, ich musste sie mit aller Kraft festhalten. Es fühlte sich an, als würde ich sie vergewaltigen!

Als ich das merkte, ließ ich sie los und schwor mir, sie nie, nie wieder so übergriffig zu behandeln. Ich realisierte, dass sie nicht lernen kann, dass ihr "Nein" etwas wert ist, wenn nicht einmal ihre engste, liebste Person auf der Welt darauf hört.

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen wir Eltern auch über die Neins unserer Kinder hinweggehen müssen. Wirft sich ein Zweijähriger mitten auf die Straße, weil er nicht weitergehen will, ist es überhaupt keine Frage, dass der Vater ihn zur Sicherheit hochheben und wegtragen muss.

Eltern müssen und dürfen "beschützende Macht" über unsere Kinder ausüben. Notfalls auch mittels körperlicher Überlegenheit. Aber wie oft kommen solche Situationen vor? Und wie oft übergehen wir das Nein unserer Kinder einfach aus Bequemlichkeit oder Zeitnot?

Fazit

Die Lehre, die ihr aus diesem Artikel ziehen solltet, ist, dass ihr gute Eltern seid. Eure Kinder sind weder "Tyrannen" noch "Arschlöcher" - auch, wenn sie sich vielleicht dann und wann unmöglich benehmen. Es ist eigentlich ganz einfach: Sie müssen lernen, sich in andere hineinzuversetzen, sie brauchen Empathie, Liebe, Fürsorge, echten Trost. Sie müssen ab und zu auf die authentische Grenze eines anderen stoßen und dann dazu angehalten werden, diese einzuhalten. Das ist schon das ganze Geheimnis guter Erziehung.

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