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Fehlgeburt verarbeiten "Gestern habe ich erfahren, dass das Baby in meinem Bauch tot ist"

Fehlgeburt verarbeiten: Schatten einer Frau
© Phaprae / Shutterstock
Rosa Koppelmann weiß, wie sich eine Fehlgeburt anfühlt. Sie musste sie zwei Mal erleben. Mit ihrem Buch "Vertrauen nach Fehlgeburt" möchte sie Frauen nun helfen, selbstbestimmt durch die schwierige Zeit zu gehen.

Fehlgeburt – das ist dieses kleine, mächtige Wort, mit dem sich die meisten Menschen lieber gar nicht erst befassen. Es sei denn, sie müssen es. Laut Berufsverband der Frauenärzte endet mehr als jede dritte Schwangerschaft vor der 12. Woche in einer Fehlgeburt. Trotzdem wird wenig darüber gesprochen, was der plötzliche Abgang mit einer Frau macht. 

So stehen viele Menschen bei einer Fehlgeburt plötzlich hilflos da, überfordert und überwältigt von den Gefühlen und Entscheidungen, mit denen sie plötzlich konfrontiert werden. Hier möchte Rosa Koppelmann helfen. Sie weiß, wie man sich fühlt, wenn eine Schwangerschaft plötzlich endet. Bereits zwei Mal musste sie eine Fehlgeburt durchleben. Sie hat ihre schmerzhaften Erfahrungen in etwas Positives verwandelt: in einen Ratgeber für eine selbstbestimmte Zeit, der Frauen helfen soll, sich und seinem Körper wieder zu vertrauen. 

Rosa Koppelmann - Vertrauen nach Fehlgeburt: Cover
© Palomaa Publishing / PR

Hier veröffentlichen wir einen Auszug auf ihrem Buch "Vertrauen nach Fehlgeburt", in dem Rosa Koppelmann von ihrer ersten Fehlgeburt berichtet.

Tagebuch meiner ersten Fehlgeburt

29. Juni 2017
Gestern habe ich erfahren, dass das kleine Baby in meinem Bauch tot ist. Ich war in Schwangerschaftswoche zwölf+1, als mir gesagt wurde, dass sie (ja, ich denke es war eine sie) nur die Größe eines sechs Wochen alten Fötus hat.
Ich war geschockt.
Gar nicht so sehr, weil mein Baby tot ist, sondern weil ich mich so sicher gefühlt habe, dass ich schwanger bin! Ich hatte absolut keinenZweifel daran, dass alles in Ordnung ist und dass das kleine Wunder in meinem Bauch unsere zweite wundervolle Tochter werden wird.
Als ich herausgefunden habe, dass dies nicht der Fall ist, ist meine Welt zusammengebrochen.
Mein Mann und ich liefen von der Frauenarztpraxis nach Hause, beide mit tränenden Augen und unterwegs trafen wir eine Frau, die in unserem Lieblingscafé arbeitet und die wir daher lose kennen. Da man uns ansah, dass nicht alles in Ordnung ist, erzählten wir ihr, was passiert ist. Und sofort erzählte sie uns, dass einer Freundin von ihr gerade genau das Gleiche passiert ist und dass sie so viele Frauen kennt, die auch eine Fehlgeburt erlebt haben.
Als ich wieder zu Hause war, recherchierte ich im Internet und fand heraus, dass tatsächlich mindestens jede fünfte Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet! Entweder vor der zwölften Woche oder sogar vor der fünften Woche (sodass man quasi gar nicht mitbekommt, dass man überhaupt schwanger war und die Periode einfach etwas später einsetzt).
Und obwohl so viele Frauen eine Fehlgeburt erleben, spricht kaum jemand darüber!
Daher habe ich mich entschieden, darüber zu reden. Ich habe meine kleine Tochter verloren. Ich habe sie geliebt und ich habe an sie geglaubt, auch wenn ich sie nur 13 Wochen in meinem Bauch getragen habe.
Heute musste ich mich entscheiden, ob ich mich einer Ausschabung unterziehen möchte oder ob ich eine „Stille Geburt“ haben möchte – so nennen sie es, wenn man das circa einen Zentimeter kleine, tote Baby zu Hause natürlich gebärt.
Das Baby in meinem Bauch ist vermutlich seit circa fünf Wochen tot, vielleicht erst seit drei, vielleicht auch schon seit sechs. Niemand weiß das genau. Bisher hat mein Körper nicht darauf reagiert. Ich habe mich auch im letzten Monat immer noch schwanger gefühlt und hatte sogar die üblichen Schwangerschaftssymptome. Ich denke, das war so, weil ich absolut fest an das Leben meiner kleinen Tochter geglaubt habe. So sehr, dass ich ihr gar nicht erlaubt habe, meinen Körper zu verlassen. Gestern, als ich erfahren habe, dass sie nicht lebt, habe ich vor allem gehofft, dass sie meinen Körper auf natürliche Art und Weise verlassen wird. Dass ich es schaffe, ihr zu erlauben, zu gehen. Ich möchte nicht, dass irgendein Arzt an meiner Gebärmutter herumkratzt (was ja auch gefährlich sein kann, da die Gebärmutter dabei leicht Schaden nehmen kann). Und so redete ich zu meinem kleinen toten Baby und zu mir selbst und fing tatsächlich noch nicht einmal 24 Stunden nach dem Frauenarzttermin an, zu bluten! Bisher erst wenig, aber ich hoffe, es wird noch mehr.
Gestern früh fühlte ich mich noch 100 Prozent schwanger und es gab kein Anzeichen für eine Fehlgeburt. Dann sagte mir die Frauenärztin, dass mein Baby tot ist und sofort begann mein Körper, darauf zu reagieren und so wie es aussieht, ist er jetzt bereit, den Fötus loszulassen.
Ich bin absolut beeindruckt davon, wie stark mein Glaube ist und wie ich durch meinen Glauben tatsächlich komplett unter Kontrolle habe, ob dieser Fötus in meiner Gebärmutter bleibt oder nicht.
Mal sehen, wie es weitergeht.
2. Juli 2017
Dann ging es plötzlich sehr schnell!
Es war am Mittwoch Nachmittag um 15 Uhr, als ich erfahren habe, dass mein Baby nicht mehr lebt. Ich weinte, rief meinen Mann an und er kam, um mich abzuholen, wir gingen zu Fuß nach Hause und redeten stundenlang über alles, was passiert war. Wir entschieden uns, dass wir unser totes Baby auf natürliche Art und Weise gehen lassen möchten, kein Krankenhaus, keine OP, nur wir und das Baby.
Dieses Baby war also ungefähr fünf Wochen lang tot in meinem Körper und fünf Wochen lang gab es kein Anzeichen dafür, dass es da raus möchte. Dann habe ich erfahren, dass es tot ist und ich habe entschieden, es natürlich gehen zu lassen – und genau 24 Stunden später fing ich an, zu bluten!
Nicht einmal 48 Stunden später gab es keinen Fötus mehr in meiner Gebärmutter!
Die Nacht zwischen Donnerstag und Freitag war wahrscheinlich eine der intensivsten Nächte meines Lebens. Am Donnerstag Abend hatte ich Unterleibschmerzen und ging früh ins Bett. Es fiel mir schwer, einzuschlafen, da die Schmerzen immer stärker wurden. Sie fühlten sich an wie Wehen. Irgendwann schlief ich doch ein, aber wachte bereits eine Stunde später wieder auf: dieses Mal mit starken Wehen. Ich ging ins Bad, um zu schauen, wie viel Blut ich verliere.
Auf dem Weg zurück ins Bett waren die Schmerzen so stark, dass ich kurz ohnmächtig wurde. Für einen kurzen Moment fand ich mich an einem Bahnhof wieder, wo Menschen in alle Richtungen liefen. Neben mir stand ein alter Mann und fragte mich, wo ich jetzt hinwollte. Aber bevor ich antworten konnte, war ich schon wieder bei Bewusstsein und sah meinen Mann verwirrt an. Da ich das schon von mir kenne, dass ich schnell ohnmächtig werde, habe ich mir keine großen Sorgen darüber gemacht. In der Pubertät wurde ich jedes Mal, wenn ich meine Tage bekam, ohnmächtig. Das ging dann später weg, und war, als würde es in diesem Moment kurz wiederkommen.
Mein Mann trug mich wieder ins Bett. Das war um 2 Uhr morgens. Von 2 Uhr bis 5 Uhr hatte ich starke Wehen und blutete viel. Um 5 Uhr konnte ich endlich wieder einschlafen und schlief bis 7 Uhr. Als ich aufwachte, ging es mir gut. Die Wehen waren weg und ich hatte nur noch leichte Unterleibschmerzen, wie wenn ich meine Tage habe.
Die gesamte Nacht hindurch und auch am Morgen konnte ich nur eines denken: dass ich so unendlich dankbar dafür bin, wie perfekt mein Körper funktioniert!
Und selbst jetzt bin ich zwar traurig über meinen Verlust, na klar, bin ich das. Mein Mann und ich, wir weinen jeden Tag. Aber das überwiegende Gefühl ist eines von Dankbarkeit. Dankbarkeit für meinen perfekten Körper. Ich weiß, das mag für viele komisch klingen, aber so geht es mir gerade.
In ein paar Tagen werde ich meine Hebamme treffen und mit ihr noch einmal über alles reden, was passiert ist und darauf freue ich mich sehr. Mit anderen darüber zu reden und kein Geheimnis daraus zu machen, hat uns in den letzten Tagen so viel geholfen! Je mehr wir darüber reden, desto normaler wird es, weil es einfach ein Teil unserer Lebensgeschichte wird.
Eine Fehlgeburt ist nichts, wofür wir uns schämen müssten oder schuldig fühlen sollten. Es ist etwas, das in mindestens 20 Prozent aller Schwangerschaften passiert.
Das macht es zwar nicht weniger traurig, aber es macht es so viel einfacher, damit umzugehen!
28. Juli 2017
Jetzt ist es einen Monat her. Manchmal fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen. Manchmal fühlt es sich an, als wären Ewigkeiten vergangen, seit ich mein geliebtes Baby verloren habe.
Seit meiner Fehlgeburt habe ich mit vielen Frauen geredet, die das Gleiche erlebt haben wie ich. Ich musste feststellen, dass ich die einzige bin, die ihr totes Baby in Ruhe zu Hause auf die Welt bringen durfte. Viele der Frauen, mit denen ich mich unterhalten habe, berichteten, dass sie nicht gerade mit Empathie im Krankenhaus behandelt wurden und dass sie während des gesamten Aufenthalts nur geweint haben. Nicht einfach nur, weil sie ihr Baby verloren haben, sondern auch auf Grund der Art und Weise, wie sie behandelt worden waren. Nicht wie Frauen, sondern wie Objekte. Eine Frau erzählte mir, dass ihr nicht einmal erzählt wurde, dass sie die Möglichkeit hat, ihr totes Baby natürlich auf die Welt zu bringen und dass sie die ganze Zeit (und immer noch) das Gefühl hat, dass ihr Baby ihr weggenommen wurde.
Wenn ich diesen Geschichten lausche, dann fühle ich noch mehr Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass ich meinen emotionalen Schmerz auch physisch in meinen Wehen spüren durfte. Dankbarkeit dafür, dass ich nicht das Gefühl habe, dass mir jemand etwas weggenommen hat, sondern viel eher das Gefühl, dass mein Körper gemerkt hat, dass „das hier nicht funktioniert“ und darauf reagiert hat. Dankbar dafür, dass ich mich von meinem Baby verabschieden durfte, während ich es aus meinem Körper herausblutete. Dankbarkeit dafür, dass ich meinem Körper vertrauen kann.
Auf der anderen Seite bin ich wirklich sehr traurig. Traurig darüber, wie Frauen häufig von Ärzten behandelt werden. Es wird ihnen nicht gesagt, dass sie in ihre wundervollen Körper vertrauen können und dass alles in Ordnung ist, so wie es ist. Stattdessen werden sie ins Krankenhaus geschickt, so als wären sie krank – als wäre das Baby etwas Gefährliches, das man möglichst schnell entfernen muss.
Daher möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig es ist, dass wir Frauen auf unsere Körper vertrauen. Sie wissen am besten, was gut für uns ist! Lasst uns gut auf unsere Körper achten – dann machen sie all die großartige Arbeit allein.
Das Leben ist so viel schöner, wenn man an sich selbst glauben kann und daran, dass alles einen höheren Sinn hat. Es ist so viel schöner, wenn man dankbar ist, auch wenn es manchmal schwierig ist."

Buchauszug: Rosa Koppelmann: Vertrauen nach Fehlgeburt – Selbstbestimmt und kraftvoll durch eine herausfordernde Zeit, Palomaa Publishing 2020, 25 Euro

Fehlgeburt: Ausschabung oder still gebären? Alles, was du darüber wissen musst, erfährt du hier.


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