Vergeblicher Kinderwunsch: "Warum?! Was habe ich verbrochen...? Bin ich schuld?!"

Sie hatte sich so sehr ein Kind gewünscht. Franziska Ferber musste ihren Kinderwunsch aufgeben. Hier erzählt sie von ihrem Weg, mit den damit verbundenen Selbstzweifeln umzugehen.

"Für die meisten Menschen in unserem Land ist es 'normal', ein Kind zu bekommen und eine Familie zu gründen. Für ungewollt Kinderlose ist genau das jedoch alles andere als normal; im Gegenteil. Es ist eine tiefe Sehnsucht, die sie antreibt, und jeder Tiefschlag bringt die Grundfesten – und schließlich auch oft das Selbstvertrauen – mehr und mehr ins Wanken. 

Wer sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich schwanger zu werden, der hat jede Unterstützung verdient. Tatsächlich quälen Einen aber – neben den körperlichen Belastungen – oft genug die eigenen gruseligen Gedanken und die bitteren Ratschläge, die an einen herangetragen werden. 

Mein Name ist Franziska Ferber und ich war selbst lange Jahre in der Kinderwunschbehandlung. Ich musste lernen, dass selbst eine 20-pro­zen­tige Erfolgswahrscheinlichkeit bedeutet, dass es zu 80 Prozent nicht klappt. Ich gehöre zu diesen 80 Prozent. Ich habe – trotz aller Anstrengungen – kein Kind bekommen. 

"Ich möchte Frauen in dieser schweren Zeit begleiten"

Früher habe ich als Unternehmensberaterin gearbeitet. Nachdem sich mein Kinderwunsch nicht erfüllt hat, ließ ich mich zum systemischen Coach ausbilden und habe mich darauf spezialisiert, als Kinderwunsch Coach Frauen in dieser schweren Zeit zu begleiten und zu unterstützen.

Es ist an der Zeit, mit den gruseligen Gedanken aber auch den bitteren Ratschlägen aus dem Umfeld (aber leider auch oft genug von Ärzten) aufzuräumen. Es ist Zeit, dass diese Frauen Unterstützung, Wärme und Mitgefühl erfahren und Trost finden!

Darum habe ich über meine Erlebnisse in der Zeit der Kinderwunschbehandlung und meine Erkenntnisse aus dieser Zeit zwei Bücher geschrieben: "Unsere Glückszahl ist die Zwei" und jetzt "Mutig durch den Kinderwunsch".  

In diesem Auszug aus meinem Buch geht es um die Selbstzweifel, die viele Menschen quälen, wenn ihr Kinderwunsch sich trotz aller Mühen und Versuche nicht erfüllt: 

"Warum?! Was habe ich verbrochen...? Bin ich schuld?!“

Nein, Du bist nicht schuld. Nein, Du hast nichts verbrochen. Punkt.

Es gibt keine Antwort auf diese Frage.

Was auch immer Du bisher in Deinem Leben getan (oder auch nicht getan) hast – es gibt keine Garantie, dass man ein Kind bekommen darf. 

In meiner Welt heißt die Gleichung: Wenn es keine Garantie auf Erfolg gibt und auch nicht geben kann, dann trägst auch Du keine Schuld.

Wir Menschen brauchen in der Regel Gründe, um das, was wir auszuhalten haben, leichter hinnehmen zu können. Mit einem Grund tun wir uns viel leichter, das zu akzeptieren, was unabänderbar so ist, wie es ist.

Nur leider ist es beim Kinderwunsch nicht immer so, dass es einen Grund gibt. Und das liegt auch daran, dass die Reproduktionsmedizin und die zugehörige Forschung eigentlich noch eine sehr neue medizinische Disziplin ist. 1978 kam das erste Kind mittels künstlicher Befruchtung auf die Welt – das ist noch nicht lange her. In anderen medizinischen Bereichen hat man ein viel längeres und tieferes Verständnis von den Zusammenhängen; in der Reproduktionsmedizin gibt es, so scheint es mir, noch mehr unbekannte als bekannte Faktoren. Manchmal weiß man, woran es liegt. Manchmal weiß man es nicht. Und das macht es so schwer. 

Wer einen Grund für Etwas kennt, hat damit unter Umständen dann auch Möglichkeiten zum Handeln. Ich habe innerlich schon oft gedacht, dass ich im Grunde jeder Frau ein "Mini-Mini-Diagnöschen" wünschen würde (Achtung, Konjunktiv 🙂). 

Ich denke oft: Am Besten wäre es vermutlich für die Psyche, wenn es mit einer kleinen Pille, die nebenwirkungsfrei einnehmbar ist, zu beheben wäre ... deren Wirkung aber gleichermassen all’ das Zurückliegende erklärt und einen Haltepunkt für die Seele, für das erlittene Leid bieten könnte. Ja, ich glaube, das wäre in vielen Fällen Balsam für die geschundene, leidende Seele. 

Für alle Frauen, die keinen Grund kennen, ist die Frage nach dem WARUM übermächtig. Sie ist voller Zweifel – und auch voller Selbstzweifel. Diese Frage erfasst die tiefste Werteebene – auch, weil wir als Gesellschaft ein starkes Gerechtigkeitsempfinden haben. Und sie aktiviert die Suche nach der sprichwörtlichen "Nadel im Heuhaufen". 

Man denkt "es MUSS doch einen Grund geben – oder zumindest ETWAS, das man TUN kann?!". 

Und so kommt man immer weiter hinein – und wird es immer schwerer, aufzuhören. Weshalb? Weil man befürchtet, auf seiner Suche kurz vor dem einen Element, der einen Methode, dem einen Mittel zu stehen, welches dann "den Durchbruch" bringt. In der Betriebswirtschaft (Verzeihung!) nennt man das "sunk costs" – wer schon so viel getan hat, geht den eingeschlagenen Weg weiter; oft genug wider besseres Wissen. 

Solange man beim Umgang und Aushalten des Kinderwunsches sich selbst fragt, wo die eigene Schuld liegt ... so lange suchen wir, glaube ich, im falschen Wasser nach dem Fisch.

Okay ... Perspektivenwechsel:

Wenn jemand leichtsinnig in Schwierigkeiten kommt, bewerten wir das in der Regel anders, als wenn jemand unverschuldet in Not gerät. Wer in Not gerät, stellt sich automatisch auch Gerechtigkeitsfragen. Und sucht nach seinem Beitrag. 

Mediziner sagen, dass es Faktoren gibt, die einen positiven bzw. negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit und die Chance auf eine gesunde Schwangerschaft haben. Ohne Zweifel. 

Im Umkehrschluss bedeutet das für mich aber nicht, dass Du schuldig an dem bist, was Du erlebst und auszuhalten hast.

JA, es ist ungerecht, dass die Einen schwanger werden und Andere nicht. Und ja, die Ungerechtigkeit nimmt zu, wenn man selbst doch Alles dafür tut, beste Voraussetzungen zu schaffen.

Die Frage nach dem WARUM ist übermächtig und nicht zu beantworten.

Ist es Schicksal? Ist es Zufall? Ist es Gott-gewollt?

Wie auch immer Deine persönliche Sicht darauf ist: So oder so ist es schwer auszuhalten, grundlos kinderlos zu sein. 

Eine Antwort wird es – möglicherweise? wahrscheinlich? - nie geben. 

Ab einem gewissen Punkt auf der Kinderwunsch-Reise kann es helfen, innerlich das WARUM durch ein WOZU oder WOFÜR zu ersetzen. Aber dazu muss man auf seinem Kinderwunschweg auch erst einmal an dem Punkt sein, an dem man so mutig ist und sich traut, sich zu fragen, wie ein kinderloses (aber eben doch auch zufrieden machendes!) Leben aussehen könnte.

Ich wünsche Dir, dass Du Deine Antworten finden kannst!"

***

Franziska Ferber - "Mutig durch den Kinderwunsch – Über den Umgang mit gruseligen Gedanken und bitteren Wahrheiten"

"Mutig durch den Kinderwunsch" liefert unverblümte Aussagen und Gedanken aus meinem eigenen Erleben der Kinderwunschzeit und aus meiner Coaching-Praxis. Dieses Buch soll Seelentröster, Mutmacher und Kraftspender sein – liebevolle Inspiration, an Hand derer sich Betroffene Gedanken über den eigenen Weg und Umgang mit der Kindersehnsucht machen können."

Als Taschenbuch und eBook/Kindle bei Amazon erschienen.

Hinweis der Autorin: 

"Dieses Buch beinhaltet meine persönlichen Erfahrungen. Ich bin keine Ärztin, sondern ausgebildeter systemischer Coach. Somit beinhaltet dieses Buch keine medizinischen Empfehlungen. Meine Erfahrungen und Impulse setzen darauf, dass die betroffene Person in der Lage ist, selbstbestimmt zu agieren. Somit ersetzen die Impulse in diesem Buch in keiner Weise eine psychologische Begleitung und Beratung und beinhalten keinerlei Heilsversprechen. Wenn Du merkst, dass Du in einem besonderen Maße belastet bist oder in eine Depression rutschst, suche bitte umgehend psychologische Unterstützung auf."

mh
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