Freizeitplanung fürs Kind: "Schluss mit dem WhatsApp-Gruppenzwang!"

Wie haben Eltern eigentlich die Freizeitplanung ihrer Kinder erledigt, als es noch keine WhatsApp-Gruppen gab? Brigitte MOM-Autorin Hannah Conradt ist schwer genervt.

Ich gehöre nicht zu denen, die die Vergangenheit verklären und glauben, Mütter früherer Generationen hätten es in irgendeiner Form besser gehabt als ich. Aber doch, es gibt eine Sache, um die ich meine eigene Mutter beneide: Sie musste meine kindliche Freizeitplanung nicht über WhatsApp-Gruppen organisieren.

Den ganzen Tag nur PLING!

PLING! Leonard kann nicht zum Training kommen, dicke Mandeln! Es gibt eine Gruppe für die Eltern der Schulklasse, in der vor allem Hausaufgaben ausgetauscht werden. Eine Fahrgemeinschaftsgruppe, PLING! Hat einer von Euch Jonas Stutzen eingesteckt beim letzten Training?, eine Gruppe, in der nur die Eltern der besten Kumpels drin sind sowie die Gruppe aller Eltern der Fußballmannschaft. PLING! Ist überhaupt Training bei dem Wetter? Ozonwerte extrem hoch heute!

Den ganzen Tag plingt mein Telefon, weil es in diesen diversen Gruppen immer was zu regeln gibt. In den seltensten Fällen betrifft das alle Gruppenmitglieder.

PLING! Henning fragt, ob Sascha morgen Nachmittag Zeit hat? Finde grade die Nummer nicht. Trotzdem wird fast nichts mehr bilateral zwischen zwei Eltern geklärt. Vorbei die Zeit, als es Telefonlisten gab, die am Kühlschrank hingen, so dass man ganz einfach nur den anrufen konnte, von dem man auch tatsächlich etwas wollte. Aber anrufen tut ja auch keiner mehr.

PLING! Wer bringt noch mal Nudelsalat mit beim Heimspiel am Samstag? Brauchen wir Brot? Früher galt eine Telefonkette schon als maximale Eskalationsstufe der Gruppenkommunikation, heute ist den ganzen Tag über WhatsApp-Konferenz mit drei Dutzend Teilnehmern. Klar, ich könnte mein Telefon leise stellen und einfach nicht mehr hingucken.

PLING! Training fällt aus heute, Trainer hat Magen-Darm! Aber dann würde ich ja auch die wenigen wichtigen Nachrichten verpassen, die tatsächlich relevant für mich sind.

Bitte lasst die Sprachnachrichten sein

Es hilft nichts, jedes Mal, wenn mein Telefon plingt, muss ich drauf sehen, um aus den unzähligen Nachrichten, die über den Tag einlaufen, die ein bis zwei wichtigen herauszufiltern. PLING! Wäre schon super, ihr könntet das Training bisschen früher absagen, Mika ist jetzt schon auf dem Weg!

Erste Eltern fangen an, nur noch Sprachnachrichten in die Gruppe zu schicken. Ich möchte sie eigenhändig erwürgen, denn nun muss ich mir den Kram anhören und kann nicht mit einem schnellen Blick die Nachrichten überfliegen.

PLING! Schöne Grüße aus Thailand, Ole vermisst seine Fußballjungs und freut sich, bald wieder beim Training zu sein. Ho! He! FCB! Und was ist aus der guten alten Postkarte geworden? Muss man wirklich Urlaubsgrüße an WhatsApp-Gruppen schicken, die voller Menschen sind, die gerade NICHT Urlaub in Thailand machen können? Weil sie arbeiten müssen, nur leider kaum dazu kommen, weil den ganzen lieben langen Tag ihr Telefon klingelt?

Hilfe! Kann bitte mal jemand das Wesentliche zusammenfassen?

PLING! Mädels, hab später noch Friseurtermin, bis heute Abend! Hä? Was soll das? PLING! Sorry Leute, falsche Gruppe! Ach so. Mindestens einmal am Tag muss ich dem Impuls widerstehen, entweder Unflätiges in die nervigste WhatsApp-Gruppe zu schicken oder wenigstens höflich darum zu bitten, sich auf Wesentliches zu beschränken, das wirklich jeden in der Gruppe betreffen oder zumindest interessieren könnte. Und bitte, oh bitte, keine sinnlosen Lachtränen-Smileys mehr!

PLING! Ich bring zum Grillfest Tofuwurst und Grillkäse mit. Was ich brauche, ist ein Ghostwriter. PLING! Cool, danke! Oder einen WhatsApp-Gruppen-Kurator. PLING! Von uns auch danke. Echt stark! Jemanden, der den ganzen Kram für mich liest und die wirklich sehr wenigen wichtigen Nachrichten rausfiltert. Und im Zweifel in meinem Namen irgendetwas Besonnenes zurückschreibt. PLING! Danke. Veggiewurst fehlt sonst ja immer. Jemanden, der all die vermeidbaren Gruppendiskussionen verfolgt und mich am Ende nur noch knapp über das Ergebnis informiert, so dass ich weiß, welcher der vielen diskutierten Grillplätze von der Mehrheit nun für das Sommerklassenfest ausgewählt wurde. PLING! Soja macht die Regenwälder kaputt, wollte ich noch mal sagen, ihr Tofufaschisten! Jemanden, der den Überblick und die Nerven behält, denn in einer Welt, in der wir ohnehin im permanenten Nachrichtenstrom schwimmen, ist jede substanzlose WhatsApp-Nachricht eine zu viel. Sonst werde ich in meiner Verzweiflung irgendwann nur noch eine finale Nachricht in mein Smartphone tippen können: PLING! Hannah Conradt hat die Gruppe verlassen.

Ein Artikel aus der aktuellen BRIGITTE MOM (04/18)

Wer hier schreibt:

Hannah Conradt
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Freizeitplanung fürs Kind: Frau trägt Kind im Arm und schreibt am Smartphone
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