"Zu Hause malst Du doch auch nicht die Wand an"

Jede Mutter fragt sich irgendwann: Darf ich fremde Kinder maßregeln? Autorin und Bloggerin Nina Massek über den Eiertanz zwischen Imagepflege und nackter Wut.

"Und jetzt Essen! Aber nur Toastbrot in Weiß und OHNE Rand." "Also ich hätte noch Zwieback. Wie wäre das denn, Paul....?" "Menno, Ihr habt immer nur Sachen, die ich nicht mag."

Ein "Playdate" bei uns zu Hause. Mit Paul. "Toastbrot-Paul" ist der Freund meines Sohnes Sebastian und eine Herausforderung. Er hat weder Manieren drauf, noch respektiert er meine Autorität. Aber er ist nun mal der Freund meines Kindes. Also muss ich doch besonders nachsichtig sein. Oder nicht?

Meine Mutter war nie besonders gefällig meinen Freundinnen und Freunden gegenüber. Wenn wir irgend etwas Verbotenes taten, wurde die Stimme lauter und gerne auch mal die Freundin nach Hause geschickt. Meine Oma nahm auch kein Blatt vor den Mund. "Frau Turrian, Sie Kinderschreck, Sie jagen alle Kinder weg", war ein beliebter und bekannter Reim im Koblenz der 1950er Jahre.

"Ich will eine coole, entspannte Mutter sein."

Dieses Hausdrachen-Erbe wollte ich eigentlich nicht antreten. Die Freunde meiner Kinder sollen sich willkommen fühlen. Ich will doch eine Mutter sein, die gesunde Snacks reicht und jeden Anflug kindlicher Langeweile sofort mit pädagogisch wertvollen Beschäftigungen vertreibt. Eine coole, entspannte Mutter. Aber leider gelingt das nicht immer.

Bei so einem Playdate gibt es ja immer wieder Phasen der Langeweile. Zum Zeitvertreib werden dann meistens Süßigkeiten oder TV-Einheiten gefordert. "Und jetzt Darth Vader", heißt dann oft die von Paul vorgetragene Anweisung. Bevor ich zur rettenden DVD und der Gummibärchentüte greife, versuche ich aber meistens, die Kinder kreativ abzulenken (auch weil seine Mutter Inken eher anti-TV eingestellt ist).

"Paul, lass uns mal alle was Schönes malen", schlage ich vor.

Malen geht irgendwie immer. Die Kinder sind wenigstens für eine Stunde beschäftigt und Paul kann seine kreativen Ergebnisse später stolz seiner Mutter zeigen. Bei Pauls letztem Besuch ging aber leider alles schief. Ich hatte mich mit der "Gala" ins Schlafzimmer zurückgezogen, als ich plötzlich eine verräterische Stille bemerkte.

"Kinder, was macht Ihr denn so, spielt Ihr schön?" "Wie spielen Stempel, das macht voll Spaß!"

Stempel? Wir haben doch gar keine Stempel im Haus. Was bedeutet das wohl? Lieber mal nachschauen. Angekommen im Wohnzimmer dann der Schock!

Alle Kinder inklusive meiner dreijährigen Tochter hatten sich die Handinnenflächen mit Filzstift angemalt und "stempelten" die Tischsets voll. Paul war schon einen Schritt weiter und beäugte interessiert unsere frisch gestrichene, cremefarbene Wand. Bevor ich "Stop!" rufen konnte, war Pauls Handabdruck in grasgrünem Filzstift auf unserer Wohnzimmerwand verewigt.

Mir riss die Geduldsschnur.

"Paul, was soll der Mist, zu Hause malst Du doch auch nicht die Wand an! Und außerdem kriege ich das noch nicht mal mit dem Zauberschwamm weg!"

"Paul schaute mir frech ins Gesicht. Meine Autorität interessierte ihn überhaupt nicht."

Paul schaute mir frech ins Gesicht. Meine Autorität und auch meine hausfraulichen Probleme interessierten ihn überhaupt nicht.

"Du hast mir gar nichts zu sagen, Du bist nicht die Inken!"

Diese Respektlosigkeit machte mich komplett wütend, die "1950er Hausfrau und Mutter" ging mit mir durch. Und "die Inken" will ich nun erst recht nicht sein.

"Für Dich immer noch 'Sie', Paul!" "Hä?" "In meinem Haus gelten meine Regeln: Keine Stempel an der Wand und gegessen wird, was auf den Tisch kommt." "Das Haus gehört doch auch dem Papa vom Sebastian und nicht nur Dir. Ist doch voll gelogen."

Zum Glück klingelte es in dem Moment. Inken war da und ich musste zum Glück nicht mehr mit einem Achtjährigen die Eigentumsverhältnisse unseres Hauses erörtern. Bevor Pauls Mutter mit dem "TV oder nicht TV-Verhör" anfangen konnte, schleuderte ich ihr ins Gesicht:

"Ihr Sohn (Ich war ab jetzt "per Sie" mit ihr, hatte ich beschlossen) hat meine Wände angemalt, das krieg ich nieee wieder ab!" Ich rechnete fest damit, dass sie mich anschreien oder sofort beleidigt das Haus verlassen würde. Doch Inken sagte nur: "Du kannst den Paul gerne zurechtweisen, wenn Dir nicht gefällt, was er macht."

Nun war ich verwirrt. Jetzt ist es also politisch korrekt, die Freunde der Kinder zu maßregeln? Vergebens wartete ich auf eine Sanktion des Paulschen Verhaltens, eine Entschuldigung kam auch nicht. Inken blieb tiefenentspannt.

Komisch eigentlich, denn ich selbst mag es gar nicht, wenn meine Kinder von Anderen kritisiert werden. Ich erinnere mich an eine Situation, als mein Sohn circa drei Jahre alt war und ich mit meiner Freundin und deren gleichaltriger Tochter durch den Supermarkt ging. Sebastian spielte Autoscooter mit seinem Kinder-Einkaufswagen. Natürlich konnte ich ihn nicht davon abhalten und Marlene, die Tochter meiner Freundin, machte sofort begeistert mit. "Marlene, so ein Verhalten musst Du Dir gar nicht erst abgucken. Sebastian, lass den Quatsch!", sagte Marlenes Mutter. Ich reagierte verschnupft. Und auch irgendwie peinlich berührt, weil sich mein Sohn daneben benahm und ich ihn nicht davon abhalten konnte. Aber warum sollte sich Marlene nicht Sebastians Verhalten abgucken? Er ist doch so ein toller und wilder Junge! Mmpf. In meinem trotzig-beleidigten Zustand bemerkte ich fast gar nicht, dass Sebastian mit dem Autoscooter-Spiel aufgehört hatte und artig mit Marlene hinter uns herlief. Im Gegensatz zu mir nahm es Sebastian Marlenes Mutter auch nicht übel, dass sie geschimpft hatte. Sind meine Hemmungen also vollkommen überflüssig?

Für mich steht nach dem Stempel-Erlebnis fest: Meine Wände sind mir wichtiger als mein Image als Mama von Sebastian. Die Rolle als coolste und entspannteste Mutter bekomme ich sowieso nicht mehr. Dafür übernehme freiwillig die Rolle als Hausdrache, was Paul durchaus schon zugutekam.

Er isst jetzt übrigens auch Zwieback.

Text: Nina Massek, www.frau-mutter.de
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