Geburt eines Extrem-Frühchens - und die bangen Tage danach

Die ersten Tage im Leben eines Extrem-Frühchens sind die kritischsten. MOM-Bloggerin Heidi Siller über bange Stunden in der Klinik und das Gefühl, nicht zu den anderen Müttern dazu zu gehören.

Vor der Geburt ihres ersten Kindes wollen Heidi und ihr Mann eine letzte Reise zu zweit machen, die sie von Wien in seine Heimat Südtirol führt. Dort setzen bei Heidi mehr als drei Monate zu früh die Wehen ein. Mit dem Rettungshubschrauber fliegt sie nach Bozen ins Perinatalzentrum und muss strenge Bettruhe einhalten. Eine Woche kann die Geburt hinausgezögert werden, dann kommt Adrian als Extrem-Frühchen in der 25. Schwangerschaftswoche mit nur 900 Gramm Gewicht, 36 Zentimetern Körpergröße und nicht ausgereiften Lungen zur Welt. Die Zeit vor und nach der Geburt beschreibt Heidi Siller in ihrem Blog Almis Personal Blog und in dem Roman Geboren in Bozen. In unserem Auszug geht um die ersten Tage nach der Geburt.

Die ersten Tage im Leben eines Extrem-Frühchens

Am Tag von Adrians Geburt befanden wir uns – trotz allem – auf einem Höhenflug. Ich bekam am Abend ein Einzelzimmer, wir konnten ungestört reden. Ein bisschen begreifen, was passiert ist. Das Pflegepersonal ließ uns in Ruhe. Noch immer hatte ich keine Ahnung, wie das Krankenhaus eigentlich von außen aussieht. Oder wo es genau steht.

Am Tag nach Adrians Geburt holte uns die Realität ein. Ich begann damit, meine Milch abzupumpen, neben lauter frischen Mamas. Italienerinnen, die ihre Babys neben mir stillten. Sie trugen Nachthemden, Bademäntel. Ich war vollständig angezogen, ich lag keine Minute des Tages im Bett. Ich fühlte mich völlig deplatziert, hatte kein Baby bei mir. Nichts stimmte hier, nichts passte zusammen.

Nach jedem Abpumpen brachte ich die Milch hinüber auf die Intensivstation und sah nach Adrian, nachdem ich meine Hände gewaschen und desinfiziert und einen weißen Kittel angezogen hatte. Auch in der Nacht konnte ich ihn besuchen. Die langen, dunklen, ruhigen Spitalsgänge gaben mir Geborgenheit. Gleichzeitig fiel es mir immer schwerer, meine Emotionen unter Kontrolle zu halten.

Spätnachts, zurück auf meinem Zimmer, kamen zwei Schwestern vorsichtig näher. Ob ich ein Beruhigungsmittel wolle? Ich musste an The Verve denken. The drugs don’t work. Auf keinen Fall. Wenn ich einen klaren Kopf brauchte, dann jetzt. So weh es auch tat, ich musste da bei Verstand durch. Wir einigten uns auf Baldriantee.

Die ersten drei Tage im Leben eines Extrem-Frühchens sind sehr kritisch. Die schlimmsten Komplikationen passieren in dieser Zeit. Seriöse Prognosen? Nur beschränkt möglich.

Die Tage bestanden darin, Organisatorisches zu erledigen: die Geburt anmelden, eine Milchpumpe für zuhause zu checken, viele Gespräche mit den Neonatologen führen. Besuch aus Wien zu empfangen: Meine Eltern kamen nach Bozen. Und zu versuchen, nicht alle zehn Minuten in Tränen auszubrechen.

"Ich wollte niemanden sehen, schon gar nicht andere Mütter mit ihren Babys."

An Adrians drittem Lebenstag - meine Eltern waren gerade wieder abgereist - saß ich also wieder mal auf der Neugeborenen-Station, um abzupumpen. Es klappte anfangs nicht richtig und war auch sehr unangenehm. Ich hatte mich in einen Nebenraum verkrochen, weil ich niemanden sehen wollte, schon gar nicht andere Mütter mit ihren Babys. Da stand plötzlich einer der Neonatologen vor mir. Er hatte mich schon gesucht. Ob er lieber später vorbeikommen sollte. Ich verneinte. Er hatte ja sicher einen Grund, mit mir sprechen zu wollen. Die Sache wäre die, dass Adrian eine Bluttransfusion bräuchte. Er möchte mit uns drüben auf der Station dazu ein Beratungsgespräch durchführen, denn dazu war unsere Unterschrift notwendig.

Es war wie eine Filmszene. Ich saß da und sah ihn an. Die ganze Welt um mich herum schien im Boden zu versinken. Ich nickte nur und sagte irgendwas, ich weiß nicht mehr was. Jetzt ist alles aus, glaubte ich. Es war, als hätte mir jemand mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen, ich konnte gar nicht mehr denken. Diese Situation wiederholte sich in den nächsten Wochen immer wieder einmal. Meistens stand ich dabei auf zwei Beinen, was immerhin schwieriger war als zu sitzen. Ich überlegte, wie ich es meinem Mann am besten beibringen sollte, ohne, dass er dabei so einen Schock bekommt wie ich. Möglichst beiläufig. als wüsste ich alles über Bluttransfusionen bei Babys. Es gelang, na ja, mäßig.

Später auf der Station erfuhren wir, dass eine Bluttransfusion für Frühchen relativ normal ist, und auch nicht die Nebenwirkungen hervorruft, wie sie das bei erwachsenen Menschen tut. Es ist natürlich auch viel weniger Fremdblut notwendig. Das Gute war, dass man auf der Intensivstation dieser Klinik immer ausführlich informiert wurde. Und aufgefangen. Man fühlte sich dort geborgen. Dass wir in Bozen waren, in dieser Situation, war einer der Glücksfälle im Leben.

Am Dienstag wurde Adrian geboren, am Freitag wurde ich entlassen. Bevor wir nach Hause fuhren, sagte unser Neonatologe: "Wir sind schon drei Tage alt." Was für ein gutes Gefühl. Damit war lange nicht alles ausgestanden. Aber es war ein erster Schritt.

Adrian lag nach seiner Geburt fast vier Monate im Krankenhaus. Heute ist er sechs Jahre alt und es geht ihm sehr gut. Gesundheitliche Folgen des dramatischen Starts ins Leben hat er nicht, "er ist nur immer noch sehr zierlich", sagt seine Mutter Heidi Siller.

Text von Heidi Siller, ursprünglich erschienen auf http://blog.lei.at.


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