Hebammen in der Krise: "Wir brauchen mehr als schöne Worte"

Steht die freiberufliche Geburtshilfe vor dem Aus? Müssen Mütter bald ohne Wochenbett-Betreuung auskommen? Ein Gespräch mit Jana Friedrich vom Hebammenblog.

Ob in der Vorsorge oder im Wochenbett - viele Mütter können sich kaum vorstellen, wie sie die Schwangerschaft und die ersten Wochen mit ihrem Baby ohne Hebamme überstanden hätten. Doch diese Leistungen der Hebammen stehen mehr denn je auf der Kippe: Ein weiterer großer Versicherer hat angekündigt, ab Juli 2015 keine Hebammen mehr zu versichern. Der Deutsche Hebammenverband befürchtet, dass bald gar keine Haftpflichtversicherungen mehr für Hebammen angeboten werden.

Grund sind die über Jahre gestiegenen Kosten durch "Personenschäden". Heißt: Mehr Eltern klagen heute, wenn etwas bei der Geburt schiefläuft. Den freiberuflichen Hebammen, die ohnehin schon enorme Versicherungsprämien zahlen, droht nun der komplette Wegfall des Versicherungsschutzes. Am Dienstag hat sich Gesundheitsminister Gröhe mit Hebammen-Vertreterinnen in Berlin getroffen, um über eine Lösung der Krise zu sprechen. Konkrete Pläne gab der Minister jedoch nicht bekannt.

BRIGITTE MOM hat darüber mit MOM-Bloggerin und Hebamme Jana Friedrich gesprochen, die die Proteste der Hebammen und Eltern in ihrem Blog begleitet.

Jana Friedrich ist Hebamme in Berlin und schreibt das Hebammenblog

BRIGITTE MOM: Wie ging es Ihnen, als Sie erfahren haben, dass eine weitere große Versicherung die Hebammen fallen lässt?

Jana Friedrich: Natürlich war ich erstmal geschockt. Aber ich habe auch gedacht: Endlich passiert mal was, was die Politik zwingt zu reagieren. Bislang wurde zwar realisiert, dass die Haftpflichtversicherungen seit Jahren immer teurer werden - 1981 lag der Beitrag noch bei 30 Euro im Jahr, heute sind es schon 4420 Euro. Aber gehandelt wurde nicht. Das liegt auch an der defensiven Haltung der Hebammen. Wir haben uns zwar ein bisschen beschwert, aber ansonsten einfach noch mehr gearbeitet und so versucht, die Kosten aufzufangen. Jetzt ist klar: Wir können das nicht mehr alleine stemmen. Wir brauchen eine politische Lösung.

Gesundheitsminister Gröhe hat versprochen, sich um die Situation der Hebammen zu kümmern – zunächst mit einer "kurzfristigen" dann mit einer "langfristigen" Lösung. Wird jetzt alles gut? Die Vertreterinnen, die in Berlin waren, haben zurückgemeldet, dass sie ganz zufrieden waren. Herr Gröhe hat gezeigt, dass ihm das Thema wichtig ist - vielleicht ist es hilfreich, dass er Vater von vier spontan geborenen Kindern ist. Aber für mich ist die Sache damit noch lange nicht erledigt. Es gibt bislang kein offizielles Statement von Herrn Gröhe. Wir haben nur schöne Worte gehört, ob daraus konkrete Maßnahmen entstehen, muss man sehen. Bis dahin können wir uns nicht entspannen, sondern müssen den Druck aufrechterhalten.

Wie genau könnten politische Maßnahmen aussehen?

Es gibt Forderungen des Deutschen Hebammenverbands. Dazu gehört, dass eine Haftungsobergrenze festgelegt und ein steuerfinanzierter Fonds eingerichtet werden soll, der bei Härtefällen die darüber hinaus anfallenden Kosten übernimmt. Der Verband will auch durchsetzen, dass die Verjährungsfrist auf zehn Jahre gekürzt wird. Aktuell können Eltern ihre Hebamme auch noch 30 Jahre nach der Geburt ihres Kindes wegen Geburtsschäden verklagen. Das muss sich ändern, damit auch die Versicherer ihr Risiko besser kalkulieren können. All diese Forderungen schnell umzusetzen ist natürlich nicht einfach, weil nicht nur das Gesundheitsministerium, sondern auch das Finanz- und das Justizministerium involviert sind. Das muss man den Politikern zugestehen. Was bedeutet es für die Eltern, wenn es – wie prognostiziert – ab Sommer 2015 keine freiberuflichen Hebammen mehr gibt? Es würde dann keine Schwangerschaftsvorsorge mehr durch Hebammen geben. Das machen zwar auch die Frauenärzte, aber unsere Betreuung geht weit über das Angebot der Ärzte hinaus. Auch die Nachsorge würde wegfallen, also die Betreuung nach der Geburt. Und das ist wirklich dramatisch. Hier fangen wir Hebammen so viele Sorgen und Fragen auf, die Mütter sonst nur in den Rettungsstellen der Ärzte und Kliniken loswerden könnten. Das würde am Ende nicht nur mehr Nerven kosten, sondern die Kassen auch mehr Geld. Rückbildungskurse würden ebenfalls wegfallen, Schwangerschaftskurse und natürlich die außerklinische Geburtshilfe, also die Möglichkeit, das Kind zuhause oder in einem Geburtshaus zu gebären. All diese Leistungen der Hebammen anders aufzufangen, wird kaum möglich sein.

Sind Hebammen, die in Kliniken arbeiten, auch von der Haftpflicht-Problematik betroffen? Ja. Zwar sind die angestellten Hebammen, zu denen ich auch gehöre, über die Klinik versichert. Aber die Schadensfälle, die bei der Geburtshilfe auftreten können, können so gigantisch teuer sein, dass die normale Versicherung nicht ausreicht. Uns wird darum empfohlen, zusätzlich eine private Haftpflichtversicherung abzuschließen. Sonst müssten wir im schlimmsten Fall mit unserem Privatvermögen haften - wären also höchstwahrscheinlich ruiniert. Wenn die privaten Haftpflichtversicherungen Hebammen nicht mehr versichern, sind wir Klinikhebammen also auch betroffen. Und ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, unter einem solchen Risiko zu arbeiten.

Was kann man tun, um die Hebammen zu unterstützen? Es gibt mehrere Petitionen und Aktionen auf Facebook, die auch von Eltern initiiert wurden. Das ist toll, allerdings droht auch die Gefahr, dass sich der Protest zerfasert und viele Stimmen verloren gehen. Ich würde darum empfehlen, die aktuelle Petition "Rettet unsere Hebammen" von Bianca Kasting auf Change.org zu unterzeichnen. Wenn dort viele Menschen mitmachen, lässt sich das nicht so leicht ignorieren. Außerdem hinterlässt man dort seine E-Mailadresse und kann über weitere Aktionen benachrichtigt werden. So werden die Energien besser gebündelt. Und was sicher auch etwas bringt: die Bundestagsabgeordneten mit Briefen und Mails bombardieren. Dafür gibt es auch Vordrucke und Adressenlisten auf der Seite des Deutschen Hebammenverbands. Für alle, die auf dem Laufenden bleiben wollen, berichte ich auch auf meinem Blog über aktuelle Entwicklungen und Aktionen.

Interview: Michèle Rothenberg

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