"Meine Tage begannen mit Tränen": Wie es nach einer Eltern-Trennung weitergehen kann

Getrennt erziehend: So funktioniert das Wechselmodell. Journalistin Anne Dittmann und Autor Daniel Lehmann über ihre Erziehung als getrenntes Paar. 

SIE SAGT

"Meine Tage begannen mit Levis Tränen"

Journalistin Anne Dittmann, 29, brach nach einem Jahr als Alleinerziehende zusammen. Während ihr Ex Hilfe von seiner Mutter bekam und alles zu wuppen schien. Jetzt leben beide das Modell "getrennterziehend". Wie geht das?

Ich hatte das Gefühl, dass er mir alles entreißt. Daniel trennte sich von mir, als Levi gerade mal ein Jahr alt war. Er packte seine Sachen, zog aus und bot mir an, unser Kind die Hälfte der Zeit zu nehmen. Levi an zwei Wochen im Monat nicht zu sehen, kam für mich nicht infrage – er war fast noch ein Baby! Wir hatten das gemeinsame Sorgerecht und teilten die Betreuung immer gleich auf. Also ließ er mich auch hier entscheiden. Wenigstens etwas. Jedes zweite Wochenende war Levi jetzt bei Papa und unter der Woche besuchte Daniel uns ab und zu.

Betreuung zu gleichen Teilen 

Zwar hatte ich mein Kind stets bei mir, merkte aber sehr schnell, dass mich der Zustand als Alleinerziehende auslaugte. Trotzphasen, Deadlines, Kochen, Kinderarzt, Einkauf, Matschhosen – ich jonglierte alles allein. Meine Tage begannen mit Levis Tränen, dem es in der Kita lange schwerfiel, sich von mir zu trennen. Auf Arbeit ackerte ich in sechs Stunden herunter, was normal für acht Stunden gedacht wäre, um um 16 Uhr wieder bei ihm zu sein. Ich vergaß Arzttermine oder Vereinbarungen. Einmal standen Daniel und Levi morgens vor meiner verschlossenen Haustür, weil ich den Tag verwechselt hatte. Daniel hingegen fuhr mit ihm meist zu seiner Mutter, wo für beide Wäsche gewaschen und Essen gekocht wurde, während sie gemütlich spielten. Daniel bekam tolle Jobs, fing an zu joggen, hatte sowohl beruflich als auch finanziell einen Vorsprung bekommen. Und ich? Hatte das Gefühl, dass zwischen unseren Leben eine riesige qualitative Lücke klafft.

Also stellte ich alles auf den Prüfstand. Ich dachte darüber nach, wie ich mich emanzipieren konnte, um meine begrabenen Potenziale wieder nutzen zu können und um Levi zu zeigen, was Frausein ausmacht – nämlich nicht nur Mama zu sein. Zudem war Levi mittlerweile schon dreieinhalb Jahre alt und konnte gut äußern, was er braucht. Darum schlug ich Daniel das Wechselmodell vor.

Seit über einem Jahr betreuen wir unser Kind nun zu gleichen Teilen. Von Sonntagabend bis Mittwochfrüh lebt Levi bei mir und von Mittwochnachmittag bis Samstagfrüh bei Daniel. An den Wochenenden wechseln wir uns ab. Es hat noch eine Weile gedauert, aber nun ist auch die ganze elterliche Orga, dieser sogenannte Mental Load, fair verteilt. Erst kürzlich fragte Daniel mich, ob er auch für meine Wohnung neue Herbstkleidung für Levi besorgen soll, weil er das gerade eh auf dem Zettel hatte. Er führte einen digitalen Kalender für unsere gemeinsamen Termine ein – den er pflegt. Letztens war ich als Speakerin auf einem Panel eingeladen. An dem Abend wäre Levi eigentlich bei mir, aber Daniel kam mit und hat im Nebenraum mit ihm gespielt.

Trotz der Aufteilung müssen wir aber auch flexibel bleiben. Es gab Tage, da hat Levi mich so vermisst, dass er weinend anrief und mich bat, ihn ins Bett zu bringen – aber in Daniels Wohnung. Also schwang ich mich auch am späten Abend noch aufs Fahrrad. Nicht, weil Daniel ihn nicht auch hätte trösten können, sondern um Levi zu zeigen, dass auch er ein echtes Mitspracherecht hat. Jetzt hat Daniel eine neue Wohnung – nur zwei Straßen weiter. Levi läuft nun stolz zwischen seinen beiden Zimmern hin und her.

So hilfst du dir selbst nach einer Trennung wieder auf die Beine

ER SAGT 

"Ich fühlte mich nicht wie ein richtiger Vater"

Autor Daniel Lehmann, 29, wollte kein Wochenend-Daddy sein. Und verstand nicht, warum er nach dem Beziehungsaus trotzdem diese Rolle einnehmen musste.

Als ich mich von Anne trennte, war es für mich eigentlich selbstverständlich, dass wir uns die Betreuung gleichermaßen aufteilen. Zum einen, weil ich meinen Sohn natürlich weiterhin sehen wollte. Aber auch, weil ich tatsächlich dachte, ihr damit helfen zu können. Das Ende unserer Beziehung sollte nicht das Ende meiner Verantwortung als Vater sein. Dass ich ihr damit nicht entgegenkomme, sondern die Auswirkungen der Trennung für sie noch schmerzlicher machen würde, war mir nicht klar. Wenn ich ehrlich bin, verstand ich trotzdem nicht, warum wir nicht direkt in das Wechselmodell übergegangen sind. Ich fand es nicht fair, meinen Sohn im Grunde nur noch jedes zweite Wochenende zu sehen. Aber wie konnte ich das Wort "fair" überhaupt in den Mund nehmen, wenn ich doch derjenige war, der diesen Schnitt erst vollzogen hatte? Für uns beide war von vornherein klar: Wenn wir das alles langfristig stemmen wollen, brauchen wir ein gutes Verhältnis zueinander. Und das hieß für mich in dem Moment, ihre Bedingungen erst einmal zu akzeptieren.

Herausforderung nach der Trennung

Die ersten Monate nach der Trennung hatte ich noch keine Wohnung und kam bei einem Freund unter. Dort hatte ich keine Schlafmöglichkeit für Levi, weshalb wir an den Wochenenden oft bei seiner Oma und Uroma zu Besuch waren. Für ihn war das großartig. Unter der Woche war ich ein paar Nachmittage mit ihm unterwegs, brachte ihn aber abends wieder zu Anne. Klar, klingt erst mal toll, alle Abende frei, kein Ins-Bett-Bringen, keine unruhigen Nächte. Doch für mich war das ziemlich unbefriedigend. Ich fühlte mich oft nicht wie ein "richtiger" Vater. Dann schrieb Anne als Autorin auch noch häufig von sich als Alleinerziehende und den damit verbundenen Herausforderungen und Problemen – dabei wollte ich ja gerne mehr!

Im Grunde bedeutet Kinderbetreuung, ob getrennt oder nicht, immer Absprachen. Bei Anne und mir ging das aber immer auch mit dem Aufeinanderprallen zweier Lebensweisen einher. Sie ist eher spontan, ich plane eher langfristig. Auch um Levi, Job und Freizeit unter einen Hut zu kriegen. Manchmal wird die Planung auch zum regelrechten Kuhhandel, wenn man sich plötzlich Sätze sagen hört wie: "Wenn ich Levi an Tag X bei mir habe, möchte ich dafür aber am Tag Y frei!" Doch wahrscheinlich ist auch das völlig normal, wenn verschiedene Bedürfnisse von verschiedenen Menschen nicht zu kurz kommen dürfen.

Es heißt ja immer, wenn es der Mutter gut geht, geht es dem Kind auch gut. In der heutigen Zeit müsste es längst heißen: wenn es der Mutter und dem Vater gut geht. Was Levi angeht, genießt er es natürlich, wenn wir ab und zu auch zu dritt etwas unternehmen. Wie neulich beim Italiener – Levi kuschelte sich am Tisch zwischen uns und war einfach zufrieden. Durch unser Modell wissen wir beide, dass er beim jeweils anderen sehr gut aufgehoben ist, und der andere von uns beiden kann dann die kinderfreie Zeit richtig genießen.

Die größte Herausforderung nach einer Trennung mit Kind ist wahrscheinlich die, demjenigen, der die Beziehung beendet hat, ein Stück weit zu verzeihen und wieder vertrauen zu können. Ich bin Anne dankbar dafür, wie sie das hinbekommen hat und es mir bis heute auch zeigt.

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BRIGITTE 02/2020

Wer hier schreibt:

Anne Dittmann, Daniel Lehmann
Themen in diesem Artikel

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